26.9.2020

Wahrlich, 66 ist für mich eine magische Zahl. Die Drei steckt darin in ihrer ganzen Herrlichkeit, wie in der Einheit von Körper, Geist und Seele. Ein Schlager von Udo Jürgens „….mit 66 Jahren, da fängt das Leben an…“ passt zu meinem neuen Lebensgefühl, obwohl ich im allgemeinen nicht auf Schlager stehe.
Da liegt viel Freiheit vor mir, die ich ausloten und auskosten kann, auch wenn der Körper hier und da zu meinem Leidwesen herum zickt. Rein mental fühle ich mich eher wie 33. Die nächste magische Zahl wäre die 99. Ob ich das noch erlebe oder erleben möchte, ich weiß nicht so recht.
Ich bin im Rentenalter angekommen. Ein Großteil meiner Zeit gehört mir selbst und meinen Interessen. Das Schreiben wartet ebenso wie die Natur mich nach draußen lockt und meine Lieblingsbäume besucht werden möchten. Und da ist noch viel mehr!
Eine Fülle, ich muss nur zugreifen und tun.

25.9.2020

UNVERKENNBAR, der Herbst ist da.
Unter den kühlen Winden zittert das Apfelbaumlaub.
Spatzen flüstern Töne in den Zweigen.
und das Sonnenlicht lässt erste gelbe Blätter leuchten.
Kühle Nächte sind mir wohlgesonnen.
und die Träume säumen buntgefleckte Zweige
ein Hauch von Endlichkeit webt sich hinein

23.9.20

Bäume, meine Freunde
lange nicht beachtet halten sie Stand
Ich grüße sie von Weitem
und verspreche, sie zu besuchen
schon bald
Als ich Kind war, sah ich die ersten bewusst
vom Bus aus, der mich zur Schule fuhr
hinter ihnen der Rhein
Sie strotzten vor Kraft
da war das Paar, einander zugeneigt
der eine rundlich und wolkenförmig
der andere groß und schmal
Sie standen dicht bei einander
und mochten sich sehr
sie ließen einander Platz zum Wachsen und Werden
und es gab die drei,
die Frauen glichen mit wehenden Haaren
die zu lachen und zu tuscheln schienen
und viele mehr
Damals vor fünfzig  Jahren
gab ich ihnen keine Namen
das kam erst später
bei den vielen Lieblingsbäumen in meiner Nähe
Als ich die alten heute sah, erblickte ich ihren Verfall
sie sind nicht mehr so stark und doch halten sie Stand
dem Klima, dem Wetter, dem  Wind
und stützen einander so gut es geht
altersschwach werden sie noch leben, wenn ich nicht mehr bin

18.9.20

Einmal noch….

Die Frau sitzt am Küchentisch. Eben war sie im Garten, um einzusammeln, was der Sommer zur Ernte gebracht hat: Tomaten, Gurken, Bohnen, Brombeeren, die letzten Äpfel. Alles möchte sie vorbereiten und verarbeiten, ein Schatz für die kühle Jahreszeit. Die Sonne scheint durchs Küchenfenster und hüllt den Raum in warmes Septemberlicht. Mitten zwischen den Früchten kommt sie sich vor, als sei sie Teil eines flämischen Stilllebens. Vergehen und Abschied liegen bereits im Tag unter dem makellos blauen Himmel, der vom Sommer spricht und am Abend und in den Nächten den Herbst nicht verstecken kann. Der Wind raschelt in den Blättern, fährt kühl an ihrem Hals vorbei, lässt sie kurz frösteln. Im Radio hört sie ein Liebeslied.
Den Song kennt sie von früher. In der Männerstimme liegt Sehnsucht und Begehren, schwingt die noch nicht gestellte Frage …du mich auch…? Immer wieder die Worte… fall in Love with you… . Sie spürt mit, fühlt die Spannung, die den Körper beinahe zerreißt , wenn heimlich Blicke getauscht und nicht abgewendet werden können, wenn Körper sich anziehen aber noch nicht berührt haben, wenn es noch Mut braucht, die in der Luft hängenden Worte auszusprechen und die Angst stark ist zu hören… ich dich nicht … .
Wann war sie das letzte Mal verliebt, hatte Schmetterlinge im Bauch?
Wie schön das wäre, einmal noch zu spüren: ich bin verliebt…vielleicht an einem reifen Septembertag, in dem der Sommer zum Herbst hin schmilzt.


15.9.20

Tristesse im Hochhausgebirge
vertrocknete Erde auf Baumscheiben vor den Häusern
ein Essigbaum am Rande, dem verwekt das Rot augeht
die Stadtgärtner sind unterwegs:
stutzen, pflanzen, sammeln, was für Krähen übrig blieb
Eine junge Frau, sommerlich zurechtgemacht mit Kinderwagen
spaziert eilig über den Asphalt
sie lacht mit den beiden kleinen Mädchen in hübschen Kleidern, die folgen.
Das Grau in Grau ist heute gar nicht so Grau
eher verwunschen im flirrenden Septemberlicht

Gemälde in Rot

die einsame Gestalt unten rechts ist bewegt, klebt aber am Fleck
Vor ihr, ein Stück entfernt, links
geht die zweite Gestalt, sich selbst umschlingend
ihr voraus gehen vier angedeutete Gestalten in der Mitte Richtung Morgenrot
Sie folgt mit bedächtigem Abstand

Zu ihnen will sie und dem zukünftigem Tag vertrauen
Die Gestalt hinter sich lässt sie stehen für immer
Ihr Weg ins Morgen ist das Ziel

Selbstbildnis 11

Mein Lieblingsmärchen ist Dornröschen. Die Metapher begleitet mich durch mein Leben, erscheint darin in verschiedenen Ausformungen, jede für mich wie eine Spiegelscherben, in der ich mich selbst immer anders erblicke. Meine ersten Schreibversuche veröffentlichte ich unter dem Nick-Namen Dornrosis. Eigene Texte, inspiriert durch das Märchen, sind entstanden, entstehen immer noch.
Spiegelscherben, ein magisches Wort:„Vor langer, langer Zeit erschuf ein Teufel einen Spiegel, der alles Schöne und Gute verzerrt und hässlich aussehen ließ. „Die schönste Landschaft sah wie gekochter Spinat aus.“ Das Böse trat darin gut hervor. Eines Tages jedoch fiel der Spiegel dem Teufel aus den Händen und zersprang in viele tausend Stücke, große und kleine, die, je nach Verwendung durch die Menschen, viel Ärger und Verwirrung stifteten. Trafen sie einen im Herzen, so wurde es so kalt wie Eis, und trafen sie einen in die Augen, so sah er alles um sich herum nur noch hässlich und böse. So verteilten sich die Splitter des Zauberspiegels über die ganze Welt.“(Die Schneekönigin Wikipedia)

Auch Kay hatte es getroffen, ein Splitter ins Herz. Nun verzerrt sich ihm alles ohne dass er es bemerkt. Die Schneekönigin hat leichtes Spiel und nimmt ihn mit, sein Herz gefriert zu Eis. Im hohen Norden dreht er im Eispalast seine Runden, vergisst alles, bis Gerda, die Freundin aus Kinderzeiten ihn findet, darüber weint, dass er sie nicht erkennt. Die Tränen bringen den Eisklumpen zu Schmelzen. Kay erwacht aus seinem Vergessen und alles wird gut.Ich habe die Spiegelscherben gegriffen, ihre Formen abgetastet, mich geschnitten an den Spitzen, die den Dornen der Rosen gleichen, nur unendlich kalt. Unter meinen Fingern sind sie zerbrochen, haben mich bluten lassen. Warmes Blut, Lebensenergie; eiskalte, zerborstene Spieglstücke, die den Atem des Todes ahnen lassen.
Wie sich beide Märchen verbinden und als roter Faden durch meine eigene Geschichte schlängeln, welche Faszination sie immer wieder neu in mir entfachen sehe und erlebe ich ohne das Puzzle in seiner Gesamtheit ganz zu verstehen.
Mental ist die dornige Rosenhecke mein blühender Sommerwall, in dem sich das Leben tummelt; Schnee, Eis und Kälte des Nordens meine geheime Heimat, in der ich zur Ruhe finde für mich allein.