Irgendwo auf einem Bahnsteig, nachmittags um 16 Uhr

Breitbeinig versucht sie den Bahnsteig zu überqueren. Langsam und vorsichtig mit kleinen Schritten. Immer in der Mitte zwischen den Gleisen. Mit den Armen, seitlich weggestreckt, balanciert sie sich aus.
In der linken dem Herz zugewandten Hand hält sie eine Flasche Bier.
Die großen Taschen ihrer Jacke beulen sich aus unter der Fülle weiterer Flaschen.
Sie singt Fragmente eines mir unbekannten Liedes.
Melodie und Stimme klingen wie ein altes verheddertes Tonband, das sich zum Ärger des Hörers im Kassettenrecorder nicht mehr richtig abspult.
Vielleicht ein Ohrwurm aus vergangenen Zeiten? Erinnerungsträchtig, übervoll von Emotionen?
Die Frau schaut niemanden an.
Der Blick ist auf die Rolltreppe gerichtet, als sei diese der feste Grund, den man endlich nach langem Kampf erreicht, wenn der gefährliche Sumpf durchschritten ist.
Als der Zug einfährt, hat sie es fast geschafft.
Welcher Sehnsucht sie mit ihrem Lied wohl folgt oder welcher zerstückelten Liebe sie sich erinnert?
Wer weiß das schon, vielleicht nicht einmal sie selbst.

MEERE AUS GRAS

Wellengleich wiegen sich Gräser
Wippen auf hohen Stängeln im Wind
Schützen Inseln aus Gänseblümchen
die sich ducken und wispern
mit Spitzwegerich und Klee, am Rande roter Mohn

Es wimmelt im grünen Meer
sommerlich zirpen Grillen, gurren Tauben oben,
schwirren Insekten wie Fische
durch verborgene Wälder
Die Zeit steht still beim Schauen und Lauschen

Tief innen in meinem heimlichen Garten wächst und gedeiht es ebenso
Nichts tat ich. Nur Werden ließ ich und Sein


2. Schreibprojekt „Zwischen zwei Ablenkungen…“

Theo empfängt

Nach dem ich am Montag diese wundervolle Karte aus dem neuen Kartendeck gezogen habe, beschloss ich gestern, dass Theo eine ganze Woche bei mir bleiben darf, um mich zu inspirieren.

Theo, du rosiges Bübchen, deine Welt ist dem Frühling nah.
Fantasie entwickeln, Unzerlesenes von vorne verstehen.
Die Sprache des Herzens sprechen heißt Verstehen von Grund auf.
Von Herz zu Herz schwirren liebevolle Botschaften ohne Worte
so wie zu Beginn, als die Welt nur Klang war.

Theo hat mich empfangen, neutral und offen.
Er hat gewartet, nicht gewertet und nach innen geschaut
bis von mir in ihm ein Bild entstand von dem
was ich sein könnte und noch nicht bin.

Auch ich lausche nach innen:
es ist still, alles wartet.
Siehst du mich Theo?
Und haben inneres und äußeres Bild Ähnlichkeit miteinander?
Du bist schon aus deinem Kokon geschlüpft.
Deine Flügel sind getrocknet und flugbereit,
zeigen sich in ihrer ganzen Pracht.
Licht bist du und sanft.
Etwas Kindliches liegt in deinem Gesicht.
Aus der Stille wächst alles empor, wenn die Zeit reif ist
und die Leere innen Platz gemacht hat,
damit wachsen kann was wachsen möchte.
Vor meinem inneren Auge sehe ich ein Bohne, die keimt
und sich auf ihrem grünen Stängel nach oben schlängelt.
Immer weiter und weiter bis sie den Himmel berührt
und zur Leiter wird auf der ich empor klettern kann.
Ich hoffe, der Empfang wird gut sein da oben.
Ich möchte gerne lauschen und horchen und lernen
wie ich neben den Bohnen
auch Sanftmut und Friedlichkeit in die Welt säen kann.

Drei kleine Schreibprojekte

Eigentlich wollte ich euch längst von meinem 2. Schreibprojekt erzählen, in dem ich jeden Tag ein wenig schreibe, aber leider haben sich die Ereignisse privater und beruflicher Natur in den letzten Wochen überschlagen. Zwar habe ich täglich weitergeschrieben, aber für einen Beitrag im Blog hat die Zeit nicht gereicht.


2. Schreibprojekt „Zwischen zwei Ablenkungen…“


Ich habe immer zuviel im Kopf, bin dauernd mit den unterschiedlichsten Ideen, Gedanken, Impulsen beschäftigt, plane äußerst gerne und scheitere dann nicht selten an der Umsertzung, weil schon die nächste Idee geboren ist. Und dann ist ja auch noch der ganz normale Alltag zu bewältigen.
Es gab mal eine Zeit, da habe ich Wäscheleinen in meinem Kopf visualisiert, an denen mit bunten Wäscheklammern all die vielen Ideen geklammert waren, denn ich wollte sie weder verlieren noch vernachlässigen. So schlimm ist es inzwischen nicht mehr, aber ich war auch schon viel besser darin, mir zwischendurch Gedankenpausen zu verordnen. Um das wieder etwas mehr zu pflegen, habe ich mir vorgenommen täglich bewusst wenigstens eine solche Pause einzulegen. Ich sitze dann bequem auf einem Stuhl, schließe die Augen, konzentriere mich auf den Atem oder lausche auf die Geräusche, die mich umgeben. Gedanken schicke ich weg, aber ich registriere was von innen zu mir hoch steigt: Bilder, Wind, Farben, Gefühle, Musik, was auch immer. Und das halte ich im Schreibprojekt-Heft fest. Diese Pausen tun mir sehr gut, sind wie eine Mischung aus Meditation und Power-Nepping. Anschließen fühle ich mich wie neugeboren, frisch und wach, bereit es mit den nächsten Herausforderungen aufzunehmen.
Außerdem trainiere ich so das intuitive Schreiben.
Tatsächlich schreibe ich nun seit dem 31. 1.21 täglich in mein Heft. Heute habe ich etwas Neues ausprobiert, mein neues Kartendeck „Magisches geschehen lassen“ genutzt, eine Karte gezogen und sie auf mich wirken lassen.
Die Karte hieß: „THEO EMPFÄNGT“
Die wunderschön gestaltete Karte ist in warmen Gelb-und Orangetöne gemalt. Links und rechts unten zeigen sich rote Blumen. Theo ist ein Schmetterling mit einem menschlichen Gesicht. Aus der Stirn wachsen ihm zwei Fühler. Er steht aufrecht mit ausgebreiteten Flügeln. Er scheint startklar aber noch nicht startbereit. Sein Blick ist nach innen gerichtet, so als lausche er auf eine Botschaft, die er noch nicht ganz entschlüsselt hat. Wie Theo stehe ich selbst in den Startlöchern ohne genau zu wissen, wohin die Reise nun gehen soll. Ich warte, lausche, spüre- bin aber nicht ständig auf Empfang. Ich versuche zu sehen und aufzunehmen. Das fällt mir schwer, weil ich mit den Gedanken so viele Wege gehe, und nicht immer bleibe wo ich gerade bin.
Halt, da war ich doch schon einmal…… ich habe schon verstanden, dass ich mich nicht immerzu bewegen muss, weg von, hin zu….ich kann bleiben und abwarten. Die Welt um mich herum bewegt sich. Sie bleibt niemals stehen. Mir werden Dinge zugetragen, ich erfahre Neues, obwohl ich bleibe, vielleicht gerade weil ich bleibe und meine Fühler/ Antennen ausgefahren habe. Was um mich herum in Bewegung ist bewegt auch mich ohne dass ich mich bewege.
Für mich ist es magisch, wie gut diese Karten zu meinem Anliegen passt, das ich mit diesem 2. Schreibprojekt verfolge.

„Magisches geschehen lassen“

Liebe Shinaja,

heute kam das Päckchen mit dem Orakel-Deck bei mir an. Eine nette Postbotin legte es mir so freundlich in die Hände, als spüre sie, dass etwas Besonderes im Päckchen verborgen liegt, etwas, das man vorsichtig und mit Zartgefühl behandeln sollte. Ich hab mir Zeit gelassen mit dem Öffnen und die Spannung noch etwas verlängert, bis ich Zeit und Ruhe hatte, wollte es doch nicht öffnen zwischen Tür und Angel. Dann war es soweit. Das Deck zeigte sich mir. Jede Karte eine Offenbarung, die mein Herz hüpfen lässt und die Seele streichelt. Wer diese kleinen Kunstwerke geschaffen hat, der muss ein weites, weises Herz besitzen. Liebe Grüße von Angie, dem Findevogel

Danke, Jonna Jinton

Liebe Jonna Jinton, ich bin total begeistert von deiner sprießenden und scheinbar unerschöpflichen Kreativität und dem ganzheitlichen Leben, das du im Norden Schwedens als Künstlerin zu leben versuchst. Ich bin tief beeindruckt von dem mutigen Weg, auf dem ich dich beim Anschauen deiner Videos ein Stück weit begleiten darf. Du schenkst einen tiefen Einblick in Landschaft, Natur und Kultur deiner Heimat und findest berührende Worte dazu. Ich bin über den Wolfs-Song zu deinen Videos gekommen und möchte sie nicht mehr missen. Sie erfreuen und beglücken mein Herz und meine Seele. Und du zeigst mit ihnen, dass ein „anderes“ Leben mit viel Beharrlichkeit und Begeisterung gelingen kann. Genau das, scheint mir, braucht es in diesen Zeiten der Umweltkatastrophen und des Umbruchs. Danke!

Es ist ja schon wieder Februar

Herzlich Willkommen im Neuen Jahr.

Ich bin spät drann, musste aber erst meinen Winterschlaf beenden. Geht es euch auch so, dass ihr nach Weihnachten am liebsten in den Winterschlaf fallen möchtet? Bei mir ist es jedes Jahr so. Natürlich schlafe ich nicht wirklich die ganze Zeit, aber ich döse vor mich hin und lasse die Zeit ZEIT sein. Wenn ich dann wieder ganz wach geworden bin, ist es meist schon Februar. Dieses Hineindösen ins neue Jahr führt bei mir zu überraschenden kreativen Prozessen.
Ganz allmählich, Mitte Januar, wird die Lust auf Grün groß. Und sie lässt sich nicht mehr bändigen. In diesem Jahr erschaffte ich am Ende meines Küchentisches eine kleine grüne Oase und probiere mich mit Micro-Greens aus. Im Augenblick wurzeln dort neben Topfblumenablegern Erbsen, Brokkoli, Weizengras, Kresse und Grünkohl. Die Erbsen haben mich überwältigt. Sie sprengten schon nach zwei Tagen mit ihren Wurzeln die Anzuchterde. Inzwischen habe ich bereits geerntet. Ich esse die Minipflanzen auf Frischkäsebroten und streue sie über mein gekochtes Essen.

Die kleinen Erbsenpflanzen schmecken wie Zuckerschoten. Um sie zu ziehen, kaufte ich ungeschälte Erbsen aus dem Supermarkt (die für deftige Suppen und Eintöpfe). Es gibt sie in Gelb und Grün.
Ich werde meine geräumige Wohnküche umgestalten, der Plan steht, und Grün wird bei der Farbauswahl eine wichtige Rolle spielen.
Mit drei kleinen Schreibprojekten habe ich begonnen und dazu meine schönen Rosenhefte (Tschibo, im letzten Sommer) benutzt. Es lässt sich wunderbar darin schreiben.
Neben dem morgendlichen Qi-Gong, mit dem ich nach langer Pause wieder angefangen habe, es tut so gut, beharren die Projekte nun auf ihren festen Platz in meinem Tagesablauf.
Mehr dazu erzähle ich in den nächsten Beiträgen.
Ich hoffe, bei euch grünt es auch so schön wie bei mir, trotz dem ganzen Regengrau.

20.11.20

Farben sammeln draußen
die letzten Blätter am Fackelbaum, fahlgelb
rote Blätter im Zwergahorn
die wie eine Wolke zwischen Raum und Zeit hängen
als flögen sie im nächsten Moment davon
wenn der Wind sie streift
wie ein Schwarm kleiner Vögel auf Futtersuche
eine abgetragene Maske blau auf dem regennassen Asphalt
neben den bunten Blättern am Strassenrand
bevor der Dezember die Farben löscht


Kurz notiert

am 18. 11.20

Er hat es mir erzählt, begeistert, wild gestikulierend und laut, wie es mitunter seine Art ist, mit Augen, die ich nur noch selten so strahlen sehe.
„Hast du den Mond gesehen heute?“ fragt er mich, und ich schaue hinaus und sehe den Mond, eine schmale, silberne Sichel, die mich lächeln lässt. Neumond ist noch nicht lange vorbei, denke ich. Und er erzählt weiter:
„Als ich draußen war, ging gerade die Sonne unter. Ich schaute zum Himmel und sah den Mond, und mitten durch ihn hindurch flog in diesem Augenblick ein Flugzeug. Beide orangerot beleuchtet von der tief stehenden Sonne, orangerot auch der Kondensstreifen, den das Flugzeug hinter sich herzog. Ein Superbild wäre das geworden, hätte ich die Kamera dabei gehabt.“
“ Ja, schade,“ antwortete ich “ mal es doch, dein imaginäres Foto!“

Sonntagsei

Ein Frühstücksei am Sonntag, weich gekocht, dazu eine Scheibe gutes Graubrot und Butter, diese Vorstellung trägt mich sofort an den Frühstückstisch meiner Kindheit in der ländlichen Großfamilie. Ich habe es genossen und genieße es noch heute, ein Sonntagsritual, das ich in 66 Jahren beibehalten habe. Und immer noch ist es so wie damals. Dieser besondere Geschmack, wenn Brot, Ei und Butter aufeinander treffen trägt mich in den Himmel. Als Kind nahm ich mir dazu viel Zeit, ein bisschen Ei, viel Butterbrot, so hatte ich lange von diesem himmlischen Gefühl.

Dieser Beitrag wurde inspiriert von Frau Holle