Corona und ich 2 zum Dritten

3.

Alles zuviel

ein Wort in aller Munde

das Leben geht TROTZdem weiter.

Wäre es nicht an der Zeit

ein Fenster zu öffnen

zum Raum, in dem Corona nicht da sein darf?

Wäre es nicht an der Zeit

dem Leben Vorrang zu geben

und Corona aufs Nebengleis zu verschieben?

Oder täglich kurz abzuheften

unter „Gut zu wissen“?

Denn es ist Frühling Leute,

komme da was wolle.

Corona und ich 2

…der Zeit ein Schnippchen geschlagen, augenblickelang…

1.

Erst war da dieses grüne Lächeln,
das sich zaghaft aus dem vergilbten Laub des vergangenen Jahres schälte, sich zu erheben schien,
um zu beginnen über den Dingen zu schweben,
sich hineinzuweben in Tage und Nächte,
mit einem Duft, der zunächst fein
immer mehr an Intensität zuzunehmen begann,
bis jetzt im Frühling
weder Grün noch Duft und Klang aufzuhalten sind,
um in einer grünen Symphonie zu erklingen.
Das nun strahlende Lächeln im Wettlauf mit der Sonne
weckt die letzten Langschläfer aus ihren Träumen.
Die Zeit ist reif und der Boden bereit zum Sähen.
Neues will wachsen.

2.

Ich öffne das Rollo und schau hinaus
Alles leuchtet, will in mein Herz
dort wachsen und wuchern
bestricken und becircen
wie die Knospen im Baum
die darauf warten, bald blühen zu dürfen

Ich öffne das Rollo und schaue hinaus
möchte baden im Licht
goldene Seelenwärme aufnehmen
mich wiegen im Wind
der den Baum umschmeichelt
und auch mich liebkost

Corona und ich 1

ob wir uns lieben oder nicht – die Zeit, die plötzlich da ist und ich – wir werden sehen
einstweilen warte ich was kommt…..und es kommt so viel

1.
Zeit geschenkt
Corona-Zeit
zu nutzen, schreibend
jetzt
endlich ohne Widerrede

2.
Die 13. Tür hat sich geöffnet
bisher übersehen
hatten sie nicht bemerkt
oder übergangen, ignoriert
sind über sie hinweg gehetzt

jetzt blicken wir hindurch
was springt uns ins Auge
was in den Sinn
Die Tür öffnet den Raum Zeit
was wir dort finden, liegt brach in uns

3.
Dieses Monster Zeit
dass da plötzlich vor dir steht
sich nicht wegdrängen lässt
groß und riesig aufgeplustert
wie die Ringeltauben im Apfelbaum vor meinem Fenster
es bleibt und starrt dich an

Wolltest du nicht immer eine Extraportion Zeit?
Jetzt ist sie da!
Du weißt noch nicht genau, ob sie dir schmeckt.


Der Weihnachtsbrief

Pia Tütü zieht den Vorhang auf. und lässt das Morgenlicht durch das Fenster hinein. Gerade eben hat der Wecker sie unsanft aus dem Schlaf geworfen. Pia versucht sich zu orientieren. Welcher Tag ist heute, stehen Termine an? Wo hat sie nur den Kalender hingelegt? jetzt aber erst mal Kaffee kochen, und so steigt sie die Treppe herunter. Das Knie knirscht und schmerzt wieder und erinnert daran, dass sie endlich einen Arzt aufsuchen sollte. Der Schlaf war unruhig in der letzten Nacht. Etwas liegt wie Gaze zwischen ihr und dem Tag, hindert sie daran, klare Gedanken zu fassen. Vielleicht ein Rest von dunklen Träumen? Der Streit gestern mit ihrem Lebensgefährten hat sie in der Nacht nicht los gelassen. Gedankenkarussel in den Wachphasen zwischen Schlaf und Traum. Wie soll es nur weiter gehen mit ihr und ihm? Ist eine gemeinsame Zukunft noch möglich? Pia sehnt sich nach Frieden und Stille, fürchtet aber auch das Alleinleben, jetzt wo die Kinder ihr Leben fern von zuhause leben.
Sie schüttelt die Gedanken ab wie einen zu engen Mantel, dessen Kragen ihr die Luft zum Atmen nimmt.
Kaffee kochen! Seit Monaten schon brüht sie ihn morgens per Hand frisch auf, ein wirksames Ritual gegen Morgen-Blues. Sie geht in die Küche, öffnet das Fester, füllt den Wasserbereiter und gibt die abgemessenen Kaffeebohnen in die elektrischen Mühle. Allein das Malgeräusch macht sie wacher. Sie genießt den Duft des frischgemahlenen Pulvers. Etwas wie Gemütlichkeit zieht in ihre Gedanken ein. Sie gießt Wasser auf den Kaffeesatz und freut sich auf den ersten Schluck. Langsam füllt sich die Tasse. Vor dem letzten Schub Wasser geht sie schnell noch zum Briefkasten, um die Tageszeitung zu holen.
In der Nacht hat es geregnet. Die Luft draußen ist angenehm kühl und frisch. Gerade leert der Müllwagen die Tonnen vor dem Haus, es ist Mittwoch, fällt ihr ein, und keine Termine zersplittern den Vormittag. Die aufgeregten Stimmen der vorbeieilenden Schulkinder klirren in den Novembertag. Wie unbeschwert sie noch in ihren Tag gehen, jeder Tag ein kleines Abenteuer, mit Raum zum wachsen.
Zurück in der Küche trinkt sie den ersten Schluck Kaffee und beginnt die Zeitung zu lesen.
Plötzlich fällt ihr ein, was sie heute tuen wollte. Sie möchte einen Weihnachtsbrief an liebe Freunde und Verwandte aufsetzen. Er soll ausführlich werden und darüber erzählen, was in diesem Jahr besonders war und ihr so alles geschehen ist. Man sieht sich nicht mehr so oft. Jeder ist mit Beruf und Familie beschäftigt. Die Wege zueinander scheinen weit. Sie möchte keine Floskeln schreiben und nichts beschönigen. Dafür braucht sie Zeit. Gut dass Weihnachten erst in vier Wochen ist. Zufrieden schlägt sie die Zeitung zu. Der Tag kann beginnen.

WORTHAUS

Pia Tütü steht neben sich, schon seit Tagen. Ein Unbehaustsein in sich selbst spürt sie. Da ist Überdruss und Leere, die sie gerne füllen möchte. Aber es müsste etwas besonderes sein. Eigentlich weiß sie genau, nach was es sie verlangt, aber eben das bekommt sie nicht. Sie ist auf Entzug. Da hilft kein Bitten und Betteln. Sie ist Wortkünstlerin! Wie kann man ihr einfach die Inspiration entziehen?
Immer die gleiche Alltagskost, tagein, tagaus. Die schmeckt fade. Beinahe wird sie schwermütig. Soll sie wirklich nur noch verzichten?
Tief innen ist Trotz, und so stampft sie mit dem Fuß auf die Erde. Die Gegenstimme mahnt, endlich vernünftig zu werden. Dahinter im Schatten sitzt ein kleines Kind, traurig und allein gelassen. Es weint.
Verrückt, denkt Pia Tütü, nicht ganz dicht, aber das Verdichten wiederum bedarf der Worte, und die sind ausverkauft zur Zeit. Dumm, sie immer nur verschenkt zu haben – jetzt steht sie da mit leeren Kassen und kann es kaum fassen. Sie mag sich selbst nicht leiden, so ausgepumpt!
Und doch – hinter der Leere purzeln die Worte wild durcheinander – ungeordnet, kreuz und quer. Sie möchte nach ihnen haschen. Nichts ist am richtigen Platz. Die Worte lassen sich nicht vor ihren Karren spannen. Wenn da doch nur wieder jemand wäre, der ihr die richtigen Worte schenkt. Worte, die es in sich haben und zum Nachdenken anregen. Worte, die sie beim Namen nennen und an denen sie sich ausrichten kann, mit denen sie einen Anfang findet. Sie könnte sich endlich ein neues Worthaus bauen.

Wenn es Herbst wird im Apfelbaum

1
Amseln
Amseln und Apfelbaum
Apfelbaum
Apfelbaum und Taubennest
Taubennest
Amseln und Apfelbaum und Taubennest
Der Sommer war lang, Tauben und Amseln fliegen davon, das Nest bleibt und verrottet. Alles im Fluß!

2
Zwei Amseln im Apfelbaum
nah am vergessenem Taubennest
zwischen lichter gewordenem Laub, ein Flirren
Wind der raschelt
und Amseln wiegt – kurz
dann geht der Flug weiter

3
Das Ringeltaubennest
verlassen schon eine Weile
sah die Eier, sah die Küken
wachsen flügge werden, fliegen
manchmal noch kamen sie vorbei – kurz
und hielten Rast im alten Nest

4
Der Apfelbaum, mein Freund
sein Messinglaub leuchtend im Sonnenschein
es flirrt und raschelt im Wind
Bald sind die Laublasten abgetragen
Zeit für den Winterschlaf
um auch im nächsten Jahr
Früchte und Taubennester zu tragen

Alltag ist nicht für alle gleich

Der Alltag ist nicht schön. In der Wohnung herrscht Unordnung. Die Tischplatte klebt und aus der angebotenen Tasse möchte ich nicht trinken. Abgestandener Rauch hängt in den Räumen. Zwischen Abwasch , stinkendem Putzlappen und der Telefonnummer vom Notdienst steht ein übervoller Aschenbecher. Eben hat die Frau alle Zigarettenkippen auseinandergenommen und darauf hin untersucht, ob noch ein Rest Tabak zu finden ist. Bald hat sie eine ausreichende Menge zusammengeklaubt. Es reicht für eine dünne Selbstgedrehte.
Der Kühlschrank bollert, denn er ist defekt, und auf dem Boden vor dem ausrangiertem Sofa liegt der „Verrückte“, wie sie ihn nennt. Sie hat ihn auf der Straße aufgesammelt. Sein dürftiges Lager erinnert an die Schlafstätten vom Menschen, die unter der Brücke schlafen. Dafür, dass sie ihm einen Platz in der beengten Wohnung bietet, beschützt er sie vor unliebsamen Herrenbesuchen. Sie kann nicht „NEIN“sagen. Das konnte sie noch nie. Nur einmal, da hat sie den EX aus dem Haus gejagt. Der „Verrückte“ kann „NEIN“ sagen, obwohl er die meiste Zeit schläft, wenn er nicht gerade die Nacht zum Tage macht und die ganze Nachbarschaft mit seinen ausufernden Dekorationsversuchen an Müllcontainern, Hauswänden, Kellerräumen und Hinterhofmauern in Atem hält.
Inzwischen weiß sie, wann es Zeit ist, ihn in die Klinik zu schaffen.
Wer ist Opfer, wer Held, wer Meister seines Lebens?
Die Frau liebt ihre Kinder und sie liebt auf ihre Weise den „Verrückten“. Ansonsten hangelt sie sich durch das Leben wie eine Artistin auf dem Hochseil. Die Kinder und Tiere – Hund, Katzen, Kaninchen – hangeln mit.
Gern würde sie arbeiten. Freiberuflich!
Sie ist die gute Seele, die an melancholischen Tagen unter den Obdachlosen sitzt, Gitarre spielt und aufmüpfige Songs singt. Alkohol trinkt sie nie. Sie baut im Sommer am Fluss ein Zelt auf und erzählt den Kindern Geschichten, bis ihnen Hören und Sehen vergeht. Erst vor ein paar Monaten hat sie am Rande der Großstadt eine Laube für Wochenenden und Ferien gemietet.
Auf dem Balkon mit Blick auf einen verrotteten Hinterhof künstlert sie hübsche, ungewöhnliche Dinge und Schmuck. Die Frau ist Autodidaktin. Alles hat sie sich selbst beigebracht, selbst das Lesen. Jetzt liest sie gewichtige Bücher, die ganz oben im durchgebogenen Regal stehen und erfindet neue Songs.
Gern würde sie zum fahrenden Volk gehören und im Gypsie-Lookmit einem Zirkuswagen durch die Lande zu fahren, um Markt zu halten in den Orten am Weg,
„Wenn die Kinder groß sind…dann hält mich nichts mehr.“ sagt sie und ihre Stimme klingt entschieden.