Aurora, die auf dem Seil tanzt 14

21.4.

Hallo lieber Traumtänzer,

ist die Sicht klar bei dir? Ich stand eben auf dem Seil, und die Aussicht war überwältigend: Menschen über Menschen; Sonne und dieser Duft nach grüner Wiese und den ganzen Blüten. Überall duftet jetzt der Flieder. Und die Kastanien haben ihre Kerzen aufgesteckt. In meinem Klingelbeutel klingelt´s ordentlich. Hört sich richtig gut an. Ich mache jetzt drei Tage Pause, bin in der Rattenfängerstadt Hameln gelandet und werde bei einer alten Freundin wohnen. Gestern hörte ich Jule : Vom Inhalt ihrer Lesung – sehr poetisch und bezaubernd – sind außer die Farbe Rot in allen Nuancen, vor allem Gefühle hängengeblieben: in dem Buch geht es um eine, die auszog, das Gruseln zu lernen.
“ In einer zweijährigen Kunsttherapie malt eine junge Frau ihre Geschichte in übereinander gelagerten Schichten auf die Leinwand. Entstanden ist ein abstraktes Gemälde, in dem die Konturen nur angedeutet sind. Das Bild scheint den Betrachter aufzusaugen, in einen Bann zu ziehen, bis er zwischen bedrohlichen Schatten aus einem Meer voll Energie und Leuchtkraft wie neu wieder auftaucht .“
Jule hat eine faszinierende Stimme. Man möchte sich darin einkuscheln und nicht mehr weggehen.
Ich traf sie neulich in der S-Bahn. Wir saßen uns gegenüber, und sie konnte den Blick nicht von meinen grauen Rattenschwänzen lassen. Ich erfuhr, dass sie in Wien lebt und ihre Eltern im Rheinland besucht hat, bevor sie zur Prämiere ihrer Lesereise aufbrach. Wir, beide im Aufbruch, kurz vorm Durchstarten, beim Abflug – kamen schnell miteinander ins Gespräch und verabredeten uns zur Lesung.
Sie wirkt ein wenig verloren auf mich, so als habe sie viel gewagt und wenig dabei gewonnen. Hat sie einen zu hohen Preis bezahlt? In ihren weiten Kleidern scheint sie zu verschwinden. Aber das wilde kastanienbraune Haar lässt sich weder zähmen noch übersehen. Sie erzählte mir, dass sie in den letzten Monaten Boden unter den Füßen verloren hat und nun neuen Grund sucht. Dunkle Schatten liegen unter den hohen Wangenknochen und geben ihrem feingezeichneten Gesicht mit den Lachfältchen in den Augenwinkeln etwas Tragisches.
Sie und ich, wir werden in Kontakt bleiben. Ich bin neugierig auf diesen Menschen. Und? Ja, Sie berührt mich!

Sanfte Abendgrüße schickt dir für heute Aurora

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AURORA, die auf dem Seil tanzt 7

10.2.

Hallo liebster Federfreund,

der Nachmittag war schön. Er brachte Sonnenschein und im Licht sahen die verregneten Straßen silbern aus. Ich hängte mein Seil auf und wagte mich hinauf. Was für ein Hochgefühl, wieder oben zu stehen und gekonnt mit der Balancierstange zu jonglieren, aber dann – wieder unten – rutschte die Stimmung in den Keller. Ich kann dir nicht sagen, wodurch es ausgelöst wurde.
Ich bin traurig und dieser Schmerz brandet in mir wie Ebbe und Flut, immer neu, unvorhersehbar, nie gleich. Glaubst du, dass man sich in einem Menschen verlieren kann? So, dass man sich nie wiederfindet? Selbst wenn man glaubt, man hat sich wiedergefunden – und schon jubiliert das Herz – kommt die nächste Welle und schwemmt einen fort.
Ich hatte mich doch längst freigeschwommen. Ich verstehe mich nicht und zürne mir.
Warum bin ich oben auf dem Seil viel sicherer, als unten auf dem Boden. Dort brauche ich ein doppeltes Netz, um den Stolperfallen zu entgehen.
Wirf mir das Netz herrüber, und zieh mich auf deine Insel. Ich möchte ganz oben im Leuchtturm neben dir sein, über das Meer schauen und deine Nähe spüren.

Gute Nacht sagt für heute Aurora

Nicht nur der Briefe wegen

AURORA erhebt sich aus der Nacht und breitet ihre Schleier aus. Sie ist erwacht aus tiefen Schlaf und füllt mit Energie den Tag.Mit federnden Tanzschritten betritt Aurora die Szene. Sie ist durch das Loch in der Hecke geschlüpft und steht nun vor einem bunten Zirkuszelt.

Wie ist sie nur hierher gekommen? Eben noch war sie zwischen den Zeilen eines Buches eingefangen. Ihre zierliche Figur streckt und reckt sich. Ganz steif fühlen sich die Glieder an. Sie schüttelt Buchstaben aus den weiten Ärmeln ihres bunten Flickenkleides. Selbst aus den langen Haaren purzeln Buchstaben, Silben, ja ganze Worte.

Sie schüttelt sich, so als sei sie ein Vogel, der sein Gefieder lüftet. Ja, sie plustert sich auf, wächst. Erst hebt sie elegant das rechte, dann das linke Bein, streckt und beugt das Fußgelenk und jeden einzelnen Zeh, der mit dem Fuß in ihren schwarzen Seiltänzerinnenschuhen steckt.

Sätze wollen ihr nicht über die Lippen tanzen, aber ein Lächeln strahlt aus dem alterslosen Gesicht. 

„Ich bin angekommen!“ denkt sie bei sich und hat schon die zwei gegenüberstehenden Bäume entdeckt, zwischen denen sie ihr Seil spannen kann. Es juckt in den Beinen. Am Liebsten möchte sie sofort. Zu lange schon war sie untätig und ohnmächtig im Buch gefangen.

„Na klar, ein Mensch hat sie erfunden,“  aber sie ist lebendig geworden und wollte ein Leben außerhalb der Gedanken und Schriftzeichen der Autorin leben. „Wie kommt ein Mensch eigentlich dazu, seine lebendig gewordenen Gedanken zwischen Buchdeckeln einzusperren?“ fragt sie sich und geht auf den Eingang des Zirkuszeltes zu.

Sie muss ihren Auftritt planen und erst einmal heraus finden, ob jemand im Zelt ist – sie hört nichts außer dem Blätterrauschen und dem Plätschern eines Baches in der Nähe – und ob sie hier erwünscht ist. In den tiefen Taschen ihres Kleides findet sie weiße Schminke, Jonglierbälle, ein robustes Seil, viele bunten Bänder, um das Haar zu bändigen und vieles mehr. Den Balancierschirm mit den Perlengehängen an den Schirmspitzen hat sie unter den Arm geklempt.

 

Vielleicht ist AURORA im Augenblick so fest in meinen Gedanken, weil ich im Urlaub ein Zirkusbuch gelesen habe: „Wasser für den Elefanten“ von Sara Gruen. Es wurde auch verfilmt.

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Domspitzen

Und wenn dir die Domspitzen dunkel und viel zu klar ins Januargrau stechen, dann stell dir vor, zwischen den Domspitzen sei ein Seil gespannt:

Gerade fährt der am Dom außenliegende Aufzug AURORA hinauf. Sie trägt himmelblau und Silber von Kopf bis Fuß. Die lange goldene Balancierstange wurde schon gesondert nach oben transportiert. AURORA atmet tief ein und aus, während die Fahrt sie immer weiter nach oben führt. Jetzt ist sie da. Das Herz klopft laut. Die Aufregung, verbunden mit höchster Konzentration und Aufmerksamkeit, nimmt sich Raum. Der Körper der Tänzerin ist warm und geschmeidig. Sie setzt den rechten Fuß auf die Plattform, von der aus das Drahtseil hinüber zur anderen Seite gespannt ist. Unter ihr auf dem Domplatz sind an diesem frühen Nachmittag die Menschen zusammen gelaufen, um der besonderen Attraktion zuzuschauen, mache(r) mit ängstlichen Blicken und einer Mischung aus Bangigkeit und Neugier im Bauch.
Es ist kalt und windstill vor dem Dom, was selten vorkommt. Von unten sieht die Masse nur die leuchtende Silhouette der zierlichen Akrobatin, die sich gut vom Wintergrau absetzt . Beinahe fassbare Anspannung steigt von unten nach oben zum Seil. Selbst die Kinder sind still. Einige Gaffer halten die Hände vor die Augen, spinksen nur ab und zu durch die Finger hinauf.
AURORA steht nun mit beiden Füßen auf der Plattform. Sie strafft ihre Haltung und verbietet sich, nach unten zu schauen. Sie versucht, das schnell schlagende Herz zu beruhigen und verscheucht die flüsternde und raunende Angst. Sie kennt dieses wilde Tier, dass ihr den Mut rauben will, das sie gängeln und zurückhalten möchte und weiß. wie sie es bezähmen muss. Der Talisman liegt über dem Brustbein unter dem eng anliegenden Trikot.
Verlässliche Werkzeuge sind langjährige Erfahrung auf dem Seil und der bis in die letzte Faser durchtrainierte und biegsame Körper, dem sie blind vertrauen kann. Sie fasst das Ziel, die Plattform an der gegenüberliegenden Domspitze, ins Auge, misst mit den Augen die Entfernung. Der Weg ist nicht weit. Sie hat schon weitere Strecken auf dem Seil hinter sich gebracht. Nie aber hing das Seil in dieser Höhe.
Obwohl der Tag windstill ist, weht es in dieser Höhe. Tief einatmen, ruhig werden, Spannung halten, die Konzentration in die Füße lenken. Einen letzten Gedanken schenkt sie dem, was hinter ihr liegt und lässt es los.
Sie greift nach der Balancierstange, setzt probeweise einen Fuß auf das Drahtseil, horcht in sich hinein, wartet auf das Zeichen, das sie unmissverständlich auffordert, zu beginnen.

Sie hebt die Arme, sieht nicht, wie der Rhein ihr entgegenblinkt und die Schiffe gemächlich dahin gleiten. Für sie ist der Verkehr in der Stadt, auf den Brücken und im Hauptbahnhof ausgeblendet.
Ebenso geht es der Menschenmenge auf dem Platz, die nun gebannt nach oben schaut und den Atem anhält.
Für einen kurzen Augenblick schließt AURORA die Augen, öffnet sie wieder und tanzt los.
Sie spürt und tastet, während der innere Dirigent die alltäglichen Stimmen und Geräusche seinen musikalischen Formen unterordnet und AURORA die Einsätze gibt. Die Seiltänzerin ist ganz und gar in ihren Füßen verschwunden, die über das Seil gleiten und hüpfen, als sei es Asphalt, auf den die Kinder mit Kreide ein Hüpfkästchen gemalt hätten. Die Choreografie sitzt perfekt.
Beide Arme führen die Balancierstange gekonnt ausgleichend. Ihre Füße fühlen den Weg über das Seil.
Von unten schicken Menschen hoffnungsvolle Gedanken hinauf. Der Kardinal bittet alle Engel darum, helfend einzugreifen beim kleinsten Fehler und betet laut ein Stoßgebet.
Aber AURORA macht keinen Fehler.
Sie ist jetzt in der Mitte zwischen den Domspitzen angekommen und dreht sich einmal um sich selbst.
Ein einziger Schrei entringt sich der Menschenmenge unten.
Im Grau des Himmels hat sich ein blaues Fenster geöffnet.
Die Zeit scheint still zu stehen, während die Tänzerin Schritt für Schritt die Länge des Seils ermisst, ganz ruhig wie in Trance.
Als es geschafft ist und ihr Fuß die gegenüberliegende Plattform berührt und sie wieder festen Boden unter den Füßen hat, schickt sie ein stummes Dankgebet zum Himmel, bevor sie sich vor dem Publikum verbeugt.
Tosender Applaus und jubelnde Bravorufe wollen nicht enden. Ein Blasorchester spielt auf,
AURORA legt die Stange beiseite und wirft Kusshände in die Menge. Sie ist glücklich und beseelt und fühlt sich leicht. Dankbar verabschiedet sie sich vom Seil und zwinkert den Domspitzen zu.
Es ist ihr letzter Auftritt.
Ohne noch einmal zurück zu schauen, betritt sie den Aufzug nach unten.
(Inspiration für diese Geschichte war ein Foto. Darauf sieht man ein Stück der filigranen Zwillingstürme des Kölner Doms  in einen bleigrauen Himmel staken.)

Marie trifft Aurora

Manchmal vergisst FRAU Geschichten, die sie mal geschrieben hat- Dabei ist es noch nicht so lange her, dass MARIE und AURORA aus ihren unterschiedlichen Büchern herausgetreten sind, um sich auf neutralen Terrain zu treffen.

Mein kunterbuntes Bloghaus

„Ruhig!“ flüstert Marie Aurora zu.
„Ruhig, wie willst du in Worte fassen, was dich gerade berührt und beseelt, wenn du nicht inne hältst?“
Aurora horcht und bleibt stehen, obwohl es sie schon wieder weg zieht.
Wohin eigentlich? Hier ist doch alles!
„Folge den Gedanken , nicht den tanzenden Füßen, die in roten Schuhen gefangen sind: fange die Ideen in feinmaschigen Netzen ein, flechte daraus Wortgebilde und tanze mit ihnen auf dem Seil.“
Sanft sagt Marie diese Worte und legt ihren Arm um Auroras Schultern,  streicht mit der Hand beruhigend über ihr Haar.
Aurora seufzt und legt ihren Kopf an Maries Schulter. Es ist ein herrliches Gefühl. Sie lässt ganz los. Plötzlich ist sie das Kind und Marie die Mutter. Wie gut das tut, diese Nähe, die Wärme, der Duft.
Noch einmal seufzt Aurora. Dann lässt sie alles los und entspannt sich.
Eine lange Weile sitzen beide auf der Wiese. Ganz…

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