Vom grünen König die Zweite

Es könnte aber auch so gewesen sein:

Die vergessenen Worte versteckten sich hinter den Sternen. In der Nacht ließen sie sich vom Himmel fallen und sanken auf den Grund des rubinroten Meeres. Der grüne König erwachte von einem Klirren. Er staunte über das farbige Licht in seinem Reich, das nicht vom mondmatten Schein der Perlen und Muscheln her rührte. Er war allein. Weder seine vielgestaltige Geliebte, noch die kleinen Fische, die ihn sonst stets umschwärmten, waren zu erblicken. Wo waren seine acht Töchter. Es war still. Kein silberhelles Kichern war vom Schloss her zu hören. Vielleicht hatte das neue Licht ihnen Angst eingeflößt und sie vertrieben. Er raufte sich die Haare und versuchte zu verstehen, setzte sich auf, nahm seinen Dreispitz und versuchte das Licht zu fangen, doch es entzog sich ihm.

Schließlich ruderte er in seiner Verzweiflung mit der starken Rückenflosse eine große Runde um das Reich.
Überall dieses Licht. Er stand vor einem Rätsel. Was war geschehen. Etwas wie Angst runzelte ihm die Stirn.

Noch nie in seinem langen Leben hatte der grüne König sich mit Angst geplagt. Jetzt runzelte er traurig die Stirn und fragte sich,
ob es wohl das Älterwerden sei, das ihm nicht nur seine Vitalität raubte, sondern auch die optimistische Grundhaltung, die ihm bisher zeitlebens eigen war.
Natürlich spürte er schon eine Weile, dass die Kräfte langsam nachließen und er viel lieber zu Hause auf dem grünen Algensofa saß, als zu den Grenzen seines Landes zu schwimmen, um sein Gebiet zu schützen. Dazu hatte er ja auch eine gut ausgebildete Armee aus Spähern, Kundschaftern und Diplomaten. Und die Weisen seines Ozeans verwandelten sich regelmäßig in Meeresschaum und gelangten so, wohin auch immer sie wollten.

Der Dreispitz hatte schon lange verrostet am Haken gehangen und taugt nur noch zum Einfangen verlorener Worte. Zum Glück waren die Zeiten friedlich und die Nachbarländer mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Sieben der acht Töchter des grünen Königs waren längst erwachsen und mit der eigenen Brut beschäftigt. Die vielen kleinen Nixen, Seejungfern und Wassermänner hielten sie in Trapp. Diese Kinder waren recht anstrengend und sehr anspruchsvoll. Nun kleine Prinzen und Prinzessinnen müssen eine Menge lernen, schließlich hängt von ihnen ab, ob es den Bewohnern Ozeaniens einmal gut gehen wird. Da sind viele Dinge zu bedenken und man braucht einen gut trainierten Körper, eine klaren Kopf und einen gelassenen Geist.
All das wusste der grüne König, denn sein Geist war klar wie das Wasser aus der verborgenen Quelle unter dem gläsernen Thron seines Spiegelschlosses. Von seinem grünen Sofa aus schaute er in seine Welt hinein, und er sah seine Enkelkinder wachsen und mit den Seepferdchen spielen.
Manchmal leistete ihm seine vielgestaltige Geliebte, die zauberhafte Hexe Immergrün, Gesellschaft. Wie keine andere seiner Frauen verstand sie es, ihn mit ihren immer neuen Geschichten aus seiner Versunkenheit und den Grübeleien über das Alter heraus zu holen, während die kleine Marielena, ihre gemeinsame Tochter, als jüngstes Kind das Recht hatte, der Seeharfe sphärische Klänge zu entlocken.

Vielleicht, dachte der alte König, sollte er abdanken und einen neuen König bestimmen.
Die modernen Zeiten waren schwer zu verstehen. Er würde sich mit der Hexe Immergrün beraten und nun versuchen zu schlafen. Der Morgen war noch weit, und wer weiß, vielleicht löste ein Traum das Rätsel um die seltsame Atmosphäre, die ihn heute so erschreckt hatte.

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Vom grünen König 1

So beginne ich:
Medusa ist mein Name. Ich träume weiter und lasse meine Worte zu euch sprechen:
Der grüne König schlummert am Grund des Meeres.
Seine Worte sind schon lange verklungen.
Die kleinen Fische in den Korallenriffen staunen und huschen durch sein üppiges Algenhaar, so als sei es Gebüsch. Sie spielen Verstecken darin.
Eine kleine Nixe schwimmt heran und kitzelt ihn am Kinn. Er wacht nicht auf.
Da nimmt sie aus ihrem Schatz kleine Perlen und flicht sie in die wallende Mähne und den gelockten Bart.
Als das den König auch nicht zu wecken vermag, klatscht sie in die Flossenhände und besteigt kurz darauf eine Seepferdchenkutsche. Das Gefährt trägt sie zum perlmutternen Wasserschloss.
Dort nimmt die kleine Nixe eine zierliche Flöte aus einem Schilfkorb, der an den Dachsparren hängt. Die Flöte ist kunstvoll aus Bambus geschnitzt. Einmal kam ein junger Prinz aus den östlichen Meeren zu Besuch. Er brachte die Flöte mit und lehrte die Nixe das Spielen darauf. Aber das, verehrte Zuhörer, ist eine andere Geschichte.
Die Nixe kehrt zurück zum grünen König und flötet ein Lied .

Wie es aber auch gewesen sein könnte, das erzähle ich euch morgen.

Vom grünen König, die Dritte

Einst traf ich Katharina. Sie war traurig. Ich tröstete sie und kämmte ihr das kastanienbraune Haar mit einem goldenen Kamm.
So kam es, dass sie mir eine Geschichte erzählte:

„Der grüne König lebte wie ein Fisch im rubinroten Meer. Ab und zu wurde es ihm langweilig in seinem Reich am Grund des Ozeans. Er sprang hoch über den Wellen, wie ein Delphin. So sah ich ihn an jenem Tag, als ich mich entschlossen hatte, einem Ruf zu folgen, den ich in meinem Inneren gehört hatte. Ich lieh mir von den Fischern im Hafen ein blaues Boot und segelte hinaus zu der kleinen Insel hinter dem Horizont.
Wenn ich gewusst hätte, was mit mir geschehen wird, ich weiß nicht, ob ich den Mut aufgebracht hätte, mich diesem Abenteuer zu unterwerfen.

Der Fisch und ich – unsere Blicke trafen sich und etwas schwirrte plötzlich durch die Luft: regenbogenfarbige Liebesäpfel.
Da war etwas, das hatte ich noch nie erlebt.
Kennst du das Gefühl, endlich nach langer Reise angekommen zu sein, und zu begreifen, was es heißt, zu Hause zu sein?
Für einen Menschen, der vor langer Zeit sein Zuhause verloren hat, ist das wie ein Wunder.
Der Fisch war riesengroß und verschlang mich mit einem Biss. Nichts hatte ich ihm entgegen zu setzen, denn die Liebe, die mich ihm verband machte mich wehrlos. Eine Liebe, die anders ist, als die zwischen Mann und Frau.

Der Biss tat nicht weh. Eine spiralförmige Rutschbahn wie aus rosaroten Perlmutt führte mich in den inneren Garten des Fisches. Dort lebte ich eine Weile. Es ging mir gut, denn der Fisch verstand mich, wie kein anderer und nährte mich mit allen seinen gesammelten Worten. Ohne es zu wissen, habe ich schon immer darauf gewartet. Begierig labte ich mich an ihnen, konnte nicht satt werden. Ich wuchs, und es wurde enger um mich herum. Schon bald füllte ich den gesamten Garten aus. Ein wenig später konnte ich kaum noch meine Glieder bewegen.

Der Fisch verlor seine Worte. Ich lag ihm schwer im Magen, und eines Tages spie er mich aus. Ich flog durch die Luft zurück in den Hafen, wo mich keiner vermisst hatte. Ich war ganz allein, fühlte mich verloren und konnte vor Kummer kaum atmen. So setzte ich mich in den sommerwarmen Sand, bis eine Möwe sich neben mir nieder ließ und mich tröstete.

Der Schmerz brandete in mir wie Ebbe und Flut. Es wurde Nacht und wieder Tag. Als sich die Nacht zum dritten Mal über mich senkte, hatte ich keine Tränen mehr. Zum Glück wurden die Gezeiten des Schmerzes um den Verlust flacher. Wäre die Möwe nicht bei mir geblieben, mir wäre das Herz gebrochen.
Das ist nun sieben Jahre her – eine lange Zeit – aber die Sehnsucht ist geblieben. Ab und zu gehe ich zum Strand und schaue hinaus auf die Wellen: und manchmal für einen kleinen Moment sehe ich ihn, und er sieht mich – und die Liebesäpfel fliegen – tragen trotz der Ferne eine beglückende Botschaft. “

Katharina hatte sich unter meinen kämmenden Bewegungen allmählich entspannt. Ihre Geschichte plätscherte dahin, wie die unterirdischen Quellen einer vergessenen Höhle. Mit dem gleichbleibenden Auf und Ab der Stimme, fiel sie in eine Art Trance.
Als die Geschichte endete waren auch die langen Locken gebändigt und ich sprach:

„Komm, ich nehme dich mit in die Gärten der Hesperiden. Dort bette ich dich unter dem Baum mit den goldenen Äpfeln, und es wird heilen, was heilen muss.“

Versperrte Sicht

In die Schluchten zwischen den verlorenen Stunden hat sich dein Lächeln verloren. Dieses Lächeln, das den Tag hell machte und vom Glücklichsein erzählte. Was ist geschehen Marie, dass ein Absturz dies vermochte? Ich stehe auf dem Leuchtturm hinter dem Horizont und sehe nichts außer Nebel.
Mittendrin bin ich mit mir allein, und während ich noch grübele, warum die Sicht sich mir versperrt, taucht aus der Erinnerung dein Lächeln wieder auf. Es ist noch da – die Wahrheit ist, nichts was war geht für immer verloren.
Es ruht am Grund.
Ich will ein Fischer sein und im Meer meine Netze aus werfen. Vielleicht verfängt sich dein Weinen in meinem Netz und jenseits von Gut und Böse werde ich verstehen.
Es wird seinen Grund haben, dass die Sicht mir nahm, was ich nun in mir finde.

In der Nacht fuhr ich zur See – Marie – und warf meine Netze aus. Stunde um Stunde schaute ich in die Dunkelheit und lauschte dem Plätschern der Wellen an den Planken. Sanft schaukelte das Boot. Ich weiß nicht wie es geschah, aber diese stetigen und gleichbleibenden Geräusche versetzten mich in einen trance-ähnlichen Zustand. Die Nebel um mich herum wurden dichter – fast greifbar, umschlossen mich wie eine Zelle aus Watte.
Und plötzlich hörte ich dein Weinen, nein es war ein Schluchzen und es gesellte sich zu dem Lächeln, das ich auf dem Leuchtturm gefunden hatte und für einen Moment spürte ich deinen Atem.
Freude weckte mich aus dem Dämmerzustand: „Du lebst!“ wusste ich nun. Es zappelte in meinem Netz, fast hätte ich es aus den Händen verloren.
Ich holte es ein und fand einen kleinen grünen König mit Fischschuppenschwanz, dem die Krone in die Stirn verrutscht war.

Vom grünen König

Einst war mein grüner König groß:
der heimliche Held abgelegter Mädchenträume
trug keine Rüstung aus Gold
Sein Reich war die Sprache
tiefe Wortwelten
Wind und Wellen
an Ufern rubinroter Meere
Zwischen Abgründen und Gletscherspalten
wuchsen Landschaften aus Traum und Wunsch

Bevor ich die Türe fand zu den inneren Sprachräumen
tauchte er tief, einem Froschkönig gleich
zum Grund meines stillen Sees
Sein Atem war lang
Er fand vielfarbige Spiegelsilben
die glänzten wie geschliffene Diamanten
und barg sie für mich, wie die goldene Kugel
Behutsam nahm ich die gefundenen Worte
und webte seidene Sprachteppiche daraus

Mit der Zeit ist er klein geworden und müde
mein grüner König ohne Zepter und Krone
der Zauber blieb
verdichtet zwischen Zeilenschichten
Essenz und Duft
Manchmal
findet sich sein magischer Faden in meinen Sätzen
Dann wachsen den Gedanken Flügel
und ich fliege, wohin ich will

 

Da findet Frau, wenn sie plötzlich an die verflosssene Zeit denkt, sich erinnert und in alten Skizzenblättern zu kramen beginnt: einGedicht , das ich im April 2009 schrieb.