Wolke

Die Dämonen haben sich verdrückt
schürfen in der Tiefe nach schwarzem Gold

Eine Wolke bin ich fern von ihnen
Es regnet mich Tropfen um Tropfen
in Auflösung
trinkt mich die Erde mit meinem Gesang

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2. Sonntag im Februar

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Das blasse Morgenlicht hat den Weg in meinen Traum gefunden und mich geweckt. Im Traum malte ich mit großen Schwüngen florale Muster auf weißes Papier…ein loses Blatt im Wind. In der Nacht hat sich eine Vorahnung vom Frühling eingenistet. Ich springe aus dem Bett, hellwach, ziehe das Rollo hoch: Februargrau. Es hat geregnet, Der Asphalt silbert. Ich ziehe den Morgenmantel über das Nachtgewand, will meinen Traum, der daran haftet, noch ein wenig behalten. Ich verlasse den Raum, eile die Treppe herunter, bleibe stehen… etwas ist anders. Der typische Stallgeruch hat eine neue Nuance. Als ich die Küche betrete, um mir Kaffee zu kochen, fällt mein Blick auf die vollerblühte blassrosa Hyazinthe auf der Fensterbank, die ich vor ein paar Tagen gekauft habe. Wie jedes Jahr staune ich darüber, wie zwei kleine Pflanzen, eine weitere steht im Wohnzimmer, erblühend ein ganzes Haus mit Duft erfüllen können. Und ich denke an meine Oma, die jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit Hyazinthenzwiebeln, mit spitzen, hohen Hüten bedeckt, unter dem Sofa in der Nähe des kleinen Kohleofens stellte, damit sie nach Lichtmess im Februar zu blühen beginnen. Das war eine andere Zeit. fließendes, kaltesWasser nur in der Küche, keine Heizung, dicke Daunendecken auf den Betten, Waschschüsseln, in denen im Winter manchmal das Wasser gefror… Das war eine andere Zeit, nicht die Stadt sondern das Mutter-Dorf. Hat es noch mit mir zu tun? Es ist über sechzig Jahre her.
Der Traum vom Malen, ich habe mir Kreiden gekauft und will sie heute ausprobieren, mit grüner Kreide florale Formen auf Papier prägen. Beinahe Magie, die den Vorfrühling beschwören soll. Wenn morgen am Giebel die Amsel ihr Liebeslied singt, werde ich mich nicht wundern. Wintermüde Zweigen strecken ihre Zweige in den blassen Himmel. Noch schläft Schneewittchen ihren traumlosen Schlaf. Ein Prinz hat sie noch nicht ins Leben geküsst.

1. Sonntag im Februar

Ein heller Tag ohne Schnee ist erwacht.
Schwarz wie Ebenholz staken Baum, Ast, Zweig ins Weiß. Wo versteckt sich das Licht, das den Himmel tüncht mit Kalk?
Still ist es, selbst die Vögel bleiben aus.
Nur meine Gedanken brummen, als sei mein Kopf ein Bienenkorb kurz vor Frühlingsbeginn, wenn es wärmer wird und das erste Ausschwirren nach Nektar bevor steht.

Morgen werde ich mein Denk-und-Dichterzimmer einrichten nicht hier…. bei Mama, die bald zweiundneunzig wird.
Weiß wird es sein, wie ungeschriebenes Papier mit etwas Grün hier und da.
Dort will ich mich besinnen, konzentrieren, erinnern und sammeln, um festzuhalten, zusammenzuhalten, zu speichern und zu kreieren.
Spartanisch: eine helle Schlafcouch, ein weißes Bücherregal, ein weißer Schreibtisch, Laptop, Kästen zum Sortieren aus Holz, Magnettafel, Bildleisten, die noch leer sind, keine Gardine, die den Gartenblick verschleiert.

Ich werde nicht immer dort leben, aber immer mal ein über die andere Nacht und wenn es nötig ist auch mehr.
Auf den weißen Wänden wird etwas wachsen. Während ich schreibe, sehe ich einen weitverzweigten Baum darauf.

Mama ist alt und gebrechlich, aber noch klar bei Sinnen und stur, wie viele ältere Menschen. Sie hat viel zu erzählen und sie ist zuviel allein in ihrem leeren großen Haus, aus dem sie nur wenn nichts mehr geht, ausziehen will.
Ich verstehe das.
Wenn sie erzählt, die Erzählfäden dicht und verfilzt werden, sich verwirren und ich nicht mehr folgen kann und sie nicht zu stoppen ist, dann brauche ich Abstand zu ihr in meinem eigenen Raum in ihrem Haus. Sie weiß das. Ich habe es ihr gesagt, und sie hat es verstanden, auch wenn das Gehör nicht mehr so will.

Längst geht es nicht mehr um die Worte, nicht um verbale Verständigung. Die Worte sind Begleitmusik der Bilder die vor ihrem inneren Auge auftauchen aus einer langen, ereignisreichen Lebensgeschichte. Wichtiger sind Gesten und Mimik, Wärme und Geborgenheit, die entstehen, wenn jemand da ist,das Haus sich wieder mit Leben füllt und die eigene Einsamkeit ein Gegenüber hat: eine stille Umarmung, Lächeln, das Händehalten und Kümmern.

Ich fürchte mich ein wenig vor dieser Herausforderung, bin aber auch neugierig, wie sich alles so gestalten wird, dass es echtes, ehrliches Miteinander wird, eine liebevolle Begleitung der letzten Lebensphase eines alten Menschen, der meine Mutter ist. Wird eine Balance zwischen Geben und Nehmen gelingen, werden Abgründe überwunden, familiäre Disaster, verarbeitet?

Während ich geschrieben habe, ist es heller geworden. Das Weiß nicht mehr Kalk, ist jetzt weicher mit etwas Blau gemischt. Das ROT fand mein Blick in der Hecke gegenüber, die letzten von den Amseln verschonten roten Beeren.

Weiß wie Schnee der Himmel, schwarz wie Ebenholz die Zweige und ROT wie Blut, die letzten Beeren.

Schneewittchen lässt grüßen.

Neuanfang?

Ein Jahr nicht öffentlich geschrieben, geschwiegen, sich verschwiegen, den eigenen Gedanken den Laufpass gegeben- leer geworden- nun füllt es sich wieder. Der Kopf übervoll mit bunten Worten, die noch Gestalt suchen!
Wie beginnen?
Die Jahreszeiten kommen und gehen.

Als ich noch vom Schnee träumte – der Himmel weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz die Zweige am Baum vor meinem Fenster –  und nach dem Rot suchte – begann es vom Himmel zu rieseln…..es wird nicht mehr lange dauern bis zum Frühling, und ich bin mit dem November noch nicht fertig – die Bäume sich entkleidend, mir Raum gebend und Platz machend, zwischen ihnen.

Ein langer, tiefer, schneefrischer Atemzug!

Währenddessen lese und lese ich, nicht nur Gedichte von Frauen – eins pro Tag für dieses Jahr, mein Vorhaben, ich bleibe hängen an den Tagebuchnotizen von Sarah Kirsch, vertiefe mich in einen wundervollen Roman: Nina George: „Die Schönheit der Nacht“ Allein die Sprache, beinahe lyrisch, ein feiner, sensibler Leckerbissen, den ich besonders den Frauen in meiner Nähe gerne weiterempfehlen möchte.

Könnte dies ein Anfang sein?

Heiligabend

In der Frühe, lange bevor das Morgenrot über die Dächer der Gartenstadt geklettert war, löste sich etwas aus dem Traum heraus. Fast so, als sei der Traum ein Kokon und nun viel zu klein geworden, um das wachsende Etwas noch halten zu können . Der Traum war geplatzt, wie eine reife Schote und hatte ein Wesen in den neuen Tag geschickt.
Es dauerte eine Weile, bis sich die Augen an die vollkommene Dunkelheit der Nochnacht gewöhnt hatten, und ich begannin diesem einen zeitlosen Augenblick, eine zarte Form zu erahnen und seine besondere Energie zu spüren.
Ob es aber ein Engel oder ein Vogel war, den der Traum in die Wirklichkeit entlassen hatte, konnte ich nicht erkennen. Das Wesen, so wusste ich aber, war nicht zu mir unterwegs, nur mein Gehirn hatte es traumverloren entstehen lassen, um Bote zu sein und etwas über die Hecke hinaus in die Welt zu tragen.
So losgelöst aus meinem nächtlichen Leben, verlor ich das Wesen aus den Augen, bevor ich die Botschaft entschlüsseln konnte.
Vielleicht aber, so dachte ich, ist das auch gar nicht schlimm. Muss ich denn immer wissen, was meine inneren Gestalten so treiben? Vielleicht liegt mein Anteil nur darin, sie zu gebären.
Und etwas später, als das Morgenrot über die Dächer geklettert war, verstand ich schon etwas mehr über mich, denBoten und die Botschaft.
Eine gewisse Hilflosigkeit gemischt mit einem Hauch Furcht, wandelte sich in das beglückende Gefühl, nicht für alles verantwortlich zu sein.

Mitbringsel 4

Die Intensität von Stille hat etwas Fassbares, das  kaum mit Worten beschrieben werden kann. Es liegt darin eine essenzielle Dichte, die sich als Emotion, Farbe oder Klang darstellt. Ich wünsche uns allen, nicht nur an diesem Sonntag, dass wir lernen, welchen Wert für uns Menschen dieses Abtauchen in die Stille hat.
Selbst wenn wir äußerlich keinen stillen Platz finden und um uns herum Großstadtlärm und Gehetze ist, können wir, wenn wir sie einmal entdeckt haben – in den stillen Räume unserer inneren Landschaften regenerieren.