Nur eine Tulpe im Strauß, gestern!

Werde ich der Tulpe in ihrem Wesen gerecht, wenn ich mich davon tragen lasse zu Erinnerungen, in Geschichten und Gedanken? Wie Seide schimmert ihre Blüte.
Da war mal ein kleines Mädchen, das wünschte sich nichts mehr, als ein Prinzessin zu sein. In ihren Gedanken lief sie der Mutter, dem Vater, des Geschwistern und auch allen anderen davon. Oft war sie zwar sichtbar anwesend, aber mit dem Geist in einer ganz anderen Welt.
Dort, in Adianopulis, war immer Frühling. Das Gras wuchs stark und üppig grün. Blumenelfen bevölkerten die Hecken. Es war eine lange Hecke unter dem blauen Himmel, über den nur hin und wieder eine Wolke schwebte. Ein leichter Wind wehte über das Gras. Das Mädchen trug weite, seidene Röcke, flamingorot changierend und blütenweiße Hemdchen mit Puffärmeln. Für ihre langen, dunklen Haare flocht sie bei jedem Besuch einen Kranz aus Blüten Die Röcke bauschten sich im Wind. Das Mädchen, das so gerne eine Prinzessin sein wollte, hatte einen Begleiter. Es war Adinos, der weiße Riesenhase. Wo sie auch ging, wanderte und tanzte, da war er an ihrer Seite. Er passte auf, dass sie der Hecke nicht zu nah kam, denn die Dornen hätten ihre seidenen Gewänder zerfetzt. Und überhaupt, er konnte gut zuhören mit seinen langen Ohren. Oft vertraute die kleine Maja sich dem Hasen an. Sie klagte über die raue Welt, in der sie zu hause war, sprach über das Unverständnis anderer Mädchen und darüber, dass sie keine Freundin hatte. Die schönen Sachen erzählte sie auch, von der Mama, die sie lieb hatte, dem kleinen Bruder, der noch der Wiege lag, der Klassenlehrerin, die ihr Tulpenbild gelobt und an besonderer Stelle im Klassenzimmer aufgehängt hatte. Maja konnte wunderbar malen. Regelmäßig erinnerte Adinos Maja daran, dass sie zurück kehren müsse, um Aufgaben zu erfüllen, die sie nur in der anderen Welt erfüllen konnte und die wichtig waren, um zu wachsen und erwachsen zu werden, irgendwann. Auch gab es in Adianapolis nicht die rechte Menschenkost.

Hinter den Hecken

es ist stumm hinter den hecken
in diesen tagen
die noch winter tragen
und den frühling ahnen lassen
weich segeln wolken am himmel
der täuscht in seinem blauen gewand

auf dem verwaisten platz in der mitte
noch spuren vom magischen kreis
dort
wo das ICH mit dem DU
einst flüsterte und raunte
verflochtene zweige nur
und dornen, die blicke abweisen
um ihr geheimnis zu wahren

Rosenzeit 1

Flores, ich kenne dich nicht. Oder doch?

Aber dein Name – der Wind trug ihn mir zu – lässt Ozeane aus Blüten wachsen und vor meinem inneren Auge Gärten entstehen mit Laubengängen und Labyrinthen – Hecken, dichtverflochten, fühlingsgrün und hoch – ich greife zur Lupe, sehe die eine Rosenblüte, winzigklein noch, gerade geschlüpft – im Pflanzenmeer!
Im Zeitraffer wächst sie, öffnet ihre Knospe dem Licht und entschleiert die gefalteten Schichten ihrer glutroten Pracht – so durchscheinend und zart im Gegenlicht – zeigt sie ihr Herz und füllt den Raum mit Duft.

Meine Nase kann sich nicht satt riechen. Die Augen geschlossen, ahne ich das Seidensamt der Blüte auf den Lippen.
Und dein Name schmilzt auf meiner Zunge, breitet sich im Gaumen aus, wird Essenz – ich koste, schmecke, schlucke.
Dein Name gleicht der Rosenblüte und…..du musst wie sie sein.
Draußen verblüht schon die Pracht, lässt reife Hagebutten zurück – getrocknete Substanz, blutrot – nur die Dornen bleiben.
Ob sie das Beständige sind an dir, während alles unentwegt der Wandlung unterliegt?
Dann will ich achtsam sein und die Dornen vorsichtig umschiffen. Ich will weiße Segel setzen und im ersten Morgenlicht starten, der Wind nimmt mich mit, und die Möwen singen dir meinen Namen.
Die Dornen sind nadelspitze Felsen im ruhigen grünen Wasser und jenseits glitzernder Fjorde. Mein innerer Navigator wird sie nicht unterschätzen und ihnen Achtung erweisen.
Das Herz deiner Blüte ist Ziel und Hafen mir. Hülle mich ein in rosenrote Blätter – schließe sie über mir, denn ich will träumen von den Worten, die Netze spinnen zwischen dir und mir und die unsere stumme Geschichte jenseits der Steine auf Purpur schreiben.

Bela von Rosenhaag