Leicht…..

„Guten Tag!“ lächelte Frau Leichtigkeit und tanzte aus der Reihe, vorbei am Stein des Anstoßes.
Das sah ein Wolke. Die schmunzelte leise.
„Frau Leichtigkeit hat gut lachen.“ dachte der Stein und wünschte sich, ein Fels zu sein.

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Vom grünen König die Zweite

Es könnte aber auch so gewesen sein:

Die vergessenen Worte versteckten sich hinter den Sternen. In der Nacht ließen sie sich vom Himmel fallen und sanken auf den Grund des rubinroten Meeres. Der grüne König erwachte von einem Klirren. Er staunte über das farbige Licht in seinem Reich, das nicht vom mondmatten Schein der Perlen und Muscheln her rührte. Er war allein. Weder seine vielgestaltige Geliebte, noch die kleinen Fische, die ihn sonst stets umschwärmten, waren zu erblicken. Wo waren seine acht Töchter. Es war still. Kein silberhelles Kichern war vom Schloss her zu hören. Vielleicht hatte das neue Licht ihnen Angst eingeflößt und sie vertrieben. Er raufte sich die Haare und versuchte zu verstehen, setzte sich auf, nahm seinen Dreispitz und versuchte das Licht zu fangen, doch es entzog sich ihm.

Schließlich ruderte er in seiner Verzweiflung mit der starken Rückenflosse eine große Runde um das Reich.
Überall dieses Licht. Er stand vor einem Rätsel. Was war geschehen. Etwas wie Angst runzelte ihm die Stirn.

Noch nie in seinem langen Leben hatte der grüne König sich mit Angst geplagt. Jetzt runzelte er traurig die Stirn und fragte sich,
ob es wohl das Älterwerden sei, das ihm nicht nur seine Vitalität raubte, sondern auch die optimistische Grundhaltung, die ihm bisher zeitlebens eigen war.
Natürlich spürte er schon eine Weile, dass die Kräfte langsam nachließen und er viel lieber zu Hause auf dem grünen Algensofa saß, als zu den Grenzen seines Landes zu schwimmen, um sein Gebiet zu schützen. Dazu hatte er ja auch eine gut ausgebildete Armee aus Spähern, Kundschaftern und Diplomaten. Und die Weisen seines Ozeans verwandelten sich regelmäßig in Meeresschaum und gelangten so, wohin auch immer sie wollten.

Der Dreispitz hatte schon lange verrostet am Haken gehangen und taugt nur noch zum Einfangen verlorener Worte. Zum Glück waren die Zeiten friedlich und die Nachbarländer mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Sieben der acht Töchter des grünen Königs waren längst erwachsen und mit der eigenen Brut beschäftigt. Die vielen kleinen Nixen, Seejungfern und Wassermänner hielten sie in Trapp. Diese Kinder waren recht anstrengend und sehr anspruchsvoll. Nun kleine Prinzen und Prinzessinnen müssen eine Menge lernen, schließlich hängt von ihnen ab, ob es den Bewohnern Ozeaniens einmal gut gehen wird. Da sind viele Dinge zu bedenken und man braucht einen gut trainierten Körper, eine klaren Kopf und einen gelassenen Geist.
All das wusste der grüne König, denn sein Geist war klar wie das Wasser aus der verborgenen Quelle unter dem gläsernen Thron seines Spiegelschlosses. Von seinem grünen Sofa aus schaute er in seine Welt hinein, und er sah seine Enkelkinder wachsen und mit den Seepferdchen spielen.
Manchmal leistete ihm seine vielgestaltige Geliebte, die zauberhafte Hexe Immergrün, Gesellschaft. Wie keine andere seiner Frauen verstand sie es, ihn mit ihren immer neuen Geschichten aus seiner Versunkenheit und den Grübeleien über das Alter heraus zu holen, während die kleine Marielena, ihre gemeinsame Tochter, als jüngstes Kind das Recht hatte, der Seeharfe sphärische Klänge zu entlocken.

Vielleicht, dachte der alte König, sollte er abdanken und einen neuen König bestimmen.
Die modernen Zeiten waren schwer zu verstehen. Er würde sich mit der Hexe Immergrün beraten und nun versuchen zu schlafen. Der Morgen war noch weit, und wer weiß, vielleicht löste ein Traum das Rätsel um die seltsame Atmosphäre, die ihn heute so erschreckt hatte.

Vom Leisen

Das Leise hatte sich in den Wald unter die Bäume zurück gezogen.Es war geflüchtet vor allem Lauten, dass seine schrillen  Gedanken über den Laufsteg des Lebens führte. Einstweilen war es besser so. Was sollte es tun?
Abwarten!
Es wusste schon, dass die Zeit kommen würde, in der es seinen Platz auf dem Laufsteg des Lebens wieder einnehmen würde.
Der Sommer verabschiedete sich mit roten Äpfeln, die er dem Herbst in die bunten Hände legte, damit sie dort nachreifen konnten.
Jemand erntete die Äpfel schließlich.
Der Herbst wurde müde, gähnte und rief den Winter herbei.
Sein buntes Gefieder verschenkte er an den Wind. Die nackten Zweige spießten sich in den Himmel: Biegsame Gestalten voll Schönheit und Grazie,
Bizarr und verbogen zerteilten die Bäume mit langen Schatten das Wintergrau.
Es kam ein neuer Tag und mit ihm die ersten Schneeflocken.
Langsam und unaufhörlich deckten sie Erde, Bäume, Häuser zu.
Das Weiß des Schnees schluckte alle lauten Geräusche, die sich gestern noch brüllend in den Haaren gelegen hatten.
Die winterdichten geordneten Gärten lagen verlassen, und die gebrochene Erde der Felder atmete Ruhe ein und aus.
Nur noch gedämpft drangen Krähenkrächzer zum Haus.
Drinnen war es warm. Die Menschen waren mit ihren Händen beschäftigt, die eifrig dieses und jenes damit vollbrachten. Das gefiel dem Leise gut. Es kam aus seinem Versteck hervor und setzte sich zwischen die Menschen.

Traum und Wirklichkeit

Nichts ist so, wie sie es sich einst erträumt, und doch ist es mehr, als sie erwartet hatte.
Sie kennt den Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit.
„Weißt du“ , sagt sie zu Milkyway, dem grauen Tigerkater,
„dazwischen ist mehr als viel – alles!“ und sie lächelt und strahlt.

Sie streichelt die Katze und sät ein Samenkorn in den roten Blumentopf.
Während sie aus dem Fenster schaut, schwebt ein gelbes Blatt vom Apfelbaum.
„Dazwischen ist alles – die Fülle.
Traum und Wirklichkeit“ , das weiß sie schon lange,“
gehören zusammen, wie Tag und Nacht.“
Die Katze schnurrt laut und streicht um ihre Beine. Ihr wird warm ums Herz. Sie freut sich über diesen kostbaren Augenblick der stillenden Fülle.

selbstbildnis 4

wo die vergangenheit geblieben ist… versteckt, vergraben, begraben
das kind im dorf auf dem hof erinnert: die pickenden hühner, der hofhund, die großmutter erbsen puhlend oder kartoffelschälend, fetzen, roter bohnerwachs zu mit atta geschrubbtem holz, der duft von wicken im sommer, wenn die kirschen reif sind, gemähtes gras,
dann lange nichts, filmriss…nur manchmal…schält sich aus dem kaffeesatz der zeit etwas nach oben, nimmt fahrt auf, wird überdeutlich.
das vergilben hat nicht stattgefunden…alles wie frisch gewaschen und vom wind getrocknet…perlen auf einer kette, die das gelebte leben zusammen halten und mit dem jetzt verbinden.

Domspitzen

Und wenn dir die Domspitzen dunkel und viel zu klar ins Januargrau stechen, dann stell dir vor, zwischen den Domspitzen sei ein Seil gespannt:

Gerade fährt der am Dom außenliegende Aufzug AURORA hinauf. Sie trägt himmelblau und Silber von Kopf bis Fuß. Die lange goldene Balancierstange wurde schon gesondert nach oben transportiert. AURORA atmet tief ein und aus, während die Fahrt sie immer weiter nach oben führt. Jetzt ist sie da. Das Herz klopft laut. Die Aufregung, verbunden mit höchster Konzentration und Aufmerksamkeit, nimmt sich Raum. Der Körper der Tänzerin ist warm und geschmeidig. Sie setzt den rechten Fuß auf die Plattform, von der aus das Drahtseil hinüber zur anderen Seite gespannt ist. Unter ihr auf dem Domplatz sind an diesem frühen Nachmittag die Menschen zusammen gelaufen, um der besonderen Attraktion zuzuschauen, mache(r) mit ängstlichen Blicken und einer Mischung aus Bangigkeit und Neugier im Bauch.
Es ist kalt und windstill vor dem Dom, was selten vorkommt. Von unten sieht die Masse nur die leuchtende Silhouette der zierlichen Akrobatin, die sich gut vom Wintergrau absetzt . Beinahe fassbare Anspannung steigt von unten nach oben zum Seil. Selbst die Kinder sind still. Einige Gaffer halten die Hände vor die Augen, spinksen nur ab und zu durch die Finger hinauf.
AURORA steht nun mit beiden Füßen auf der Plattform. Sie strafft ihre Haltung und verbietet sich, nach unten zu schauen. Sie versucht, das schnell schlagende Herz zu beruhigen und verscheucht die flüsternde und raunende Angst. Sie kennt dieses wilde Tier, dass ihr den Mut rauben will, das sie gängeln und zurückhalten möchte und weiß. wie sie es bezähmen muss. Der Talisman liegt über dem Brustbein unter dem eng anliegenden Trikot.
Verlässliche Werkzeuge sind langjährige Erfahrung auf dem Seil und der bis in die letzte Faser durchtrainierte und biegsame Körper, dem sie blind vertrauen kann. Sie fasst das Ziel, die Plattform an der gegenüberliegenden Domspitze, ins Auge, misst mit den Augen die Entfernung. Der Weg ist nicht weit. Sie hat schon weitere Strecken auf dem Seil hinter sich gebracht. Nie aber hing das Seil in dieser Höhe.
Obwohl der Tag windstill ist, weht es in dieser Höhe. Tief einatmen, ruhig werden, Spannung halten, die Konzentration in die Füße lenken. Einen letzten Gedanken schenkt sie dem, was hinter ihr liegt und lässt es los.
Sie greift nach der Balancierstange, setzt probeweise einen Fuß auf das Drahtseil, horcht in sich hinein, wartet auf das Zeichen, das sie unmissverständlich auffordert, zu beginnen.

Sie hebt die Arme, sieht nicht, wie der Rhein ihr entgegenblinkt und die Schiffe gemächlich dahin gleiten. Für sie ist der Verkehr in der Stadt, auf den Brücken und im Hauptbahnhof ausgeblendet.
Ebenso geht es der Menschenmenge auf dem Platz, die nun gebannt nach oben schaut und den Atem anhält.
Für einen kurzen Augenblick schließt AURORA die Augen, öffnet sie wieder und tanzt los.
Sie spürt und tastet, während der innere Dirigent die alltäglichen Stimmen und Geräusche seinen musikalischen Formen unterordnet und AURORA die Einsätze gibt. Die Seiltänzerin ist ganz und gar in ihren Füßen verschwunden, die über das Seil gleiten und hüpfen, als sei es Asphalt, auf den die Kinder mit Kreide ein Hüpfkästchen gemalt hätten. Die Choreografie sitzt perfekt.
Beide Arme führen die Balancierstange gekonnt ausgleichend. Ihre Füße fühlen den Weg über das Seil.
Von unten schicken Menschen hoffnungsvolle Gedanken hinauf. Der Kardinal bittet alle Engel darum, helfend einzugreifen beim kleinsten Fehler und betet laut ein Stoßgebet.
Aber AURORA macht keinen Fehler.
Sie ist jetzt in der Mitte zwischen den Domspitzen angekommen und dreht sich einmal um sich selbst.
Ein einziger Schrei entringt sich der Menschenmenge unten.
Im Grau des Himmels hat sich ein blaues Fenster geöffnet.
Die Zeit scheint still zu stehen, während die Tänzerin Schritt für Schritt die Länge des Seils ermisst, ganz ruhig wie in Trance.
Als es geschafft ist und ihr Fuß die gegenüberliegende Plattform berührt und sie wieder festen Boden unter den Füßen hat, schickt sie ein stummes Dankgebet zum Himmel, bevor sie sich vor dem Publikum verbeugt.
Tosender Applaus und jubelnde Bravorufe wollen nicht enden. Ein Blasorchester spielt auf,
AURORA legt die Stange beiseite und wirft Kusshände in die Menge. Sie ist glücklich und beseelt und fühlt sich leicht. Dankbar verabschiedet sie sich vom Seil und zwinkert den Domspitzen zu.
Es ist ihr letzter Auftritt.
Ohne noch einmal zurück zu schauen, betritt sie den Aufzug nach unten.
(Inspiration für diese Geschichte war ein Foto. Darauf sieht man ein Stück der filigranen Zwillingstürme des Kölner Doms  in einen bleigrauen Himmel staken.)

Eigentlich

 gab es noch eine ganz andere Welt. Auch dorthin wanderte Maja manchmal, besonders dann, wenn ihre Stimmung düster war und sie sicher sein wollte, ganz allein zu sein.
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Heute war wieder so ein Tag, jedenfalls ganz sicher kein Prinzessinentag mit flamingoroten Seidenröcken. Es war ein ernster, dunkler Jeans- und Turnschuhtag. Alles ging schief.
Weil Maja am Morgen beim Frühstück zu lange mit Adinos dem Riesenhasen unterwegs gewesen war und getrödelt hatte – Mama und Papa waren schon früh zur Arbeit gefahren – kam sie ohne Fahrrad, das sie noch hätte aufpumpen müssen, viel zu spät in der Schule an und verpasst die Chorstunde bei Frau Kammerton, die sie so liebte.
So ein Mist, dazu regnete es und der Wind war bitter kalt, obwohl doch schon März war und die Osterglocken zu blühen begannen.
Irgendwie bekam Maja vom Unterricht nicht viel mit. Keine Ahnung, was Herr Freitag, der Mathelehrer ihnen für den nächsten Tag aufgegeben hatte. Jetzt war Pause und alle mussten nach draußen.
Maja hasste den Pausenhof. Sie wäre viel lieber im Schulgebäude geblieben, um sich in eine stille Ecke zurück zu ziehen und mit den Gedanken davon zu fliegen. Sie hasste das Gedränge, konnte Rempeln und Lärm nicht ab. Sie hatte auch keine Lust, Fußball zu spielen oder in Grüppchen blöde Mädchenspiele zu spielen. Alles ätzend.
So beschloss Maja, den Schulhof heimlich zu verlassen. Vorsichtig schaute sie sich um, damit kein Lehrer sie erwischte. Gut, dass sie sich beinahe unsichtbar machen konnte, wenn sie das nur fest genug wollte.
Draußen angekommen rannte sie los. Einmal nach rechts in die Seitenstraße, dann geradeaus bis zum Ende der Sackgasse, über die Wiesen, durch das das kleine Wäldchen zum Schrottplatz. Hier war niemand. Ausrangierter Wohnmobile und Autowracks standen dort herum, dazwischen rostige Fahrräder und Kinderwagen ohne Räder, alte Waschmaschinen, und Tonnen mit undefinierbaren Inhalt. Der Platz war gut versteckt hinter den Bäumen des kleinen Wäldchens. Eigentlich wollte Maja ja nur ein paar Minuten hier bleiben und dann zurück zur Schule gehen. Das hätte auch geklappt, wenn sie nicht wieder die Zeit vergessen hätte. Sie öffnete die Tür eines alten Autowracks, kletterte hinein, klemmte sich hinter das Lenkrad und wollte gerade zu einer imaginären Reise starten, als sie etwas hörte. Ein Winseln! Sie drehte sich um und sah nichts, suchte das Auto ab und fand nichts, stieg wieder aus, suchte.