Traumsequenzen 2

Eine Art von Seligkeit

Schon wieder Umzug in ein neues Haus
schlicht diesmal: Kiefer, klare Räume, weiße Wände
nichts, was ablenkt von den Bäumen hinter der Glasfassade
und doch fremd, unbewohnt, ohne Gebrauchsspuren
das andere, das nie fertig wurde, ich nie bewohnt habe, wird verkauft

Ich radle durch Pfützen und Schlamm
es regnet ohne Unterlass, Weltuntergangsstimmung seit Wochen
dabei hat die Sonne schon geschienen, der Apfelbaum geblüht und der Flieder geduftet
ich radle weg von Dränglern, Draufgängern und wortgewaltigen Despoten
weg von Hektik, Krieg und den Bildern der Gewalt
finde einen Ort, die neue zweistöckige Buchhandlung zwischen Wiesen und Feldern
ziehe ein kleines Bändchen mit Gedichten aus dem Bücherstapel am Eingang
packe mein Notizheft aus, ebenso klein
finde einen Platz oben zwischen den Regalen, gut gepolstert mit Ablagetischchen
ziehe die Knie an und schreibe ab
Zeile für Zeile, Wort für Wort
rote Tinte fließt aus meinem Füllfederhalter aufs Papier
ich sehe, wie es fließt, so als sei ich nicht beteiligt, so als schreibe es sich selbst
ich trinke Tee, eine freundliche Frau gießt mir Kaffee hinein, ich trinke
dann kommt das Kind zu mir her geflogen,
der kleine Sonnenschein kuschelt sich in meinen Schoß
und alles wird hell
alles macht Sinn
So kann es bleiben für einen langen Augenblick

Traumsequenzen 1

Wer bist du?

Immer wieder traf ich dich unvorhergesehen an den unwahrscheinlichsten Orten:
auf einem Stuhl im Flur sitzend mit übereinandergeschlagenen Beinen, ein Buch in der Hand
am Tresen einer Bar, die ich noch nie besucht hatte
im Nebeneingang des Theaters, wo gerade der letzte Vorhang gefallen war….
Wir tauschten Blicke, ernst, ohne Lächeln mit dem Wissen, wir können einander nicht lassen…
und liefen auseinander , während in mir eine Welt zerbrach…
die Spannung stieg…
Dann sah ich dich unter Fremden, die ausgelassen feierten
erschöpft mit beinahe erloschenen Augen…
da nahm ich deine Hand trug dich – mehr als ich zog – hinaus
federleicht und blass, wieder zum Kind geworden, strömte das Leben aus dir heraus.
Ich bettete dich rechts neben mir auf einem roten Sofa..
du verlangtest nach der Brust
ich gab und du saugtest dich zurück ins Leben.
Wer bist du nur?

Storrytelling und die magische Begleitung 10

Trau dich…es gibt nichts zu verlieren 5

Die gelb-blaue Tür (2)

Sie sprang ab und schaute noch einmal zurück. Ihren Augen traute sie noch immer nicht. In welche Welt hatte sie die letzte Tür geführt und warum? In welcher Geschichte war ausgerechnet sie gestrandet, sie , die oft zauderte und zögerte und sich nicht entscheiden konnte? Eine scheinbar von allen gute Geistern verlassene Stadt, über der Rauchfahnen aus Staub das Blau des Vorfrühlingstages vergraut  hatten, mit Ruinen, Wracks, den abgeknickten Antennen und verkohlten Bäumen lag hinter ihr. Eine menschenleere Stadt, in der unförmige, gummiartige Wesen alles Lebendige zu verschlingen drohten. Ilya war sich in diesem Augenblick nicht mehr sicher, diese Wesen tatsächlich erlebt zu haben. Sie erinnerte die Panik und das Entsetzen, das von ihr Besitz ergriffen hatte, aber dann war plötzlich alles vorbei, Hilda sei Dank. Aber wo waren die Menschen geblieben, die dort gelebt hatten oder noch lebten? Auf der blitzartigen Flucht, hatte Ilya nicht mehr darauf achten können, ob es Überlebende gab.

Auf keinen Fall wollte Ilya zurück an diesen Ort. Noch stand sie neben sich, ohnmächtig, kaum fähig, einen klaren Gedanken fassen. An dem, was in dieser Stadt geschehen war, konnte sie im Augenblick nichts ändern. Hinschauen, es aushalten und fotografisch abspeichern, um Zeuge zu sein, irgendwann, das fiel schon schwer genug.  

In diesem Augenblick spürte sie, wie etwas in ihren Rücken piekte. Eine Stimme flüsterte: „ Nimm mich heraus, und stecke mich in die Wiese. Hier ist der richtige Platz.“ Es war der Reiser, den sie vor Ewigkeiten in einem sturmgepeitschten Wald gebrochen hatte. Dass er nun zu ihr sprach und sie an das Versprechen erinnerte, dass sie dem sterbenden Baum Katalani gegeben hatte, wunderte sie nicht, denn Ilya war in einem Märchen gefangen. Oder war alles ein nicht endender Albtraum? Immerhin und das tröstete sie, gingen Märchen meistens gut aus.  So nahm Ilya den Reiser aus dem Rucksack, erzählte ihm von der sterbenden Katalani, die eine der letzten ihrer Art gewesen war und steckte ihn in die Wiese. Sofort begann der Reiser zu wachsen. Er entwickelte Zweige und Äste. Wie von Zauberhand gemalt erschienen zarte Blattknospen, die sich öffneten und mit Frühlingsgrün Hoffnung schenkten. Schnell war der junge Baum Ilya über den Kopf gewachsen. Aus großen apfelbaumähnlichen Blüten, weiß mit rosa Herz, wuchsen leuchtend gelbe Früchte, die so süß dufteten, dass Ilya das Wasser im Munde zusammenlief und  kosten musste. Wie eine Göttergabe mundeten die Früchte, nährten gleichermaßen Körper und Seele. Unter den Wurzeln des jungen Baumes begann ein Rinnsal zu fließen.  Es wurde schnell breiter und war bald ein kleiner Bach, der sich der Ruinenstadt entgegen schlängelt. Im jungen Baum raunte es: „ Ich weiß, dass meine Mutter Katalani heißt. Ihr Name ist in meine Baumseele eingeritzt. Und auch die Botschaft, die ich dir als Aufgabe weitergeben soll: breche von mir einen neuen Reiser, folge dem Bach, pflanze ihn daneben in die Erde. Wir wachsen schnell.“
Ilya brach den Reiser vorsichtig vom jungen Baum und folgte dem Bach. „Danke, dass du hilfst, uns wachsen zu lassen, wo auch immer Menschen in Not sind und ein grünes Hoffnungszeichen brauchen. Hilda sei mit dir.“ rief der junge Baumsprössling hinter ihr her.

Reiser für Reiser setzte Ilya neben dem Bach in die Erde und sah zu, wie unter ihren Händen nach und nach ein junger, grüner Wald heranwuchs. Kohlmeisen, Spatzen und ein Rotkehlchen leisteten ihr bereits Gesellschaft. Die Arbeit ging leicht von der Hand. Es fühlte sich an, wie auf Wolken spazieren gehen. Alles Schwere fiel nach und nach von ihr ab. Leichtigkeit und Freude erfüllte sie, während sie Vogelgezwitscher und das üppige Grün genoss. Ilya vergaß sich selbst und die Zeit.  Sie war so vertieft in ihr Tun, dass sie nicht bemerkte, dass plötzlich eine Frau mit einem Kind neben ihr stand.

Storrytelling und die magische Begleitung 9

Trau dich…es gibt nichts zu verlieren 4

Die blau-gelbe Tür (1)

Auf das, was sie nun erblickte, war Ilya nicht vorbereitet, auch nicht auf die trostlose Beklemmung, die ihr entgegen strömte. Der breite Weg, den sie betrat, war bedeckt mit Steinen, Asphaltstücken, Teerpappe und Trümmerteilen.. Die Wohnblöcke rechts und links von der Straße glichen einer auf Sand gebauten Ruinenstadt, die Riesenhände zerstört hatten. Die Glas losen Fenster mit den zersplitterten Rahmen ließen noch Wohnlandschaften erahnen von Menschen, die hier vor kurzem noch gelebt hatten. Zwischen den Häusern, auf den Wegen fanden sich unzählige zerbeulte und zerschossene Autowracks, herausgeschleuderte Haushaltsgegenstände, ein steckengebliebener Panzer.

Ilya erschrak zutiefst, als ihre Augen an einem Kinderwagen hängen blieben. Zum Glück lag darin kein Kind sondern eine Puppe ohne Arm mit weitaufgerissenen Augen. Ein alles einschließender grauroter Staubschleier ließ die löchrigen Fassaden der scheinbar verlassenen Geisterstadt zitternd und konturenlos erscheinen. Ilya ging langsam weiter durch die Stadt. Nichts rührte sich, nur von fern war ein rauer Singsang und das Knattern von Feuerwaffen zu vernehmen. Der feine Staub drang durch die Nase in den Körper ein, machte das Atmen schwer. Ilya band den Schal, den sie um ihren Hals geschlungen hatte vor Mund und Nase. Der Gestank in der Stadt war kaum zu ertragen. Frisch aufgeworfene Erdhügel schlängelten sich durch ehemalige Parks und Grünflächen.

Die Stadt selbst, war es überhaupt eine Stadt oder eher die Ausgeburt ihrer Fantasie, eine Fatamorgana des Grauens?

Ilya hatte Angst. Sie konnte nicht fliehen, sah kein Versteck, in das sie sich zurück ziehen konnte, um ihr viel zu schnell schlagendes Herz zu beruhigen. Was kam da auf sie zu. Etwas bewegte sich ihr entgegen aus dem von alle Lebewesen verlassenen Wohnviertel, in dem die verbliebenen Bäume verkohlten Kleiderständern glichen. Am zunehmend dunkler werdenden Himmel blitzten neonfarbene Feuerstreifen auf. Feuergarben prasselten hernieder. Plötzlich kam jenseits der Häuser etwas in Bewegung. Die Luft um Ilya herum schien zu erzittern. Eine Karawane konturenloser, schleimiger Wesen bewegte sich im Marschschritt auf sie zu, hungrig mit leeren Blicken und dem ungebrochenem Willen, sich aggressiv und mit Gewalt alles Lebendige einzuverleiben und es zu zerstören. In ihrem Singsang ließen sich weder Worte noch Melodien erkennen. Rau, ungehobelt und gefährlich klang was Ilya hörte. Die Wesen begannen sie einzukreisen, kamen immer dichter, engten ihren Raum ein. Es zischte, züngelte und kreischte. Der Lärm war kaum auszuhalten. Trotz ihre Angst und der zunehmenden Einengung durch die Monster, gelang es Ilya, nach der Kastanie in ihrer Jackentasche zu greifen und mit letzter Kraft auszurufen: „Hilda hilf!“

Und plötzlich waren die Wesen verschwunden. Am Himmel wurde es heller. Ein neuer Tag hatte begonnen. Ilya hatte den Eindruck, aus einem grimmigen Alptraum zu erwachen, aber da waren immer noch die zerstörten Wohnblöcke, verkohlte Bäume, Schuttberge und frisch aufgeworfene Erdhügel. Der Kinderwagen war umgekippt. Die einarmige Puppe lag etwas entfernt in einer Pfütze. Ilya senkte den Blick und drehte sich in die entgegengesetzte Richtung. Dort stand an eine Hauswand angelehnt ein buntbemaltes Fahrrad. Ohne lange zu überlegen und zurückzuschauen , bestieg sie es, radelte aus der Stadt hinaus. Die Häuserblocks wurden niedriger, vereinzelten, ließen Gärten, Felder und Wiesen sehen. Das Atmen fiel Ilya jetzt leichter. Ab und zu zeigte sich die Sonne zwischen den Wolken. Sie hatte schon Kraft und wärmte. Ilya radelte und radelte. Zwischen zwei brachliegenden Feldern auf einem beinahe dreieckigen Wiesenfleck hielt sie an.

Storrytelling und die magische Begleitung 8

Trau dich…es gibt nichts zu verlieren 3

Ilya verstaute Reiser und Eier in ihren Jackentaschen, erhob sich und setzte sichtlich erschöpft ihren Weg fort. Am Rande einer Wiese legte sie sich eine Weile ins Gras und schaute in den beinahe wolkenfreien Himmel. Die Nacht würde sternenklar und frostig werden. Sie brauchte einen geschützten Platz, um zu schlafen. Seufzend stand sie auf, schulterte ihr Gepäck und setzte den Weg fort. Wohin er sie wohl führen würde? Etwas später gabelte sich der Weg. Ohne nachzudenken bog Ilya nach rechts ab. Hier wurden die Bäume und Sträucher dichter, wirkten weniger zerrupft. Diese Pflanzen hatte der Sturm wohl nur gestreift. Ilya folgte dem Weg bis es beinahe dunkel war und sie plötzlich vor einer schiefen Hütte aus Holz stand. Die Tür war aus den Angeln gerissen und hing schief vor dem Eingang. Eine Art Leuchtschrift blinkte Ilya entgegen: „Trau dich…es gibt nichts zu verlieren. Ilya holte die kleine Taschenlampe aus dem Rucksack und leuchtete in die Hütte hinein. Sie sah eine Pritsche aus Holz, darauf ein paar Stapel Decken und einen kleinen Tisch auf dem Wasser, Käse und Brot standen. Ilyas Magen knurrte. Erst jetzt spürte sie, dass sie Hunger und Durst hatte. Es blieb ihr auch keine Wahl. Es war draußen vollkommen dunkel. Nur ein paar Sterne leuchteten blass. Notdürftig zurrte sie die Türe vor den Eingang, um ein wenig geschützter zu sein. Sie richtete ihr Nachtlager, trank Wasser und verspeiste Käse und Brot. Entspannter jetzt ließ sie sich auf das Lager fallen und kuschelte sich dick in den vorhandenen Decken ein. Die Augen fielen zu, eine Art Frieden machte sich in ihr breit. Nicht denken, nur nicht denken, das wollte sie nicht. Stattdessen richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den Atem. Das regelmäßige Ein und Aus ließ sie schnell in einen traumlosen Schlaf gleiten.

Erfrischt erwachte sie am nächsten Morgen, bereit die Reise fortzusetzen, wohin auch immer ihre Schritte sie führen würden.

Sie verspeiste ein paar Äpfel aus dem Rucksack, verstaute die Hilda-Kastanie griffbereit in der Jackentasche und steckte stattdessen den Reiser in den Rucksack. In der anderen Jackentasche tastete sie nach den blauen Eiern. Sie fühlten sich warm an und pulsierten leicht. Entschlossen verließ sie die Hütte, schaute in den Himmel, über den dicke graue Wolken jagten. Ein kühler Wind spielte mit Ästen, Zweigen und dem Gras und mit dem Haar auf Ilyas Kopf. Sie ging nun an der Hütte vorbei in ein Waldstück, in dem Fichten und Tannen gebrochen oder entwurzelt waren. Ein paar der noch unbelaubten Bäume hatten dem Sturm getrotzt. Ein Eichhörnchen huschte an einem Stamm empor. Vereinzelt hüpften kleine Vögel in den übrig gebliebenen Bäumen. Ilya nahm alles wahr und speicherte es in ihrem Kopf. Das Chaos war groß, doch sie wusste, dass hier bald schon neue Pflanzen und Bäume das Terrain erobern würden. Nichts blieb wie es war. Es würde anders werden. Moos und niedriges Gras krallten sich an Erde und Steine. Ihnen hatte der Sturm nichts anhaben können, auch nicht dem verborgenen Pilzgeflecht unter der Erde und den kleinen Buschwindröschen, die zwischen bloß gelegten Wurzeln, abgebrochenen Zweigen, Zapfen und alten Blättern zu wuchern begannen. Vorfrühling lag in der Luft und ab und zu brach eine Sonnenstrahl durch die dichten Wolken. Es roch modrig, aber da war auch ein Hauch von grasgrüner Frühlingsfrische am Rande. Es mochte später Vormittag sein, als Ilya einen sich an den Baumreihen entlangziehenden Bauzaun erreichte. Da war eine blaugelbe Tür. In schwarzen groben Buchstaben darüber der übliche Spruch: „Trau dich…es gibt nichts zu verlieren!“

Blauäugig öffnete Ilya die Tür und betrat einen neuen Raum. Auf das, was dort auf sie zuströmte war sie nicht gefasst.

Storrytelling und die magische Begleitung 7

Trau dich…es gibt nichts zu verlieren 3

Im Grundriss steht die Geschichte des Raumes hinter der dritten Tür schon auf dem Papier. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, in die Geschichte von den sieben Türen immer auch die aktuelle jahreszeitlich bedingte Natur mit einzubeziehen, aber eben auch, was mir sonst so begegnet. Mit der zweiten Tür baute ich den Februarsturm mit e und dann kam der Ukraine-Krieg. Ich bezog also in den nächsten Raum die aktuelle Situation in der Ukraine mit ein. Ich schrieb den Teil und stellte fest, das was darin passiert geht zu schnell. Mal kurz hingucken, das Grauen sehen und ganz schnell in ein gutes positives Ende umzuwandeln, kam mir falsch vor. Nicht weil ich kein gutes Ende will oder denken kann, sondern weil es gewesen wäre, wie: ich gucke mal schnell hin, und dann vergesse ich, was ich gesehen habe und alles ist gut. Natürlich würde ich das am liebsten tun. Aber die Realität mit ihrer Brutalität ist anders. Erst mal musste ich alles sacken lassen. Dann begann ich mit dem Umarbeiten. Sprich, ich bin noch im Prozess, und es dauert noch etwas, bis es sich für mich richtig anfühlt. Die Hauptperson heißt jetzt Ilya, es kommen auch Kohlmeise und Rotkehlchen darin vor und es gibt Hoffnung am Ende, denn die brauchen wir ja alle. Vielleicht wird aus diesem Teil der Geschichte sogar etwas, was Menschen in beinahe auswegslosen Situationen Mut und Hoffnung vermittelt. Aber, es dauert noch ein bisschen.

Ich bin sehr mit dieser Geschichte beschäftigt. Sie treibt mich um, genauer gesagt, Fragen, wie:
– wieviel Grauen verträgt eine Geschichte ?
– wie schafft man eine gute Balance zwischen dem Entsetzen einerseits und der Wendung zur Hoffnung andererseits?
– wie gehe ich selbst mit meinem Ensetztsein und meine Angst um?