Auf der Suche nach Schnee 2

In der Nacht hat der sich der Spalt über den Worten geschlossen und sie unter frisch aufgeworfener Erde begraben.
Wer sich der Erde nähert, hört sie noch wispern. Die Wolken lösen sich auf und verregnen den Tag. Es verschwimmen die Worte, die neugierig nach außen schlüpfen. Kleine Rinnsale und Kanäle schlängeln sich durch die braunen Felder, Gedanken tauchen auf und ab, fließen.
Wie gut die Erde riecht.
lasst uns schweigen, Liebste. Diese Zeit lebt ohne Worte und lässt der Sprache Raum. Im Stillwerden spüren wir den Dingen auf den Grund, fühlen ihr Sein, entwickeln und richten uns neu.
Bis der Regen zu Schnee wird, lasst uns die Worte meiden, Liebste. Manchmal führen sie nur weg von uns. Im Atmen der Welt liegt Größe, und wir sind Teil von ihr.

Zum Barbaratag, eine kleine Geschichte

Heute werde ich Apfelbaumzweige in die Vase stellen, damit sie Weihnachten blühen. Und ich habe euch etwas mitgebracht:

Zwischen die Blumentöpfe auf der Fensterbank hatte jemand, vielleicht die kleine Lisa, eine gelbe Aprikose versteckt. Zwischen Gliederkaktus, Geldbaum und Usambaraveilchen hätte die Frucht ein verträumtes Leben führen können. Wäre da nicht die Sache mit den Jahreszeiten gewesen. Schon ziemlich verdorrt und runzelig, aber keineswegs faul – eher von süßer konzentrierter Essenz – fror sie nun erbärmlich. Es war kalt geworden und durch die dicke Steinplatte drang die Wärme nicht nach oben.
Leider hatte die Aprikose weder Beine noch Arme, mit denen sie sich aus ihrem kühlen Gemach hätte befreien können.
Inständig betete sie zu einem ihr unbekannten Gott um die Gnade, gefunden und gegessen zu werden.
Aber es kam viel besser, schließlich werden Gebete durchaus auch manchmal erhört.
An einem späten Novembermorgen nahm Käthe, Lisas Großmutter, alle Pflanzen von der Fensterbank, um die Scheiben zu putzen. Schließlich war morgen der erste Advent, und die Glasflächen verlangten nach glänzendem Sternenschmuck.
Käthe entdeckte also die vertrocknete Frucht und steckte sie, denn essbar erschien sie ihr nicht mehr, in die Blumenerde vom Geldbaumtopf.

Gemütlich streckte die Aprikose sich nun in der warmen Erde aus. Sie gähnte, und fiel so gleich in den schönsten Blütentraum.

Der Nacht geschenkt 4

Zurück zur Mutter
wieder klein werden, todkrank
in ihren Arm gesunden
wieder wachsen
und gehen, weg gehen, verlassen

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Ein Wanderer sein – das Sternenzelt über dem Kopf
durch jedem Schritt den Rhythmus der Erde mit gestalten
nicht bleiben und zuhause sein bei sich selbst
loslassen, nicht hängen bleiben
an der Angst vor dem Neuen
und sicher wissen
ich bin da, ich lebe
und finde was ich brauche

Foto: Blick in ein Schaufenster (Aachen)

Sonntagspracht

Der Sonntag hat Farbe angelegt
am Telefon die Stimme des Kindes
klingt hell
und erwartungsfroh
ihm gehört die Welt und das Morgen
über die Dächer spaziert die Sonne
Knospen weiten sich prall
und das Gras, frisch ergrünt
streckt sich strotzend dem Himmel entgegen
da möchte ich Lerche sein
aus lehmiger Erde aufsteigen
und mich singend im Blau verlieren

22.1.2016

Der Frost beißt sich in die schneefreie Erde
Raureif formt bizarre Strukturen
Bin nicht vorbereitet auf den sibirischen Atem.
Kopfschmerzen!
An solchen Tagen sollte man Mützen tragen…
… und Handschuhe
Auf Feldern im Norden der Stadt tummeln sich Schafe.
Eine Riesenherde warmer, aneinander gekuschelter Leiber
Atemwolken schaffen Unschärfe.
Die kribbelnden Fingerspitzen sehnen sich danach
in warmes, wolliges Fell zu greifen
Die eisige Kälte macht wach, und ich spüre
wie lebendig ich bin.

Zu den Sternen

Wölfin, wirst du bei mir bleiben, wenn die Sterne an Macht gewinnen, ich ihnen entgegen strebe und der Erde entfliehe? Dein warmes, wildes Fell soll mir Halt sein. Die Gedanken sind meine Flügel und die Fantasie schmückt mich mit bunten Federn. Das Herz ist der Motor und der Geist Antrieb und Motivation.
Wohin auch immer – weit, weit über den Horizont hinaus. Das Land hinter den Sternen wird mich Fülle erinnern lassen und mir die Rückseite des Mondes zeigen.

Die Sterne hatten wieder an Macht gewonnen, denn es war Winter und  der nächtliche Frost kleidete die Welt in Glitzern, ein blaues Glitzern, das dem Tag etwas Unwirkliches, etwas Unwirtliches verlieh und dennoch an Anziehungskraft stetig gewann. Immer schon hatte sie die Schwerkraft der Erde überwinden wollen, um den darüber liegenden unendlichen Raum erobern zu können.  Ein Frösteln wanderte über die Haut und die Sehnsucht nach einem warmen Fell, das nach wildem Tier roch und Wärme ausstrahlte, erinnerte sie daran, dass sie noch hier bleiben musste.
Den Traum hatte sie nicht vergessen. In ihm wanderte sie in einem sterbenden Wald über Schnee und Eis. Sie suchte etwas, jenseits dieser kalten Welt mit ihren todbringenden Gefahren. Als sie daran  fast verzweifelte, weil sie glaubte, sich verirrt zu haben, da war die weiße Wölfin neben ihr an der rechten Seite und leitete sie auf den richtigen Weg zurück. Und ein schwarzer Rabe flog auf ihre linke Schulter und krächzte ihr Mut zu.
Es war nur ein Traum, aber einer, der so dicht und lebendig war, dass sie die Tiere intensiv bei sich spürte, das Gewicht des Raben auf der Schulter wahrnahm. Eine Feder kitzelte ihr Ohr. Und der Wolf ging so dicht neben ihr, dass sie seine Wärme spürte und den Raubtiergeruch in der Nase hatte. Kleine Atemwolken entließen Mund und Schnauze. Gleichzeitig wusste sie, dass diese Tiere ihre Kameraden waren, nicht ihre Feinde, die immer dann da sein würden, wenn sie ihrer Hilfe bedurfte. Wie jetzt.
So rief sie nach ihnen, sang das Wolfslied, rollte tiefe Töne aus ihrer Kehle heraus, zischte in den Wind und summte ein Wiegenlied in den Tag. Und da waren sie. Lichte Gesellen, die sie auf die Erde zurück holten und den hinauseilenden, flüchtenden Gedanken, mit denen sie davon stieben wollte, Einhalt geboten.
Jetzt war Jetzt, jede Sekunde eine Herausforderung, die sie annehmen konnte, was auch immer der Tag in seiner eisigen Schönheit noch bringen würde. Die Sterne würden warten müssen, denn die Zeit war noch nicht reif.