Selbstbildnis 15

Mit Bildern kann ich nicht dienen, so reihe ich Wort an Wort und übe mich darin, ein Bild zu schreiben, ihm Farbe zu geben von der Welt, wie ich sie sehe. Auch, um wie ein Foto den Augenblick festzuhalten, diesen einen in seiner alltäglichen Besonderheit.
Was mich reizt, im Alltag die kleinen Wunder zu finden, jeden Tag neu. So wie jetzt gerade, ich schaue hinaus, sehe die kleine Kohlmeise kopfunter in den Zweigen zwischen den letzten gelben Blättern des Apfelbaumes hangeln und nach Leckerbissen picken. Wie flink sie ist. Flugs, schon ist sie wieder weg.

In Gedanken…

Liebe, mir unbekannt gewordene Freundin,
jetzt wo der Schnee fällt und alles Harte und Schmutzige versteckt, denke ich an dich, frage mich, in welcher Welt, fern von mir du inzwischen unterwegs bist? Ich vermisse dich. Ja, ich hätte wieder telefonieren können, aber mir sind die Worte ausgegangen – eher eingefroren, erstarrt – die mir hätten helfen sollen, die Brücke zwischen uns zu restaurieren. Wie mag sich dein Leben anfühlen, allein und gefangen zwischen Funktionalität, schwarzen Gedanken und schlaflosen Nächten? So wie es gerade hier in Köln schneit, kann ich mir vorstellen, dass du schon fast eingeschneit bist. Mein Gedanken an dich sind durchzogen von Liebe und Segen. Möge der Schnee deine dunklen Gedanken heller und freundlicher machen, und dir mit seiner Stille die Ruhe schenken, die dir hilft zu überleben, deine Lichtbringerin
Bin ich traurig? Nein, eher melancholisch und in Gedanken an all das, was möglich gewesen wäre, aber nicht möglich wurde.
Wenn ich dir das Licht gebracht habe, dann hast du mich – ganz sicher – daran erinnert, dass alles Dunkle deutlich wird und ebenso machtvoll ist.

Sie denkt ROT

und es wird warm
ein FEUER, fühlt sie
die Flammen zischen
glutrot, zinnober, gelborange
quirlige Funken stieben mit dem Wind
kreisen im Blut
wirbeln Lebensenergie auf


Machtvoll steht die Wolfsfrau
am Rande des wilden Waldes
gesträubt das Fell, Witterung aufgenommen
in ihren Ohren trifft sich die Welt
ein Sprung nur hinüber
ins Zwischenreich

 

Warum ich so gerne erzähle

Erzählen hält die Welt zusammen. Wenn ich erzähle erinnere ich mich. Wenn ich mich erinnere wird aus den Augenblicken des Lebens meine Geschichte. Erzählend bin ich selbst mit meiner Geschichte Teil der großen Geschichte. Erzählend nehme ich meinen Platz ein und teile das Wissen um diesen Platz mit dir. Wenn du meinen Platz orten kannst, erhält auch dein Platz immer kräftigere Konturen.

für einen fernen dichter

und immer suchte ich dich
zwischen raschelnden Worten
und knisternden Silben
öffnet sie sich, deine Welt

will sie fassen
zwischen Dornrosenhecken
aber der Wind trägt sie fort
ins Frühlingsblau des Morgens

wenn ich folge
auf üppigen Sommerwiesen
fällt sanfter Schatten in die Seele
Glück für den Augenblick

wenn unsere Wege sich trennen
unter sinkender Sonne
im welken Oktoberlaub
ernte ich Herzensfrüchte

folgst du einst dem Sternenweg
schau ich zum Himmel
ein Flüstern träumt mir Märchen
in frostklare Nächte

wenn deine Welt sich öffnet
in knisternden Silben
und raschelnden Worten
noch immer suche ich dich