Wurzeln 15

Die richtige Form und Gestalt hat MARIE noch nicht wieder gefunden. Unter der Erde hat sie an Volumen und Umriss verloren. Etwas blass und schemenhaft kommt sie daher. Sie ist auf dem Weg zurück nachhause. Mit jedem Schritt erinnert sie mehr, alle Geschichten, die eigenen und die, die ihr erzählt wurden und auch jene, die der Weg ihr erzählt. Und mit jedem Schritt, den sie tut, wird sie an Volumen und Persönlichkeit gewinnen, klären sich Konturen. Dann wird sie nicht mehr blass und unscheinbar sein, als hätte eine höhere Macht sie gerade aus dem Entwicklerbad gezogen. Sie wird eine Gestalt sein, die sich selbst neu erfindet und zur Persönlichkeit heran reift.
Sich verlieren in oder an etwas, wie Marie es im Wurzelwerk der Erde getan hat, ist nichts Schlimmes. Auch nicht, sich dem Unbekannten zu öffnen um all das Neue in sich hereinzulassen, von sich abzusehen eine Weile. Wie ein unbeschriebenes Blatt sein, dass darauf wartet, neu beschrieben zu werden. Sich verlieren für eine Weile kann Gnade sein, nicht aber Dauerzustand. Wenn die Zeit reif ist, zurückkehren können zu sich selbst, um all das Neue zu integrieren oder zu verwerfen ist kein folgenloser Prozess. Er verändert.

Storrytelling und der magische Begleiter(2)

Die Wieselmaus liegt auf meiner Fensterbank zum Trocknen. Im Morgenlicht sieht sie aber eher aus wie eine uralte Echse. Ich fand sie ja bei den Bäumen, zu denen ich gerade eine Beziehung aufzubauen versuche. Es ist sogar schon eine Geschichte entstanden. Um die vier Bäume darin zu unterscheiden gab ich ihnen Namen, denn die Geschichte, die ich noch überarbeiten muss, ist ein Gespräch zwischen ihnen. Ich taufte sie Leo, Liz, Louis und Lou. Leo und Liz stehen nah beieinander. Sie gehören zusammen und deshalb sind jetzt beide meine magische Begleitung. Dieser Eingebung folgte ein Aha-Erlebniss: plötzlich sah ich Leos Gesicht, ein schmunzelndes Gesicht, etwas schief mit einem Geweih über dem großen Auge. War da der Schalk in seinem Auge? Louis, der mindestens genauso hoch gewachsen ist wie Leo, steht weiter entfernt in der Böschung zwischen Haselnuss, Holunder und Brombeere. Lou steht auch etwas entfernt, aber auf dem gleichen Wiesenflecken wie Leo und Liz. Gestern sah ich, dass besonders lange Zweige von Leo und Liz sich kreuzen und berühren. Weil Liz jetzt auch zu meiner magischen Begleitung gehört, hat sie gestern einen Brief von mir bekommen. Aus einem roten Kalenderblatt mit einem goldenen Buddah darauf, sieht sehr edel aus, wurde der Briefumschlag gefaltet und mit einem Gedicht von Elisabeth Borchers bestückt: „Nerudas Blau“. Wie gut, dass ich meine schönen alten Kalender nicht wegschmeißen mag und deshalb nun gutes Material für besondere Anlässe habe. Ich stelle mir gerade zwei Dinge besonders gerne vor:
1. wäre jeder Mensch Pate von einem kleinen Stück Erde mit Pflanzen darauf zum Hegen und Pflegen, unsere Welt würde anders aussehen. Ich gehe am nächsten trockenen Tag Müll sammel bei meinen vier Bäumen.
2. Bäume, mit vielen bunten Umschlägen geschmückt, die wie eine Wundertüte mit Wundertütenzeilen gefüllt sind und die jeder einfach mitnehmen darf. Also ich würde mich freuen, einen solchen Umschlag zu finden.

Wurzeln 14

November 2013

Vorhin dachte ich an das Wurzelchakra. Ich hatte gerade eine indische Chakren Meditation hinter mir und war erneut erstaunt, wie stark ich darauf mit meinem Körper reagiere. Mein Körper ein Raum, in dem bestimmte Klänge, Töne und Mantren etwas anstoßen und fließen lassen.

Ich dachte also an das Muladhara und es war als würde mich ein Zauberstab berühren.

Über holprige Pfade spazierte ich in den Wald. Ich spürte Wurzeln und Moos unter den Füßen. Knorrige Äste reckten sich in den Himmel oder versperrten mir den Weg.Der Weg endete in einer Lichtung. Dort traf ich die Alte.

Sie sprach mich an:
„Hey, was tust du mit dir. Vertrocknet, alt, knorrig, wie verdurstende Bäume schleichst du durch den Wald. Das Wasser des Lebens hast du lange nicht gekostet. Deine heilige Quelle hast du zugeschüttet mit Ballast, den du nicht brauchst. Dem lustvollen Drängen und Pulsieren hast du Maulsperre erteilt. Glaubst du wirklich, du kannst das Ursprüngliche, die Lust, das Begehren einfach aus deinem Leben verdrängen?“

Kurz berührte sie mich mit ihrem Stock. Ein kleines Wunder geschah:

Es öffneten sich in mir tief innen die roten Räume. Die Quelle war frei gelegt. Es gluckste, rieselte und sprudelte. Befreite Energie brach sich Bahn, quirlig, belebend, fröhlich und heiß.

Die Alte verschwand im Gebüsch. Nur ihr Kichern hörte ich noch lange.

Storrytelling und der magische Begleiter (1)

Neben dem Wurzelprojekt, das ich mir selbst für dieses Jahr vorgenommen habe, entschloss ich mich zur Teilnahme an einem Online-Workshop zum Thema Storrytelling und Naturverbundenheit. Ich spiele schon lange mit dem Gedanken, etwas über das direkte Erzählen zu lernen. Hab mich aber nie so richtig getraut. Es hat Spaß gemacht. Insgesamt gibt es drei Abende und dazwischen Übungen. Die erste Aufgabe war, einen magischen Begleiter in der Natur zu finden, der mich beim Storytelling unterstützt. Also bin ich gestern mit dem Fahrrad in den naheliegenden Park gefahren und habe mich umgeschaut.

Erste Erfahrung:
der Park wird zum Erzählraum und ich sehe ihn mit ganz anderen Augen. Es gibt interessante Pflanzengemeinschaften, aber auch Naturskulpturen, an denen ich bisher achtlos vorbei gefahren bin. Plötzlich ist der Park mit beseelten Wesen belebt, und das nur, weil mein Blick ein anderer ist.

Ich habe meinen magischen Begleiter gefunden und versuche gerade, Freundschaft mit ihm zu schließen. Er gibt sich verschlossen, was möglicherweise auch an der Jahreszeit liegt. Der Baum gehört zu einer Vierergruppe gleicher Bäume, die in unmittelbarer Nahe zueinander stehen. Ich habe noch nicht heraus gefunden, um welche Baumart es sich handelt. Vor Jahren sah ich an dem Platz mal Mispeln. Es könnte sich also um Mispeln handeln. Die grobe Beschreibung von Wikipedia passt, allerdings haben die Bäume ja keine Blätter mehr, und auch die Knospen sind noch nicht verdickt. Die Blätter am Boden sind verrottet. Ich habe dem Baum ein Gastgeschenk mitgebracht. Aus alten Kalenderblättern- wie gut, dass ich schöne Kalender immer verwahre – faltete ich Umschläge, in die ich ein Gedicht steckte, gestern eins von Hilde Domin und heute eins von Sarah Kirsch. Danach band ich mit bunten Fäden alles schön zusammen. Zwei Briefe hängen schon im Baum. Sieht sehr dekorativ aus, beinahe schon Landart.

Heute fand ich bei den Bäumen ein Stück Holz. Es sieht aus wie eine Wieselmaus. Ich habe es mitgenommen und werde es erst einmal auf der Fensterbank trocknen lassen. Ich glaube, es wird mir einiges erzählen, vielleicht sogar über meinen noch so unnahbaren Freund.

2. Erfahrung
Da spricht sehr Vieles zu mir, ich muss nur warten und lauschen. Aber eigentlich wusste ich das schon, hatte es nur zwischenzeitlich vergessen.

Wurzeln 13

Großmutterhaus (1)

Das alte Haus, der Bauernhof meiner Großmutter, ist ein Geschichtenhaus und auch wenn es inzwischen abgerissen ist, bleibt es in meiner Erinnerung intakt. Ich kann es begehen, die Räume besuchen, vor den verbotenen Türen stehen, mich vor dem alten Gewölbekeller gruseln oder den Geschichten darin nachspüren. Es ist wie ein sicheres Gehäuse in meinem Inneren verankert. Es steht mir jederzeit offen, damit ich Schätze bergen, Wurzeln erforschen und Geschichten erinnern kann.
Das Haus hatte schon eine Geschichte, bevor ich geboren wurde, gespeichert darin auch ein Stück Familiengeschichte über gute und in schlechte Jahre. Die ersten sieben Jahre meines Lebens durfte ich dort mit Großmutter, Eltern, Geschwistern, Tanten und Onkeln leben. Diese Kindheit hat mich fürs Leben geprägt.

Wurzeln 12

Gerade habe ich ein altes Gedicht wiedergefunden, was hier sehr gut hinpasst:

verwurzelt fliegen

jetzt
den schmerz aushalten – trauer zulassen
abschied nehmen – wieder einmal
angst orten – etwas sterben sehen
sich leer weinen

wissen
die füße ankern im boden
spüren tiefe wurzeln – finden nährende quellen
dort – wo mutter erde schläft
und pulsierend leben schenkt
verbinden sich herzen im trommelschlag der zeit
schwingen im gleichklang

glauben
der kopf erdet im universum
gehalten – von unsichtbaren fäden – geführt
dort – wo vater himmel wirkt
gedanken und träume beschützt
ihnen nischen gewährt
im grenzenlosen raum

dann
schmerz und trauer gehen lassen
neue türen sehen – sie öffnen
angst loslassen – kraft schöpfen
licht sehen – wieder lache

Wurzeln 11

„Ich bin beschämt,“ denkt Marie, und so fühlt sie sich auch. Der Kopf hat sich gesenkt, und die Kehle ist wie zugeschnürt „stehen bleiben soll ich, nicht weiter gehen, verwurzeln wie ein Baum, genau an diesem Platz.“
Etwas hält sie fest und lässt sie nicht los- Hat sie vielleicht schon Wurzeln gezogen? Fremd ist das alles! Flügel wären ihr lieber gewesen.
„Marie, bleib stehen!“ schreien die Stimmen in ihrem Ohr.
Marie ist gerannt und gerannt – immer, fast ihr ganzes Leben lang – jetzt muss sie stehen bleiben. Kein Rausch, mit dem sie vorbei fliegt, keine Fluchten in andere Räume, nicht ständig diese Eigenbewegung.
Jetzt kreist es um sie, fließt an ihr vorbei, lässt sie zurück, bewegt sich von ihr fort.
Was lernt Marie?
„Die Dinge bewegen sich auch ohne mein Zutun.“
Marie packt nicht zu, nimmt die Dinge nicht in die Hand, lenkt nicht, greift nicht nach etwas.
Beschämt steht sie da, nutzlos scheinen ihr die Hände, die nicht mehr wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Und schwer werden die Beine, die Wurzeln treiben.
Leer! Aber in welche Tiefen graben sich die Wurzeln?
Marie fürchtet Abgründe. Vielleicht ist sie ja deshalb immer unterwegs gewesen. Von Ort zu Ort; von Ziel zu Ziel.
Schwer fällt es ihr, die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun, nichts anzupacken, nichts neu zu beginnen. Bleiben und Ausharren!
Die Wurzeln halten sie fest. Um ihre Achse dreht sich die Welt.
Sie steht und steht, vergisst Minuten, Stunden, Tage.
Der Kopf wird leer. Ein weißer Raum, lichtgefüllt.
Sie hat losgelassen.
Was sie verwundert noch dachte im letzten Aufbegehren:
„Innen wie außen gleich, es bewegt mich.“
Die Reise ist noch nicht zu Ende.

Wurzeln 10

Das alte Haus mit dem spitzen Giebel steht windschief und halb verfallen im verwilderten Garten. Es ist schon lange unbewohnt. Fensterscheiben fehlen, die Tür ist aus den Angeln gehoben, der weiße Außenputz schmutzig ergraut.
Innen haben Mäuse die Tapeten angefressen, und ein Baum hat sich ausgebreitet.
Mit den Wurzeln hat er den Fußboden durchbrochen. Äste und Zweige wachsen aus scheibenlosen Fenstern und dem undichten Dach.  
Das Haus mit dem verwilderten Garten steht mitten im Mischwald. Kastanien vor der Tür geben Schatten.
Im Baum steckt Kraft und Energie, Potenzial, das Mauern sprengt und die Erde bewegt. Es fließt in ihm und verströmt lichtgrüne Essenz.

Das Haus wird nicht standhalten können. Der Baum ist Bezwinger,
machtvoll und wunderschön.

Wurzeln 9

Vom Verbundensein (1)


Wer kann schon sagen, was zuerst da war: das Wort oder der
Gedanke. Was wirkt in mir – in dir? Sind wir nicht Wellen im
großen Meer – miteinander verbunden ? Was wirkt wo und wie auf
wen ein? Ich kann mich nicht entziehen, solange ich lebe und
meine Sinne intakt sind.
Ein Ton – ein Klang – ein Duft – eine Farbe – ein Hauch !
Alles kann Auslöser sein für Gedanken im Kopf und
transzendierend neue Wortwelten schaffen – vielleicht schon oft
benutzt, aber auch wieder anders, weil sie zu neuen Sätzen
zusammenwachsen, einen anderen Sinn vermitteln. Wer hat was
zuerst gedacht – du oder ich? Die Wellen im Ozean haben keinen
Anfang, kein Ende – sind ewig. Was, im Angesicht des Meeres ist
schon Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft?
Das Dazwischen ist das Spannende – das was sich in den
Wellentälern tauscht, vermittelt – sich nicht von einander trennen
lässt auf den Wellenbergen, weil alles fließt und sich neu formiert,
wie im Wind der Sand in den Wüsten.
Was lese ich zwischen Zeilen – ist was ich spüre wahr oder drängt
sich hinein, was für mich wahr sein soll? Wer entscheidet und
definiert, wer urteilt und richtet darüber?

Wurzeln 8

Kindheitsspuren (1) Nachtrag

Manche Wurzeln sollten aus der Erde gezogen werden, mit Stumpf und Stil. Sie vergiften und töten. Andere sollte man hegen und pflegen, auf dass sie sich ausbreiten und den Geist nähren. Eine meiner Wurzeln ist das Großmutterhaus, ein richtiges Geschichtenhaus, das die kindliche Fantasie gefördert und genährt hat.
Zur Geschichte von den roten Schuhen:
„MARIE hebt den roten Kinderschuh auf und steckt ihn in ihre Tasche, die groß ist und in der vieles Platz hat. Sie denkt an das Märchen und wie die Schuhe mit den abgehackten Füssen einfach weiterlaufen, durch den Wald, ins Feld, über den Berg bis hin zum See. Sie weint über das Mädchen, das nun niemals mehr laufen und lebenslustig tanzen wird. Sie denkt auch an Tante Olga, die dieses schreckliche Märchen erzählt hatte und an ihr schlimmes Ende auf Erden. Bedingt durch eine schwere nicht behandelte Diabetes verlor sie nach und nach Zeh, Fuß, ein Stück nach dem anderen vom Bein.
Marie weiß das alles, denn die Geschichten kommen über viele unterirdische Wege zu ihr. Das Wurzelwerk ist gigantisch.