Lieblingssätze 1

„Es gibt Zeiten, in denen sich die Grenzen zwischen dem Ich und der Welt auflösen.“ („Piccola Sicilia“ von Daniel Speck)

Die Zeit wird zur Ewigkeit, verliert ihr Gefüge.

Schweigend steht Ina vor dem geöffneten Fenster und schaut in den Apfelbaum. Sie ist erschöpft, schließt die Augen. Nur die Ohren lauschen. Gesang in den Zweigen, Blätterrascheln im Wind, Taubengurren, spielende Kinder auf der Strasse, ein Mensch, der vorrübergeht und einen Rollkoffer hinter sich herzieht,…..

Sie verliert sich in Geräuschen und lässt von sich ab. Nichts steht zwischen ihr und der Welt. Alles wird eins, fließt und strömt im gleichen Rhythmus, tanzt zur gleichen Melodie.

Leise wird es und dicht. Schwerelosigkeit für einen langen Augenblick .

Bis Ina zurückkehrt in ihre Haut, Tauben und Wind wieder hört und das langsame Pochen des eigenen Herzens. Sie öffnet die Augen – erfrischt und erholt.

Der Sommer will nicht enden

In diesem Jahr scheint der Sommer nicht enden zu wollen. Was ist los? Rumpelstilzchen aus dem Märchen ist außer Kontrolle geraten und die Regentrude liegt wohl im Sterben. Ob ein verzauberter Frosch sie noch wecken könnte? Packen wir die Regentrommel aus und trommeln gegen den ewigblauen Himmel an.

Und trommeln wir uns auch selber wach, denn es ist Zeit, in uns selbst etwas zu ändern, damit neue Bäume in den Himmel wachsen können und unsere Enkelkinder in ihrem Schatten ausruhen dürfen.

Oh, und mir fällt ein, meine Geschichte von den sieben Türen will weiter geschrieben werden, gerade da, wo ich vor zwei Monaten stehen geblieben bin:

bei dem Wald , der um eine zerstörte Stadt in den Himmel wächst, um den Menschen wieder Hoffnung zu geben. Ich kann nicht warten, bis es irgendwann einmal Spätsommer oder Herbst geworden ist.

zwitschern die vögel dir schon vom herbst/ zwischen hagebutten und trockenen gräsern/wenn das licht tiefer steht und abgeerntete felder vergoldet/ wenn der ausklingende sommer den in die jahre gekommenen frauen feenbärte malt/so jenseits der gezeitenwechsel finden sie zur neuen stimme/ sind ganz eins mit monat, zeit und jahr/nicht mehr fern von sich im zentrum angekommen/in eigenen gärten erntend

aurora

Juno 2014
Ich weiß nicht, was da gerade in der Luft schwirrt unter dem hohen Lerchenhimmel. Was Konturen gewinnt und ich noch nicht so ganz geortet habe, widersetzt sich jeder Traurigkeit. Aufbruch ruft alles, einmal die Erde umkreisen, durch Urwälder streifen, den höchsten Gipfel erklimmen, Ozeane durchschwimmen, nein – in sie abtauchen – und die andere Seite des Mondes betrachte. Die Perspektive wechseln. Wie die Welt von dort wohl aussieht? Die Göttin Juno lässt grüßen. So finde ich mich mitten in diesem Tag, der Sommer trägt und weiß, es ist eine gute Zeit um aufzubrechen. In diesem Sinne grüßt dich in aller Kürze -ja zwischen zwei Buchstabenjonglierversuchen – und für diesen einen Augenblick, der sich niemald wiederholen wird, Aurora

Juno 2022
Vielleicht wieder ein Aufbruch im Juno. Türen öffnen sich, neue Perspektiven wollen erkundet werden. Noch einmal ganz neu beginnen, und das in diesen Zeiten, in meinem Alter? Eine Frage, die Aurora umtreibt und deren Antwort schon wie ein heimliches Versprechen in der Luft liegt. Süß, mit einem Hauch vn Bitter. Sie muss nur aufs Seil und sich recken. Ob sie das wohl noch schafft? Und schon liegt die Antwort auf der Hand. Gerade jetzt, wo die Welt am Abgrund steht zählt doch jeder Tag, der in Stille und Gelassenheit zelebriert werden möchte und an dem etwas gesunden und heil werden kann.

Ivenack, 6. Tag

Was mich berührt:

der Lichtstreifen, der sich morgens in den Schlosspark legt
und einige der Baumriesen beleuchtet

die Vielzahl der riesigen Bäume, die Ruhe und Großartigkeit ausstrahlen

die Stille der Landschaft mit ihren sanften Hügeln und den Baumalleen

die Dorfkirche aus Backstein, das gepflegte Rund auf dem sie steht, die Grabsteine, die in ihrem Schatten ruhen und die einladende Stille, die sie ausstrahlt

dass die Zeit hier scheinbar langsamer vergeht und dem Werden und Wirken Zeit lässt

die vielen Zeugnisse lebendiger Kunst und Kultur

dass die vielen Bäume nicht nur Schutz und Schatten spenden, sondern ein Mikroklima schaffen, in dem sich gut durchatmen lässt

IVENACK, Tag 5

Neustreliz, Schlosspark

Meditatives Parkbankgeflüster

1. ein Hund bellt
jemand fegt einen Weg
Autoverkehr ganz weit weg
raschelndes Laub
ein leises Plätschern vom Brunnen
Schritte auf Kieswegen
neben Vogelgezwitscher und Taubengurren
Stimmen schweigen, wie der Mann gegenüber
der auf der Parkbank liegt und döst

2. mit geschlossenen Augen Grün riechen und Süße
hinter der jungen Lindenallee, ausgewachsene Bäume
sanft singt der Wind in den Blättern

3. Oben, weißer Himmel
mit blauen Flecken
Wolken raufen und zerren, eilen
fliegen davon, finden sich wieder

4. der weiße Engel aus Marmor schaut zum Himmel
hebt links den Siegerkranz empor
und rechts ein Palmwedel unter den Arm geklemmt oder ist es eine Feder?
eine weibliche Gestalt
die lose fallende Kleidung fällt über nackte Füße
verhüllt kaum die rundlichen Körperproportionen
das Gewandt gleitet beinahe von der Schulter
wären da nicht die Flügel
eine schöne Frau auf der Höhe ihrer Kraft wäre zu sehen
die ihr Haar sorgfältig im Zopf gebändigt hält

5. eine Art Hecke
Dreiecke aus Draht
die wildem Wein als Kletterhilfe dienen
begrenzen das langgestreckte Beet
ein Band aus dunkelvioletten Stiefmütterchen
rahmt Frauenmantel ein
In der harmonischen Schlichtheit
liegt Bescheidenheit und Ästhetik

6. nicht viele Besucher am letzten Dienstag im Mai
eine Frau mit knallroter Jacke
führt zwei Hunde spazieren
Das ROT irritiert mein Auge
inmitten dieser Symphonie aus Grün

7. Das Schloss steht nicht mehr im sternförmigen Park
eine Leerstelle
zwischen Schlosskirche, Orangerie, Theater und Freilichtbühne
die an die alte Pracht erinnern

8. Und zum Schluß
nach dem Gang durch Buchen-und Buchsbaumhecken
der Blick auf zwei Titanen:
ausladende, hochgewachsene Blutbuchen
mit einem Dach aus weitverzweigten Ästen
unter dem es sich gut aushalten lässt

IVENACK, Tag 1

Landschaften 1

Ein gelbgrünes Band, sonnengetupft
Wellen, flach und fortlaufend
schier unendlich
unter einem Himmel
an dem graue Wolken eilen
sich verdichten, auseinanderstreben
und blaue Flecken freigeben
Baumreihen zeichnen Linien
in Feld und Flur
die Kastanienallee zum Haus
bald blühen die Kerzen
Bühne frei, für ein Frühsommergedicht
gereimt aus Wind, Schatten und Licht

Traumsequenzen 1

Wer bist du?

Immer wieder traf ich dich unvorhergesehen an den unwahrscheinlichsten Orten:
auf einem Stuhl im Flur sitzend mit übereinandergeschlagenen Beinen, ein Buch in der Hand
am Tresen einer Bar, die ich noch nie besucht hatte
im Nebeneingang des Theaters, wo gerade der letzte Vorhang gefallen war….
Wir tauschten Blicke, ernst, ohne Lächeln mit dem Wissen, wir können einander nicht lassen…
und liefen auseinander , während in mir eine Welt zerbrach…
die Spannung stieg…
Dann sah ich dich unter Fremden, die ausgelassen feierten
erschöpft mit beinahe erloschenen Augen…
da nahm ich deine Hand trug dich – mehr als ich zog – hinaus
federleicht und blass, wieder zum Kind geworden, strömte das Leben aus dir heraus.
Ich bettete dich rechts neben mir auf einem roten Sofa..
du verlangtest nach der Brust
ich gab und du saugtest dich zurück ins Leben.
Wer bist du nur?