MEERE AUS GRAS

Wellengleich wiegen sich Gräser
Wippen auf hohen Stängeln im Wind
Schützen Inseln aus Gänseblümchen
die sich ducken und wispern
mit Spitzwegerich und Klee, am Rande roter Mohn

Es wimmelt im grünen Meer
sommerlich zirpen Grillen, gurren Tauben oben,
schwirren Insekten wie Fische
durch verborgene Wälder
Die Zeit steht still beim Schauen und Lauschen

Tief innen in meinem heimlichen Garten wächst und gedeiht es ebenso
Nichts tat ich. Nur Werden ließ ich und Sein


18.10.20

Ein Streifen Sonne
berührt das herbstliche Laub
und lässt es leuchten

Wege und Pfade geschmückt
einzelne Blätter, blutrot

Yemaja zu singen
unter bedeckten Himmeln
mit dem Wind tanzen

wenn rote Blätter schweben
und gelbe wie Sterne sind

dann sage ich danke dem Wind, der Erde, dem Feuer, der Luft und diesem wunderbaren Tag.


Yemaja: Göttin des Meeres und der Mutterschaft (Kuba und Brasilien)
https://www.youtube.com/watch?v=-tyNrkXC6sI

23.9.20

Bäume, meine Freunde
lange nicht beachtet halten sie Stand
Ich grüße sie von Weitem
und verspreche, sie zu besuchen
schon bald
Als ich Kind war, sah ich die ersten bewusst
vom Bus aus, der mich zur Schule fuhr
hinter ihnen der Rhein
Sie strotzten vor Kraft
da war das Paar, einander zugeneigt
der eine rundlich und wolkenförmig
der andere groß und schmal
Sie standen dicht bei einander
und mochten sich sehr
sie ließen einander Platz zum Wachsen und Werden
und es gab die drei,
die Frauen glichen mit wehenden Haaren
die zu lachen und zu tuscheln schienen
und viele mehr
Damals vor fünfzig  Jahren
gab ich ihnen keine Namen
das kam erst später
bei den vielen Lieblingsbäumen in meiner Nähe
Als ich die alten heute sah, erblickte ich ihren Verfall
sie sind nicht mehr so stark und doch halten sie Stand
dem Klima, dem Wetter, dem  Wind
und stützen einander so gut es geht
altersschwach werden sie noch leben, wenn ich nicht mehr bin

18.9.20

Einmal noch….

Die Frau sitzt am Küchentisch. Eben war sie im Garten, um einzusammeln, was der Sommer zur Ernte gebracht hat: Tomaten, Gurken, Bohnen, Brombeeren, die letzten Äpfel. Alles möchte sie vorbereiten und verarbeiten, ein Schatz für die kühle Jahreszeit. Die Sonne scheint durchs Küchenfenster und hüllt den Raum in warmes Septemberlicht. Mitten zwischen den Früchten kommt sie sich vor, als sei sie Teil eines flämischen Stilllebens. Vergehen und Abschied liegen bereits im Tag unter dem makellos blauen Himmel, der vom Sommer spricht und am Abend und in den Nächten den Herbst nicht verstecken kann. Der Wind raschelt in den Blättern, fährt kühl an ihrem Hals vorbei, lässt sie kurz frösteln. Im Radio hört sie ein Liebeslied.
Den Song kennt sie von früher. In der Männerstimme liegt Sehnsucht und Begehren, schwingt die noch nicht gestellte Frage …du mich auch…? Immer wieder die Worte… fall in Love with you… . Sie spürt mit, fühlt die Spannung, die den Körper beinahe zerreißt , wenn heimlich Blicke getauscht und nicht abgewendet werden können, wenn Körper sich anziehen aber noch nicht berührt haben, wenn es noch Mut braucht, die in der Luft hängenden Worte auszusprechen und die Angst stark ist zu hören… ich dich nicht … .
Wann war sie das letzte Mal verliebt, hatte Schmetterlinge im Bauch?
Wie schön das wäre, einmal noch zu spüren: ich bin verliebt…vielleicht an einem reifen Septembertag, in dem der Sommer zum Herbst hin schmilzt.


Corona und ich 2

…der Zeit ein Schnippchen geschlagen, augenblickelang…

1.

Erst war da dieses grüne Lächeln,
das sich zaghaft aus dem vergilbten Laub des vergangenen Jahres schälte, sich zu erheben schien,
um zu beginnen über den Dingen zu schweben,
sich hineinzuweben in Tage und Nächte,
mit einem Duft, der zunächst fein
immer mehr an Intensität zuzunehmen begann,
bis jetzt im Frühling
weder Grün noch Duft und Klang aufzuhalten sind,
um in einer grünen Symphonie zu erklingen.
Das nun strahlende Lächeln im Wettlauf mit der Sonne
weckt die letzten Langschläfer aus ihren Träumen.
Die Zeit ist reif und der Boden bereit zum Sähen.
Neues will wachsen.

2.

Ich öffne das Rollo und schau hinaus
Alles leuchtet, will in mein Herz
dort wachsen und wuchern
bestricken und becircen
wie die Knospen im Baum
die darauf warten, bald blühen zu dürfen

Ich öffne das Rollo und schaue hinaus
möchte baden im Licht
goldene Seelenwärme aufnehmen
mich wiegen im Wind
der den Baum umschmeichelt
und auch mich liebkost