Eigentlich

 gab es noch eine ganz andere Welt. Auch dorthin wanderte Maja manchmal, besonders dann, wenn ihre Stimmung düster war und sie sicher sein wollte, ganz allein zu sein.
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Heute war wieder so ein Tag, jedenfalls ganz sicher kein Prinzessinentag mit flamingoroten Seidenröcken. Es war ein ernster, dunkler Jeans- und Turnschuhtag. Alles ging schief.
Weil Maja am Morgen beim Frühstück zu lange mit Adinos dem Riesenhasen unterwegs gewesen war und getrödelt hatte – Mama und Papa waren schon früh zur Arbeit gefahren – kam sie ohne Fahrrad, das sie noch hätte aufpumpen müssen, viel zu spät in der Schule an und verpasst die Chorstunde bei Frau Kammerton, die sie so liebte.
So ein Mist, dazu regnete es und der Wind war bitter kalt, obwohl doch schon März war und die Osterglocken zu blühen begannen.
Irgendwie bekam Maja vom Unterricht nicht viel mit. Keine Ahnung, was Herr Freitag, der Mathelehrer ihnen für den nächsten Tag aufgegeben hatte. Jetzt war Pause und alle mussten nach draußen.
Maja hasste den Pausenhof. Sie wäre viel lieber im Schulgebäude geblieben, um sich in eine stille Ecke zurück zu ziehen und mit den Gedanken davon zu fliegen. Sie hasste das Gedränge, konnte Rempeln und Lärm nicht ab. Sie hatte auch keine Lust, Fußball zu spielen oder in Grüppchen blöde Mädchenspiele zu spielen. Alles ätzend.
So beschloss Maja, den Schulhof heimlich zu verlassen. Vorsichtig schaute sie sich um, damit kein Lehrer sie erwischte. Gut, dass sie sich beinahe unsichtbar machen konnte, wenn sie das nur fest genug wollte.
Draußen angekommen rannte sie los. Einmal nach rechts in die Seitenstraße, dann geradeaus bis zum Ende der Sackgasse, über die Wiesen, durch das das kleine Wäldchen zum Schrottplatz. Hier war niemand. Ausrangierter Wohnmobile und Autowracks standen dort herum, dazwischen rostige Fahrräder und Kinderwagen ohne Räder, alte Waschmaschinen, und Tonnen mit undefinierbaren Inhalt. Der Platz war gut versteckt hinter den Bäumen des kleinen Wäldchens. Eigentlich wollte Maja ja nur ein paar Minuten hier bleiben und dann zurück zur Schule gehen. Das hätte auch geklappt, wenn sie nicht wieder die Zeit vergessen hätte. Sie öffnete die Tür eines alten Autowracks, kletterte hinein, klemmte sich hinter das Lenkrad und wollte gerade zu einer imaginären Reise starten, als sie etwas hörte. Ein Winseln! Sie drehte sich um und sah nichts, suchte das Auto ab und fand nichts, stieg wieder aus, suchte.

Verwurzelt fliegen

v

angst orten – den schmerz aushalten
trauer zulassen
und abschied nehmen
etwas sterben sehen
sich leer weinen

spüren
die füße ankern im boden
verwurzelt finden sie quellen
dort – wo die erde schläft
und pulsierend leben schenkt
mit dem trommelschlag der zeit
schwingst du im gleichklang

fühlen
der geist erdet im universum
gehalten – geführt
dort – wo der himmel sich wölbt – wirkt
deine gedanken und träume beschützt
und dir nischen gewährt
im grenzenlosen raum

atme sie ein – diese kraft – tief
dann lass los
die trauer, den schmerz und die angst
und lehr dein herz fliegen

(2005)

Nur eine Tulpe im Strauß, gestern!

Werde ich der Tulpe in ihrem Wesen gerecht, wenn ich mich davon tragen lasse zu Erinnerungen, in Geschichten und Gedanken? Wie Seide schimmert ihre Blüte.
Da war mal ein kleines Mädchen, das wünschte sich nichts mehr, als ein Prinzessin zu sein. In ihren Gedanken lief sie der Mutter, dem Vater, des Geschwistern und auch allen anderen davon. Oft war sie zwar sichtbar anwesend, aber mit dem Geist in einer ganz anderen Welt.
Dort, in Adianopulis, war immer Frühling. Das Gras wuchs stark und üppig grün. Blumenelfen bevölkerten die Hecken. Es war eine lange Hecke unter dem blauen Himmel, über den nur hin und wieder eine Wolke schwebte. Ein leichter Wind wehte über das Gras. Das Mädchen trug weite, seidene Röcke, flamingorot changierend und blütenweiße Hemdchen mit Puffärmeln. Für ihre langen, dunklen Haare flocht sie bei jedem Besuch einen Kranz aus Blüten Die Röcke bauschten sich im Wind. Das Mädchen, das so gerne eine Prinzessin sein wollte, hatte einen Begleiter. Es war Adinos, der weiße Riesenhase. Wo sie auch ging, wanderte und tanzte, da war er an ihrer Seite. Er passte auf, dass sie der Hecke nicht zu nah kam, denn die Dornen hätten ihre seidenen Gewänder zerfetzt. Und überhaupt, er konnte gut zuhören mit seinen langen Ohren. Oft vertraute die kleine Maja sich dem Hasen an. Sie klagte über die raue Welt, in der sie zu hause war, sprach über das Unverständnis anderer Mädchen und darüber, dass sie keine Freundin hatte. Die schönen Sachen erzählte sie auch, von der Mama, die sie lieb hatte, dem kleinen Bruder, der noch der Wiege lag, der Klassenlehrerin, die ihr Tulpenbild gelobt und an besonderer Stelle im Klassenzimmer aufgehängt hatte. Maja konnte wunderbar malen. Regelmäßig erinnerte Adinos Maja daran, dass sie zurück kehren müsse, um Aufgaben zu erfüllen, die sie nur in der anderen Welt erfüllen konnte und die wichtig waren, um zu wachsen und erwachsen zu werden, irgendwann. Auch gab es in Adianapolis nicht die rechte Menschenkost.

Nur eine Tulpe im Strauß

Da war doch was.
Beim Versuch, diese Tulpe in der Vase auf meinem Küchentisch zu beschreiben, stoße ich an meine Grenzen. Natürlich könnte ich schreiben, sie ist von einem besonderem Orange mit gelben Rand. Aber sie ist viel mehr. Der Schimmer, ihr Duft, wie sie mit ihren Geschwistern dicht gedrängt und gerade in der schlichten Vase aus Glas steht, die Blüte noch nicht vollkommen geöffnet – ganz bei sich, in ihrem Streben nach oben der Vergänglichkeit preis gegeben.
Ihre Farbe lässt mich an Flamingos denken und den Süden, an weiße Pferde, schwarze Stiere und das Flirren von Licht auf dem Wasser. Das Mittelmeer vor dem inneren Auge sehen und eine schwarze Madonna, die so eindringlich auf mich gewirkt hat, dass ich kaum zu atmen wagte und ganz gefangen in diesem besonderen Augenblick war.
Es gibt diese Augenblicke…..
Versunken in den Anblick einer schönen Tulpe, öffnet sich ein Tür zu ganz anderen Erlebnissen. Filme laufen ab, Brücken bilden sich zwischen Ereignissen, die ursprünglich nicht zusammen gehörten. Da gestaltet sich ein neuer Raum, Licht und Wind dringt hinein und das Flüstern der Sterne. Die Schönheit und Anmut von Dingen ist äußerst machtvoll, wenn ich bereit bin ihnen Zeit zu schenken.

Hoffnungsschimmer

Unabhängig davon was gerade an Sorgen und Belastungen da ist, das quirlige Vorfrühlingsgefühl gewinnt Oberhand. Es lässt sich weder abwimmeln noch ignorieren. Es ist durch die Haut in die Blutbahnen gelangt. Und dort spukt es hoffnungsfroh und fröhlich herum. Glückshormone sprudeln unter den länger und lichter werdenden Tagen. Jahre fallen ab. Mit dem kommenden Frühling wird alles wieder jung.
Warum nicht etwas neu beginnen, diesen energievollen Drang nutzen?
Und sei es nur, etwas scheinbar Abgelegtes aus der Kiste im Dachboden hervor zu kramen, es neu zu betrachten und zu beleben, um etwas anderes damit zu tun, als das Übliche und Altgewohnte.
Gedanken und Dinge verwandeln sich, wenn der Blickwinkel sich verändert.