flüchtende farben

heruntergebrannten fakeln gleich
stehen bäume unbewegt im park
kein rascheln, rauschen, windgesäusel
das fahle gelb der letzten blätter
leuchtet laut vor dem bleigrau
und flieht mit dem
sinkenden tag

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alles flüstert melancholisch abgesang

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Vom Leisen

Das Leise hatte sich in den Wald unter die Bäume zurück gezogen.Es war geflüchtet vor allem Lauten, dass seine schrillen  Gedanken über den Laufsteg des Lebens führte. Einstweilen war es besser so. Was sollte es tun?
Abwarten!
Es wusste schon, dass die Zeit kommen würde, in der es seinen Platz auf dem Laufsteg des Lebens wieder einnehmen würde.
Der Sommer verabschiedete sich mit roten Äpfeln, die er dem Herbst in die bunten Hände legte, damit sie dort nachreifen konnten.
Jemand erntete die Äpfel schließlich.
Der Herbst wurde müde, gähnte und rief den Winter herbei.
Sein buntes Gefieder verschenkte er an den Wind. Die nackten Zweige spießten sich in den Himmel: Biegsame Gestalten voll Schönheit und Grazie,
Bizarr und verbogen zerteilten die Bäume mit langen Schatten das Wintergrau.
Es kam ein neuer Tag und mit ihm die ersten Schneeflocken.
Langsam und unaufhörlich deckten sie Erde, Bäume, Häuser zu.
Das Weiß des Schnees schluckte alle lauten Geräusche, die sich gestern noch brüllend in den Haaren gelegen hatten.
Die winterdichten geordneten Gärten lagen verlassen, und die gebrochene Erde der Felder atmete Ruhe ein und aus.
Nur noch gedämpft drangen Krähenkrächzer zum Haus.
Drinnen war es warm. Die Menschen waren mit ihren Händen beschäftigt, die eifrig dieses und jenes damit vollbrachten. Das gefiel dem Leise gut. Es kam aus seinem Versteck hervor und setzte sich zwischen die Menschen.

gegen den puls der zeit innehalten…

kornblumenblau, mohnrot am rande von feldern mit wiegenden ähren wolken, die über eine kuppe in den bilderbuchhimmel klettern und schweigend weiter ziehen, während lerchen singen, spatzen schilpen der wind in den bäumen säuselt, während schwalben fallen und steigen
was mich berührt ist der weg eine furche, durch die ich schreite die mich leitet zu unbekannten zielen, ein zeitfenster, in dem ich sein kann , ohne angst den boden unter den füßen zu verlieren

Nicht nur der Briefe wegen

AURORA erhebt sich aus der Nacht und breitet ihre Schleier aus. Sie ist erwacht aus tiefen Schlaf und füllt mit Energie den Tag.Mit federnden Tanzschritten betritt Aurora die Szene. Sie ist durch das Loch in der Hecke geschlüpft und steht nun vor einem bunten Zirkuszelt.

Wie ist sie nur hierher gekommen? Eben noch war sie zwischen den Zeilen eines Buches eingefangen. Ihre zierliche Figur streckt und reckt sich. Ganz steif fühlen sich die Glieder an. Sie schüttelt Buchstaben aus den weiten Ärmeln ihres bunten Flickenkleides. Selbst aus den langen Haaren purzeln Buchstaben, Silben, ja ganze Worte.

Sie schüttelt sich, so als sei sie ein Vogel, der sein Gefieder lüftet. Ja, sie plustert sich auf, wächst. Erst hebt sie elegant das rechte, dann das linke Bein, streckt und beugt das Fußgelenk und jeden einzelnen Zeh, der mit dem Fuß in ihren schwarzen Seiltänzerinnenschuhen steckt.

Sätze wollen ihr nicht über die Lippen tanzen, aber ein Lächeln strahlt aus dem alterslosen Gesicht. 

„Ich bin angekommen!“ denkt sie bei sich und hat schon die zwei gegenüberstehenden Bäume entdeckt, zwischen denen sie ihr Seil spannen kann. Es juckt in den Beinen. Am Liebsten möchte sie sofort. Zu lange schon war sie untätig und ohnmächtig im Buch gefangen.

„Na klar, ein Mensch hat sie erfunden,“  aber sie ist lebendig geworden und wollte ein Leben außerhalb der Gedanken und Schriftzeichen der Autorin leben. „Wie kommt ein Mensch eigentlich dazu, seine lebendig gewordenen Gedanken zwischen Buchdeckeln einzusperren?“ fragt sie sich und geht auf den Eingang des Zirkuszeltes zu.

Sie muss ihren Auftritt planen und erst einmal heraus finden, ob jemand im Zelt ist – sie hört nichts außer dem Blätterrauschen und dem Plätschern eines Baches in der Nähe – und ob sie hier erwünscht ist. In den tiefen Taschen ihres Kleides findet sie weiße Schminke, Jonglierbälle, ein robustes Seil, viele bunten Bänder, um das Haar zu bändigen und vieles mehr. Den Balancierschirm mit den Perlengehängen an den Schirmspitzen hat sie unter den Arm geklempt.

 

Vielleicht ist AURORA im Augenblick so fest in meinen Gedanken, weil ich im Urlaub ein Zirkusbuch gelesen habe: „Wasser für den Elefanten“ von Sara Gruen. Es wurde auch verfilmt.

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FRÜHLING

Was rauschet, was rieselt, was rinnet so schnell?
Was blitzt in der Sonne? Was schimmert so hell?
Und als ich so fragte, da murmelt der Bach:
„Der Frühling, der Frühling, der Frühling ist wach!“

Was knospet, was keimet, was duftet so lind?
Was grünet so fröhlich? Was flüstert im Wind?
Und als ich so fragte, da rauscht es im Hain:
„Der Frühling, der Frühling, der Frühling zieht ein!“

Was klingelt, was klaget, was flötet so klar?
Was jauchzet, was jubelt so wunderbar?
Und als ich so fragte, die Nachtigall schlug:
„Der Frühling, der Frühling!“ – da wußt‘ ich genug!

Heinrich Seidel

(Fotos: Entlang der Salm)

Ein heiliger Raum…

„Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort
und sie heben an zu singen
triffst du nur das Zauberwort“ (Joseph von Eichendorff)

Berührung, ich sehne mich nach Berührung, nicht jene der Körper, die sich aneinander reiben, ich meine Berührung von Herz zu Herz und von Seele zu Seele. Das „Du“ zupft Klänge aus der schweigsamen Harfe, die ich ohne es bin. Vibration, Lieder, Klänge: meinen Grundton, immer wieder angestimmt in Harmonie mit anderen Tönen suche ich.
So will ich denn wieder hören lernen, um DEINEM Klang zu lauschen, um in Resonanz darauf selbst zu klingen. Und es soll mir gleich sein, ob jemand über mich sagt. „Sie hört mal wieder das Gras wachsen.“ Sollen sie reden, sie wissen es nicht besser, ich höre es wirklich wachsen.

Eva fragte noch, ob es der Nussbaum „Opa Graubart“ oder der Apfelbaum „Madame“ gewesen sei, den die heiligen Silben und das große OM so sehr anrührten, dass er zum ersten Mal Früchte trug?
„Weißt du Eva, es war seltsam damals auf der kleinen Terrasse unter dem
Blätterdach der Bäume in jenem heißen Sommer. Es gehört ja auch noch „Frau Holle“ der Holunderbusch zur Pflanzengemeinschaft. Die Vibration war in mir, unter meinen Füßen, und ich spürte sie in der Borke des Stammes. Herausgerissen aus allem, entstand ein heiliger Raum und dennoch, kaum fassbar in diesem Moment, ging rundherum – jenseits der durchsichtigen Mauern, die als Schutzraum gewachsen waren – alles seinen alltäglichen Gang: eine Nachbarin schimpfte mit ihren Kindern; irgendwo dudelte Musik; die Vögel zwitscherten und nebenan hängte jemand die Wäsche auf.
Es war übrigens der Apfelbaum, der danach zum ersten Mal Früchte trug. Ich hatte ihn einst mit dem Namen „Madame“ gesegnet. Aber ja, wenn ich alles so recht bedenke, auch der alte Haselnussbaum, das Findelkind, jenes dass ein Fremder lieblos einfach aus der Erde gerissen hatte, um es am Rande der Stadt abzuschütten wie eine lästige Altlast, die man nicht mehr gebrauchen kann, trug in diesem Jahr eine reiche Ernte. Er wäre vor Jahren gestorben, hätte ich ihn nicht gerettet. Ob der Fremde wohl gewusst hat, was für wunderbare und vollkommene Nüsse dieser Baum zu verschenken hat?“

Schläft ein Lied in allen Dingen