Aurora, die auf dem Seil tanzt 2

3.2.
Guten Abend, Traumtänzer,
hast du tagwärts schon Träume getanzt ?

Mein Knöchel hält mich am Boden. Kein Seiltanzen heute. Hab mich verknickt! Stattdessen  jongliere ich mit Worten.
Stell dir vor, heute sind sie mir alle durcheinander gepurzelt. Der Sinn hat sich hinter dem Durcheinander versteckt. Ich wußte plötzlich nicht mehr, was ich vor ein paar Minuten noch wollte. Dabei hatte ich mit den bunten Gedankenbällen schon fast einen Regenbogen jongliert. Ich war untröstlich. Hier sind die Reste:

komm
du bi mein
erfüll mit schein
das griesegraue sein
es fließt der rhein
nach norden heim
und klebt mit leim
was fest soll sein
auf einem bein
noch ganz allein
ist es nicht klein
das du bi mein

Traumtänzer, du hast mir schon so viele Antworten gegeben. Kannst du mir vielleicht verraten, wer das „du bi mein“ ist? Seit Monaten geistert es durch meine Gedanken, wie ein kauziges Irrlicht. Es spukt, poltert und klabautert. Ich mag es gern, denn es bringt mich oft zum Lachen, wenn ich gerade dabei bin, in den trüben Gedanken herum zu fischen. Aber so eigensinnig, wie es zu sein scheint, entzieht es sich jedem Versuch, ihm eine Form zu verpassen. Hey, vielleicht sollte ich es mal zu dir schicken, damit es dich endlich aus deiner Winterstarre erlöst.
Du runzelst die Stirn und presst die Lippen aufeinander. Das heißt „Nein“ nicht wahr, „lass es bloß sein.“ Ja, ich verstehe, du willst noch nicht. „Alles zur rechten Zeit!“ rufst du.
Ist ja schon gut, aber auf Dauer sind diese Monologe unergiebig – obwohl – vielleicht auch nicht, denn dein Schweigen lässt meine grauen Zellen auf Hochtouren werken.
Ich staune nicht schlecht. Gerade war die besondere Möwe an meinem Fenster. Ich habe ihr mit einem schönen Seemannsknoten ein paar Luftküsse um den Hals gebunden, und sie hat mir versprochen, sie zu dir zu bringen. Du weißt ja, dass die Vögel mich verstehen.
Also sei lieb, und nimm die Möwe in Empfang und natürlich meine luftigen Knutscher.
Jetzt guck mich doch nicht so streng an – da werde ich ja ganz zerknirscht.

Ich bins doch nur, deine (gerade nicht) tanzende Aurora

Domspitzen

Und wenn dir die Domspitzen dunkel und viel zu klar ins Januargrau stechen, dann stell dir vor, zwischen den Domspitzen sei ein Seil gespannt:

Gerade fährt der am Dom außenliegende Aufzug AURORA hinauf. Sie trägt himmelblau und Silber von Kopf bis Fuß. Die lange goldene Balancierstange wurde schon gesondert nach oben transportiert. AURORA atmet tief ein und aus, während die Fahrt sie immer weiter nach oben führt. Jetzt ist sie da. Das Herz klopft laut. Die Aufregung, verbunden mit höchster Konzentration und Aufmerksamkeit, nimmt sich Raum. Der Körper der Tänzerin ist warm und geschmeidig. Sie setzt den rechten Fuß auf die Plattform, von der aus das Drahtseil hinüber zur anderen Seite gespannt ist. Unter ihr auf dem Domplatz sind an diesem frühen Nachmittag die Menschen zusammen gelaufen, um der besonderen Attraktion zuzuschauen, mache(r) mit ängstlichen Blicken und einer Mischung aus Bangigkeit und Neugier im Bauch.
Es ist kalt und windstill vor dem Dom, was selten vorkommt. Von unten sieht die Masse nur die leuchtende Silhouette der zierlichen Akrobatin, die sich gut vom Wintergrau absetzt . Beinahe fassbare Anspannung steigt von unten nach oben zum Seil. Selbst die Kinder sind still. Einige Gaffer halten die Hände vor die Augen, spinksen nur ab und zu durch die Finger hinauf.
AURORA steht nun mit beiden Füßen auf der Plattform. Sie strafft ihre Haltung und verbietet sich, nach unten zu schauen. Sie versucht, das schnell schlagende Herz zu beruhigen und verscheucht die flüsternde und raunende Angst. Sie kennt dieses wilde Tier, dass ihr den Mut rauben will, das sie gängeln und zurückhalten möchte und weiß. wie sie es bezähmen muss. Der Talisman liegt über dem Brustbein unter dem eng anliegenden Trikot.
Verlässliche Werkzeuge sind langjährige Erfahrung auf dem Seil und der bis in die letzte Faser durchtrainierte und biegsame Körper, dem sie blind vertrauen kann. Sie fasst das Ziel, die Plattform an der gegenüberliegenden Domspitze, ins Auge, misst mit den Augen die Entfernung. Der Weg ist nicht weit. Sie hat schon weitere Strecken auf dem Seil hinter sich gebracht. Nie aber hing das Seil in dieser Höhe.
Obwohl der Tag windstill ist, weht es in dieser Höhe. Tief einatmen, ruhig werden, Spannung halten, die Konzentration in die Füße lenken. Einen letzten Gedanken schenkt sie dem, was hinter ihr liegt und lässt es los.
Sie greift nach der Balancierstange, setzt probeweise einen Fuß auf das Drahtseil, horcht in sich hinein, wartet auf das Zeichen, das sie unmissverständlich auffordert, zu beginnen.

Sie hebt die Arme, sieht nicht, wie der Rhein ihr entgegenblinkt und die Schiffe gemächlich dahin gleiten. Für sie ist der Verkehr in der Stadt, auf den Brücken und im Hauptbahnhof ausgeblendet.
Ebenso geht es der Menschenmenge auf dem Platz, die nun gebannt nach oben schaut und den Atem anhält.
Für einen kurzen Augenblick schließt AURORA die Augen, öffnet sie wieder und tanzt los.
Sie spürt und tastet, während der innere Dirigent die alltäglichen Stimmen und Geräusche seinen musikalischen Formen unterordnet und AURORA die Einsätze gibt. Die Seiltänzerin ist ganz und gar in ihren Füßen verschwunden, die über das Seil gleiten und hüpfen, als sei es Asphalt, auf den die Kinder mit Kreide ein Hüpfkästchen gemalt hätten. Die Choreografie sitzt perfekt.
Beide Arme führen die Balancierstange gekonnt ausgleichend. Ihre Füße fühlen den Weg über das Seil.
Von unten schicken Menschen hoffnungsvolle Gedanken hinauf. Der Kardinal bittet alle Engel darum, helfend einzugreifen beim kleinsten Fehler und betet laut ein Stoßgebet.
Aber AURORA macht keinen Fehler.
Sie ist jetzt in der Mitte zwischen den Domspitzen angekommen und dreht sich einmal um sich selbst.
Ein einziger Schrei entringt sich der Menschenmenge unten.
Im Grau des Himmels hat sich ein blaues Fenster geöffnet.
Die Zeit scheint still zu stehen, während die Tänzerin Schritt für Schritt die Länge des Seils ermisst, ganz ruhig wie in Trance.
Als es geschafft ist und ihr Fuß die gegenüberliegende Plattform berührt und sie wieder festen Boden unter den Füßen hat, schickt sie ein stummes Dankgebet zum Himmel, bevor sie sich vor dem Publikum verbeugt.
Tosender Applaus und jubelnde Bravorufe wollen nicht enden. Ein Blasorchester spielt auf,
AURORA legt die Stange beiseite und wirft Kusshände in die Menge. Sie ist glücklich und beseelt und fühlt sich leicht. Dankbar verabschiedet sie sich vom Seil und zwinkert den Domspitzen zu.
Es ist ihr letzter Auftritt.
Ohne noch einmal zurück zu schauen, betritt sie den Aufzug nach unten.
(Inspiration für diese Geschichte war ein Foto. Darauf sieht man ein Stück der filigranen Zwillingstürme des Kölner Doms  in einen bleigrauen Himmel staken.)

Aurora, die auf dem Seil tanzt 1

26.1.

Herzallerliebster Traumtänzer,

mein Mitteilungsbedürfnis ist riesig im Augenblick Keiner will mir mehr zuhören, weil ich ständig quassele. Sie mögen oder können mir auch nicht mehr folgen. Bin schon fast über den Wolken auf dem Weg zu dir. Ich fliege ihnen davon, und sie sind zu bequem, um mich einzufangen und wahrzunehmen, welches unbezahlbare Juwel ich bin. ( Na ja, das würde jetzt in den Selbstbeweihräucherungs-Thread passen) Ich schäme mich ein wenig für diesen Satz. Nein, DU, ich sage ihn nicht, um ihn von dir bestätigt zu bekommen. Das wäre mir eher unangenehm. Zu schmalzig. Mal im Ernst, diese Art von Schleimerei haben wir beide doch nicht nötig. Oder? Wie gut, dass es dich gibt, ein Phantom, von mir erdacht und doch eine präzise Gestalt: feingliedrig und groß mit breiten Schultern und schmalen Hüften, nicht mehr jung – gerade 55 geworden – Sternzeichen: Steinbock – sehr eigen!. Ich sehe schon, du runzelst die Stirn. Wie gut, dass wenigstens du mich so nimmst, wie ich bin. Ja,ja, ich sehe dich Schmunzeln. Ach könnte ich doch zu dir ins Schneckenhaus kriechen. Die Zeit würde uns nicht lang, und das Seemannsgarn würde wie Gras immer höher wachsen. Könte echt gefährlich werden, wenn unser Häuschen überwuchert und unsichtbar wäre. Ach Federfreund, deine Stimme muss ich noch erfinden: ich schwanke zwischen Tenor und Bariton. Ich glaube, du sprichst schnell und sehr betont – deine Sätze überschlagen sich und deine Mimik ist ebenso beweglich wie die meine. In unseren Zügen kann man lesen, wie in einem Buch. Deine dunklen Augen blitzen und über der hohen Stirn ringeln sich die grauen Locken – ein bisschen frech siehst du aus. Das Lausbübische hast du nicht verloren. Weißt du, schon als Kind habe ich Halma, Dame und Mühle gegen mich selbst gespielt: niemand hatte Lust oder Zeit. Genauso kann ich mir Gestalten ausdenken und mein Monolog wird zum Dialog. Geben wir also die Bühne frei für eine gelingende Inszenierung. Tschüss für heute – vergiss das Schlafen nicht und grüße die Wellen, Aurora, die sich heute wieder aufs Seil getraut hat.
Hm, vielleicht gibts dich ja wirklich – irgendwo! Vielleicht auf einer Nordseeinsel als Leuchtturmwärter?

 
DANKE FREUDENWEGE, DASS DU MICH ERINNERT HAST!

Wieso nicht einfach mal lostanzen, sich von den eigenen, leichten Schritten führen lassen, ganz intuitiv? Muss auch gar nicht im Traum sein!

über Das Wort der Woche (11): Traumtänzer — freudenwege

Vertrauen

„wenn eine(r) inne hält und lauscht“

 

dem Wind vertrauend
gleiten Möwen schwerelos
im Steigen, Fallen und Innehalten

durchmessen  endloses Blau
und streifen im Schweben
die Wolken kaum

Plaudernde Kiefern

„wenn eine(r) inne hält und lauscht“

 

tuschelnde Kiefern
es raunt und rauscht, hebt an
Wortgewitter, Redeschwall

vom Regen, der kommt
es rauscht, rinnt, gießt

die Bäume singen mit
werden langsam leiser
bis einvernehmlich Wiegen bleibt