Mitbringsel 4

Die Intensität von Stille hat etwas Fassbares, das  kaum mit Worten beschrieben werden kann. Es liegt darin eine essenzielle Dichte, die sich als Emotion, Farbe oder Klang darstellt. Ich wünsche uns allen, nicht nur an diesem Sonntag, dass wir lernen, welchen Wert für uns Menschen dieses Abtauchen in die Stille hat.
Selbst wenn wir äußerlich keinen stillen Platz finden und um uns herum Großstadtlärm und Gehetze ist, können wir, wenn wir sie einmal entdeckt haben – in den stillen Räume unserer inneren Landschaften regenerieren.

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Wichtige Sätze

Über die Stille Wer Klang wirklich in seinen ganzen Dimensionen aufnehmen will, muss Stille erfahren haben. Stille als wirkliche Substanz, nicht als Abwesenheit eines Geräuschs. Diese echte Stille ist Klarheit, aber nie Farblosigkeit, ist Rhythmus, ist Fundament allen Denkens, darauf wächst alles Schöpferische von Wert. Alles, was lebt und dauert, entsteht aus dem Schweigen; Wer […]

über Yehudi Menuhin — Blütensthaub

Midwinternächte

Weißt du es war noch Nacht – jene besondere Nacht mit ihrem Hauch von Ewigkeit – als der Tag sein lichtes Haupt über den Horizont schob, wie eine Riesin mit wallendem Silberhaar und dem Vollmond auf dem Scheitel – ein paar Wolken zogen südwärts und brachten vom Norden her Frost. Der Himmel färbte sich rosenrot und ich dachte noch: was wird er bringen? Verderben und Tod oder die Hoffnung auf Frühling und Neubeginn.
Da kam der Wind und flüsterte in den Zweigen, und die Amsel suchte nach Futter unter dem Apfelbaum. Das hatte ein heranwachsender Schlingel den Vögeln gestern als Weihnachtsgabe ausgestreut.
Ein paar Spatzen waren frech, sie zankten den großen Vogel, versuchten ihn zu verscheuchen. Sie, die kleinen Spatzen in Scharen mit einem einzigen Ziel – Futterplatz – schafften es immer wieder, sich einzelne Körner zu stibitzen. Während die einen die Amsel provozierten, fraßen die anderen. So bekamen alle, was sie brauchten – die Kleinen und die Großen.
Ich schaute vom Fenster her zu – hörte, was der Wind den Zweigen erzählte – die große Geschichte von Wotan und seinem Gefolge, die in den rauen Nächten zwischen Heilig Abend und Dreikönigstag ihr Unwesen treiben – sah den Vögeln beim quirligen Treiben zu und schenkte der Riesin am Horizont in ihrem Rosengarten mein allerschönstes Lächeln. Ja, ich kniepte ihr zu, während von der Küche her Kaffeeduft herrüber strömte. Ich wollte die Zeit anhalten, diesen Augenblick in die Länge ziehen und seine Essenz wie das Mark von Hagebutten bewahren.
Erstaunt stelle ich fest: es geht! Im Gehäuse meiner Gedanken, dass wie ein Haus mit vielen Räumen ist, öffne ich die Tür zum kleinsten Raum ganz oben, und da leg ich ihn ins Regal zwischen Stollen und Honigkuchen, und für die Weihnachtsmaus lasse ich ein Stück Käse da.
Wann immer ich will, wenn ich es brauche, nehme ich den kleinen Silberschlüssel vom Schlüsselbund, gehe die steilen Treppen hinauf bis unter den Giebel und öffne die Tür: da finde ich ihn wieder, den Augenblick.

Da war ich nun….

Angekommen am Meer…

noch nicht ganz, zu viel geschehen
gefühlswellen schwappen hoch
in die haut frisst sich salz
wo wogen nicht geglättet
toben  gedankenstürme

 

kämpft der wind um das letzte wort
ächzen baum und strauch
zeit hat ihr eigenes maß
stille und gelassenheit
lassen sich nicht erzwingen
was im auf und ab von ebbe und flut
an den strand gespült wird
kann fluch und segen sein, zugleich

Miß-Verhältnis

Er war ihr Turm, der sichere Hafen, ein Fels in der Brandung. Sie wollte es so, damals, fühlte sich selbst so klein und schwach. Der Turm war groß, schön, stark. Sie knipste ein Bild von ihm und hielt daran fest. So sollte es bleiben für immer und ewig, mindestens ein Leben lang. Sie merkte nicht, wie sie wuchs und wuchs, erstarkte, wie ein Baum mit Verästelungen, die den Turm umschlangen, ihn einengten, begrenzten, hielten. Hinter dem Netz aus  Lianen bröckelte der Putz. Sie kittete hier, stabilisierte da, goss Lebensenergie ins Fundament. Doch er wankte. In tausend Stücke zerbrach der Turm. Fast zu spät zog sie ihre Fangarme zurück. Sie torkelte, verlor den Boden unter den Füßen für eine Weile.

Die Arme, die sich sehnten zu umfangen, zu stützen und zu halten, blieben leer und in die Leere der Tage nahm Stille Platz. Einatmen, ausatmen, nichts, lange nichts.

Während sie sich selbst umfing, und sich der nährenden Stille anvertraute, bis das Draußen wieder an ihre Ohren drang, sie den Wind spürte, die Sonne, den Alltagslärm hörte und ihre eigenen Wort, die aus der Stille wuchsen.

Es waren die Worte, die erlaubten, die Bruchstücke aufzusammeln und neu zusammen zu setzen, bis der Turm wieder stand- nicht mehr so stark, alt geworden, mit Rissen und Rillen- Abstand haltend, sich selbst liebkosend, wieder bewusst der eigenen Kraft. Frei!