8. Januar- Windspiel

Haselkätzchen schaukeln im Wind
zartes Gelb schmeichelt dem Blick
Staksig sprießen
Apfelbaumzweige den Kätzchen entgegen
Kontakt suchend, scheinbar, vorwärts tastend
weniger biegsam
mitspielbereit
derweil
Kohlmeisen hüpfen vom Busch zum Baum
vom Baum zum Busch
und picken, was zu picken ist

5. Januarkreativ

Die Rauhnächte lassen grüßen 2

Kreative Dinge entstehen
wer hätte das gedacht
im Stau der Gedanken feststeckend

Und plötzlich fließt es wieder…

Noch ist das Jahr jung
hat seine Unschuld nicht verloren
zaghafte Schritte auf weißem Papier
wie vereinzelte Vogelschritte

Alte Lasten blieben zurück
es geht sich leichter so
was bleibt, wiegt weniger schwer

Lebensteppich

Die Raunächte lassen grüßen!

Das Muster, so klar wie nie
zeigt es sich mir
im Teppich, die tragenden Fäden
ich sehe sie
Struktur, ein Netz
das durch die Geschichte trägt
die lange vor mir begann
und nicht endet mit meinem Tod

Nicht alle Fäden mag ich
Schmerz steckt darin
Trauer und Frust, Selbstaufgabe, Zweifel
doch sind sie auch
Stein des Anstoßes und Reibungsfläche
an der ich mir Narben hole und wachse

Würde ich sie ziehen, die Fäden
die ungeliebten
Löcher und Leerstellen blieben
nicht ich, nur eine glatte Hülle
ohne tragende Substanz

So müssen sie bleiben
doch um sie herum bin ich frei
mein Lebensgewebe neu zu gestalten.

4. Januargrau

Kahl und nackt sind die Bäume

hängen im Regen fröstelnd

ich friere dem Frühling entgegen

Ohne Laub das Geäst, so kahl

möchte es schmücken mit bunten Worten

die auch mich erwärmen

und meine Haut beschützen

Lass mich dich kleiden Baum

in ein leuchtendes Gewandt

gewebt aus Stille, Liebe und Frieden

damit sich innen vollzieht

was geborgen noch Zeit braucht

zu werden

ein Gedicht zum 25.12.22

Ein Rinnen und Fließen draußen
im kahlen Apfelbaum

hängen Regenperlen
schimmern transparent. tropfen

Es rauscht und rinnt
ein stiller Gesang im Wind

Haselkätzchen wippen im Takt
takketak, takketak, takketack

die Dusche vom weißen Himmel
wäscht den Tag rein
poliert, wienert, glättet

nimmt die Hektik mit
und lässt ein bisschen Frieden zurück

Lieblingssatz 25

„Meine und deine Begegnung ist die von Rose und Tau: Alles Lächeln von dir und alles Weinen von mir.“ (Dard – aus „Nimm eine Rose und nenne sie Lieder-Poesie der islamischen Völker)

„Liebster warum weinest du? Unter deinen Tränen erblühe ich und wünsche doch, dass sie versiegen.“
„Liebste, dein Lächeln wärmt mein Herz und lässt den Tränenfluss weicher fließen.“
„Liebster, mein Lächeln trägt Trauer. Wir sind was wir sind: ich Rose, die am Tag erblüht und du Tau, der in der Nacht entsteht.“
„Liebste, wir haben unsere Zeit zwischen Tag und Nacht. Sie ist aller Tränen wert.“
„Wie vollkommen doch der Tau am Rosenblatt perlt, wenn mein Licht ihn zum Glänzen bringt.“ flüstert der Morgen dem erfrischten Garten zu.

Lieblingssatz 24

„Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug.“ (Hilde Domin)

Dem unbekannten Element zu trauen, sich ihm anzuvertrauen, dazu gehört Mut. Einen Schritt ins Ungewisse zu tun, zu wagen, den Boden unter den Füßen zu verlieren, das klingt beinahe übermütig.

Franzi steht mit dem Rücken zur Wand. Was hinter ihr liegt hat sich so verdichtet, dass sie nicht zurück kann. Der Weg ist versperrt. Was bleibt ist die Sicht nach vorne. Alles hinter sich lassen und einen Neuanfang zu wagen, erscheint als einzige Option. Franzi schwankt:
zurück und durch die Wand gehen oder das scheinbar Unmögliche wagen? Beides kann bedeuten, sich innere und äußere Verletzungen zuzuziehen.
Neulich sagte Rene´, ein guter Freund zu ihr:
„Franzi, was hast du zu verlieren? Du bist jung, unabhängig und frei. Nutze deine Möglichkeiten. Schau nicht zurück.“
„Und du, Rene´, wo bist du, wenn ich gehe?“
„Keine Sorge, Franzi, die Welt bleibt die gleiche. Du bist nur an einem anderen Ort. Wir werden uns wiederfinden, wenn du angekommen bist. „
Franzi schloss die Augen und setzte ihren Fuß in die Luft. Sie trug.

Lieblingssatz 23

„Wer ein Notizbuch mit sich führt, hat immer einen Freund zur Seite.“

(„Wunder warten überall“von Stefan Weigand)

Ich besitze viele Notizbücher, für jedes Projekt ein eigenes und auch eins für schöne Sätze und Worte. Wieder ein anderes hält Morgengedanken fest. Ein weiteres speichert Träume. Ich könnte diese Liste fortsetzen. Ohne meine vielen Notizbücher würde mir etwas fehlen. Wenn ich mich in Mußestunden manchmal zurücklese in ihnen, dann bin ich überrascht, was sich dort alles findet und wiederfindet. Die äußere Erscheinung dieser kleinen Bücher ist sehr unterschiedlich, denn es fällt mir schwer, an schönen Kladden oder Notizbüchern vorbeizugehen. Es gibt auch lose Blattsammlungen, notdürftig zusammengehalten und alte Schulhefte, denen ich einen hübschen Einband verpasst habe. Einige von ihnen sind richtig zerfleddert. Diese Zerzausten habe ich besonders lieb. Alle zusammen sind wie ein Kaleidoskop. Sie erzählen etwas über mich, meine Innenwelt und Fantasie und sagen etwas über meine Einstellungen. Ich hoffe sie überleben meinen Tod und dienen Kindern und Enkelkindern als kreative Fundgrube und Erinnerung an mich.

Lieblingssatz 22

Satz 22

„Ich sehe mich in unzähligen Gestalten – Formen, die waren, sind und werden. Mein Herz macht einen Sprung – Narrensprünge!“

(Angie aus Brückenstück „Marie, die Zweite“)

Dieser Augenblick zwischen Schlafen und Wachsein, manchmal noch traumverfangen, dieser besondere Moment lässt sich dehnen. Wie ein Film läuft der Traum einfach weiter und schwingt sich in Narrensprüngen von Ast zu Ast und von Baum zu Baum weiter, bis er verblasst im Tag angekommen ist. Freiwillig hängenbleiben in Zwischenwelten ist für Marie köstlich und ein unvergleichlicher Genuss. Hier entstehen kreative Impulse für den Tag, entscheidet sich welchen Grundton der Tag tragen wird. Alles Vorstellbare darf sein und seine Schatten in den Tag legen. Im Gegensatz zum Nachttraum allerdings, ist Mensch hier selbst der Regisseur. Er entscheidet, wohin es geht und wie lange die Reise dauert.

Lieblingssatz 21

Satz 21

„Solange man schreibt, spricht man mit den Menschen, die man erfindet, man lebt ihr Leben mit ihnen, und die Zeit zwischen dem Schreiben wird irgendwann unwichtig, das Schreiben wird zum Eigentlichen.“
(Ferdinand von Schirach, aus „Kaffee und Zigaretten“)

Solange ich schreibe! Was aber passiert mit den Menschen, deren Leben noch unvollendet beschrieben ist?
Undenkbar ja, dass irgend etwas Lebendiges jemals vollkommen wäre, aber diese bruchstückhaften Schemen mit mehr oder weniger Fleisch an den Knochen, was geschieht mit ihnen, wenn der Schreibimpuls plötzlich stoppt? Wie Marionetten, die der verborgene Puppenspieler nicht mehr bewegt, bleiben sie hängen und wiegen sich im Wind des Lebens.
Manche verschwinden zeitweise völlig aus den Augen des Erfinders, manche tauchen wieder auf als Veränderte oder verlieren sich für immer in Raum und Zeit. Zurück bleibt eine kleine Lücke, die nicht wieder aufzufüllen ist.

Eigentlich wie im richtigen Leben, oder?