aurora

Juno 2014
Ich weiß nicht, was da gerade in der Luft schwirrt unter dem hohen Lerchenhimmel. Was Konturen gewinnt und ich noch nicht so ganz geortet habe, widersetzt sich jeder Traurigkeit. Aufbruch ruft alles, einmal die Erde umkreisen, durch Urwälder streifen, den höchsten Gipfel erklimmen, Ozeane durchschwimmen, nein – in sie abtauchen – und die andere Seite des Mondes betrachte. Die Perspektive wechseln. Wie die Welt von dort wohl aussieht? Die Göttin Juno lässt grüßen. So finde ich mich mitten in diesem Tag, der Sommer trägt und weiß, es ist eine gute Zeit um aufzubrechen. In diesem Sinne grüßt dich in aller Kürze -ja zwischen zwei Buchstabenjonglierversuchen – und für diesen einen Augenblick, der sich niemald wiederholen wird, Aurora

Juno 2022
Vielleicht wieder ein Aufbruch im Juno. Türen öffnen sich, neue Perspektiven wollen erkundet werden. Noch einmal ganz neu beginnen, und das in diesen Zeiten, in meinem Alter? Eine Frage, die Aurora umtreibt und deren Antwort schon wie ein heimliches Versprechen in der Luft liegt. Süß, mit einem Hauch vn Bitter. Sie muss nur aufs Seil und sich recken. Ob sie das wohl noch schafft? Und schon liegt die Antwort auf der Hand. Gerade jetzt, wo die Welt am Abgrund steht zählt doch jeder Tag, der in Stille und Gelassenheit zelebriert werden möchte und an dem etwas gesunden und heil werden kann.

Ivenack, 6. Tag

Was mich berührt:

der Lichtstreifen, der sich morgens in den Schlosspark legt
und einige der Baumriesen beleuchtet

die Vielzahl der riesigen Bäume, die Ruhe und Großartigkeit ausstrahlen

die Stille der Landschaft mit ihren sanften Hügeln und den Baumalleen

die Dorfkirche aus Backstein, das gepflegte Rund auf dem sie steht, die Grabsteine, die in ihrem Schatten ruhen und die einladende Stille, die sie ausstrahlt

dass die Zeit hier scheinbar langsamer vergeht und dem Werden und Wirken Zeit lässt

die vielen Zeugnisse lebendiger Kunst und Kultur

dass die vielen Bäume nicht nur Schutz und Schatten spenden, sondern ein Mikroklima schaffen, in dem sich gut durchatmen lässt

IVENACK, Tag 5

Neustreliz, Schlosspark

Meditatives Parkbankgeflüster

1. ein Hund bellt
jemand fegt einen Weg
Autoverkehr ganz weit weg
raschelndes Laub
ein leises Plätschern vom Brunnen
Schritte auf Kieswegen
neben Vogelgezwitscher und Taubengurren
Stimmen schweigen, wie der Mann gegenüber
der auf der Parkbank liegt und döst

2. mit geschlossenen Augen Grün riechen und Süße
hinter der jungen Lindenallee, ausgewachsene Bäume
sanft singt der Wind in den Blättern

3. Oben, weißer Himmel
mit blauen Flecken
Wolken raufen und zerren, eilen
fliegen davon, finden sich wieder

4. der weiße Engel aus Marmor schaut zum Himmel
hebt links den Siegerkranz empor
und rechts ein Palmwedel unter den Arm geklemmt oder ist es eine Feder?
eine weibliche Gestalt
die lose fallende Kleidung fällt über nackte Füße
verhüllt kaum die rundlichen Körperproportionen
das Gewandt gleitet beinahe von der Schulter
wären da nicht die Flügel
eine schöne Frau auf der Höhe ihrer Kraft wäre zu sehen
die ihr Haar sorgfältig im Zopf gebändigt hält

5. eine Art Hecke
Dreiecke aus Draht
die wildem Wein als Kletterhilfe dienen
begrenzen das langgestreckte Beet
ein Band aus dunkelvioletten Stiefmütterchen
rahmt Frauenmantel ein
In der harmonischen Schlichtheit
liegt Bescheidenheit und Ästhetik

6. nicht viele Besucher am letzten Dienstag im Mai
eine Frau mit knallroter Jacke
führt zwei Hunde spazieren
Das ROT irritiert mein Auge
inmitten dieser Symphonie aus Grün

7. Das Schloss steht nicht mehr im sternförmigen Park
eine Leerstelle
zwischen Schlosskirche, Orangerie, Theater und Freilichtbühne
die an die alte Pracht erinnern

8. Und zum Schluß
nach dem Gang durch Buchen-und Buchsbaumhecken
der Blick auf zwei Titanen:
ausladende, hochgewachsene Blutbuchen
mit einem Dach aus weitverzweigten Ästen
unter dem es sich gut aushalten lässt

IVENACK, Tag 1

Landschaften 1

Ein gelbgrünes Band, sonnengetupft
Wellen, flach und fortlaufend
schier unendlich
unter einem Himmel
an dem graue Wolken eilen
sich verdichten, auseinanderstreben
und blaue Flecken freigeben
Baumreihen zeichnen Linien
in Feld und Flur
die Kastanienallee zum Haus
bald blühen die Kerzen
Bühne frei, für ein Frühsommergedicht
gereimt aus Wind, Schatten und Licht

Traumsequenzen 2

Eine Art von Seligkeit

Schon wieder Umzug in ein neues Haus
schlicht diesmal: Kiefer, klare Räume, weiße Wände
nichts, was ablenkt von den Bäumen hinter der Glasfassade
und doch fremd, unbewohnt, ohne Gebrauchsspuren
das andere, das nie fertig wurde, ich nie bewohnt habe, wird verkauft

Ich radle durch Pfützen und Schlamm
es regnet ohne Unterlass, Weltuntergangsstimmung seit Wochen
dabei hat die Sonne schon geschienen, der Apfelbaum geblüht und der Flieder geduftet
ich radle weg von Dränglern, Draufgängern und wortgewaltigen Despoten
weg von Hektik, Krieg und den Bildern der Gewalt
finde einen Ort, die neue zweistöckige Buchhandlung zwischen Wiesen und Feldern
ziehe ein kleines Bändchen mit Gedichten aus dem Bücherstapel am Eingang
packe mein Notizheft aus, ebenso klein
finde einen Platz oben zwischen den Regalen, gut gepolstert mit Ablagetischchen
ziehe die Knie an und schreibe ab
Zeile für Zeile, Wort für Wort
rote Tinte fließt aus meinem Füllfederhalter aufs Papier
ich sehe, wie es fließt, so als sei ich nicht beteiligt, so als schreibe es sich selbst
ich trinke Tee, eine freundliche Frau gießt mir Kaffee hinein, ich trinke
dann kommt das Kind zu mir her geflogen,
der kleine Sonnenschein kuschelt sich in meinen Schoß
und alles wird hell
alles macht Sinn
So kann es bleiben für einen langen Augenblick

Traumsequenzen 1

Wer bist du?

Immer wieder traf ich dich unvorhergesehen an den unwahrscheinlichsten Orten:
auf einem Stuhl im Flur sitzend mit übereinandergeschlagenen Beinen, ein Buch in der Hand
am Tresen einer Bar, die ich noch nie besucht hatte
im Nebeneingang des Theaters, wo gerade der letzte Vorhang gefallen war….
Wir tauschten Blicke, ernst, ohne Lächeln mit dem Wissen, wir können einander nicht lassen…
und liefen auseinander , während in mir eine Welt zerbrach…
die Spannung stieg…
Dann sah ich dich unter Fremden, die ausgelassen feierten
erschöpft mit beinahe erloschenen Augen…
da nahm ich deine Hand trug dich – mehr als ich zog – hinaus
federleicht und blass, wieder zum Kind geworden, strömte das Leben aus dir heraus.
Ich bettete dich rechts neben mir auf einem roten Sofa..
du verlangtest nach der Brust
ich gab und du saugtest dich zurück ins Leben.
Wer bist du nur?