Etwas ist anders…

Es ist kurz nach Mitternacht. Die Zeit hat ihre Seite gewechselt. Zwischen den Wolken zeigt sich ab und zu der Mond. Unter dem Baum im Moos haben sich die gefallenen Blätter zusammen gekuschelt. Die Nacht ist still, als warte alles auf ein besonderes Ereignis. Es liegt schon in der Luft, hat sich von der anderen Seite der Nacht herüber geschmuggelt. Es ist kalt. Mit den Wurzeln tastet der Baum sich tief in die Erde hinein. Dort ist es warm. Er leitet die Wärme hoch in die Spitzen der Zweige, in denen es schon zu frieren beginnt. Der Baum weiß, was er zu tun hat. Sein braunes Haupt denkt nicht. Er lebt unter dem wechselnden Mond und lässt die Jahreszeiten gelassen an sich vorbeiziehen. Inzwischen fast kahl finden sich nur vereinzelt noch Blätter im Geäst. Die Vögel sind in den Süden gezogen. Nur Kohlmeisen, Amseln, Rotkehlchen, Spatzen und Elstern haben an geschützten Plätzen den Kopf unter das Gefieder gesteckt. Im Laubhaufen raschelt und schmatzt ein Igel. Plötzlich setzt sich von oben etwas in Bewegung!
Kleine weiße Schneeflocken – spärlich noch – lassen sich zwischen die Verzweigungen fallen und segeln sanft ins gelbe Gras.

Hinter den Hecken ist die kleine Ana erwacht. Etwas riecht anders. Der Luftzug auf der Haut prickelt. Neugierig huscht sie aus dem Bett und rennt mit nackten Füßen zum Fenster.
Es schneit!

20.10.20

Die Ringeltaube flog
gegen die Scheibe. Ich erschrak
vom Knallen und sah
Wildgänse am Horizont
das Nest im Baum lange leer

Es fehlte die Brut
an einem der heißen Tage
mitten im August


Jetzt schlagen Vögel
Kapriolen und schnattern
im Baum, schimpfen
rufen mit lauter Stimme
der Baum, Federspielplatz nun

ein ganzer Kosmos
in dem es liebt, lebt und stirbt
vor meinen Augen

In dem gelben Laub
das bald wie Messing schimmert
picken sie hungrig
sie hopsen, fallen, fliegen
fangen sich in den Zweigen

Sah die Taube nicht
die mich kurz aufhorchen ließ
scheinbar lebt sie noch

Corona und ich 2

…der Zeit ein Schnippchen geschlagen, augenblickelang…

1.

Erst war da dieses grüne Lächeln,
das sich zaghaft aus dem vergilbten Laub des vergangenen Jahres schälte, sich zu erheben schien,
um zu beginnen über den Dingen zu schweben,
sich hineinzuweben in Tage und Nächte,
mit einem Duft, der zunächst fein
immer mehr an Intensität zuzunehmen begann,
bis jetzt im Frühling
weder Grün noch Duft und Klang aufzuhalten sind,
um in einer grünen Symphonie zu erklingen.
Das nun strahlende Lächeln im Wettlauf mit der Sonne
weckt die letzten Langschläfer aus ihren Träumen.
Die Zeit ist reif und der Boden bereit zum Sähen.
Neues will wachsen.

2.

Ich öffne das Rollo und schau hinaus
Alles leuchtet, will in mein Herz
dort wachsen und wuchern
bestricken und becircen
wie die Knospen im Baum
die darauf warten, bald blühen zu dürfen

Ich öffne das Rollo und schaue hinaus
möchte baden im Licht
goldene Seelenwärme aufnehmen
mich wiegen im Wind
der den Baum umschmeichelt
und auch mich liebkost

Oktoberende

Es ruht das Jahr in seinen letzten Farben aus.
Am Morgen zeichnen Nebelschleier weich
und mancher Baum zeigt sein Gerippe.
Der Wind im Sturme zornig
zerzaust das Haar, lässt lose Dinge poltern oder flattern.
Er heult und jault mit Drohgebärden durch den Kamin
kleine Kinder fürchten sich vor dem Gespenst.
Von Baum und Strauch klaubt er mit Macht
das Funkelrot, ein fahles Gelb und Knisterbraun.

Ich freue mich an allen Düften, Klängen, Melodien
mit denen uns der Herbst so überreich beschenkt
und finde Ruhe im Verschwinden aller Farben.
Des nachts träum ich vom Schnee, der all dem Schroffen
seine scharfen Ecken nimmt und weicher stimmt.

APFELBAUMLIEBE

Äpfel am Baum, wie warmes Brot aus dem Ofen
und frische Milch mit Haut auf dem Fensterbrett.
Kindheit duftet zwischen den Zweigen.
Grashalme kitzeln.
Wind streichelt die Haut.
Groß legt der späte Sommer sich in eine Hängematte.

Ich will den Apfel pflücken, an ihm schnuppern, hinein beißen.
Bis der Saft am Kinn hinunter rinnt.
Hurtig die Zunge.
Wenn alle Fülle zur Reife kommt,
legt sanft und sicher die Liebe sich in dein Gemüt.
Zeit zu bleiben, eine zeitlose Weile.
Spät erst siehst du, wie das Laub
sich messingfarben dem Winter entgegen färbt.

Miß-Verhältnis

Er war ihr Turm, der sichere Hafen, ein Fels in der Brandung. Sie wollte es so, damals, fühlte sich selbst so klein und schwach. Der Turm war groß, schön, stark. Sie knipste ein Bild von ihm und hielt daran fest. So sollte es bleiben für immer und ewig, mindestens ein Leben lang. Sie merkte nicht, wie sie wuchs und wuchs, erstarkte, wie ein Baum mit Verästelungen, die den Turm umschlangen, ihn einengten, begrenzten, hielten. Hinter dem Netz aus  Lianen bröckelte der Putz. Sie kittete hier, stabilisierte da, goss Lebensenergie ins Fundament. Doch er wankte. In tausend Stücke zerbrach der Turm. Fast zu spät zog sie ihre Fangarme zurück. Sie torkelte, verlor den Boden unter den Füßen für eine Weile.

Die Arme, die sich sehnten zu umfangen, zu stützen und zu halten, blieben leer und in die Leere der Tage nahm Stille Platz. Einatmen, ausatmen, nichts, lange nichts.

Während sie sich selbst umfing, und sich der nährenden Stille anvertraute, bis das Draußen wieder an ihre Ohren drang, sie den Wind spürte, die Sonne, den Alltagslärm hörte und ihre eigenen Wort, die aus der Stille wuchsen.

Es waren die Worte, die erlaubten, die Bruchstücke aufzusammeln und neu zusammen zu setzen, bis der Turm wieder stand- nicht mehr so stark, alt geworden, mit Rissen und Rillen- Abstand haltend, sich selbst liebkosend, wieder bewusst der eigenen Kraft. Frei!

Herbstgefühl

(auch, wenn die Temperaturen hochsommerlich sind, die Tage werden kürzer, Nüsse fallen, Blätter beginnen sich zu färben)

Zeit, Ballast abzuwerfen
falsche Erwartungen über Bord zu werfen
genügsam zu werden
darin die Essenz der Fülle entdecken
bittersüß, der Geschmack
es bleibt noch genug
um hinein zu wachsen
und frei zu sein
wie der Baum im November
ohne Früchte und Blätter
in seinen Wurzeln ruht

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An Adam Winterbill

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Ich schau dir zu, Adam Winterbill. Siehst du mich? Mein laubgekröntes Haupt nickt dir zu. Ich wachse dir entgegen und achte dein Alter. So manche Geschichte haben wir schon gemeinsam betrachtet, sahen Wesen kommen und gehen. Ich weiß, dass Elfen bei dir wohnen und ein Engel die Hand über uns hält. Unter der Erde berühren sich unsere Wurzeln. Zwischen ihnen leben kleine Wesen. Was wir umschlingen oder gefangen halten unter der Erde, wir verraten es nicht, denn unsere Lippen sind versiegelt. Wir können schweigen und halten Stille aus. Nur der Wind singt in unseren Blättern und erzählt der Welt vom Werden und Vergehen.

Vor der Zeit ganz klein

Während die Bäume erstarken
und an Volumen gewinnen
stehe ich winzig vor der Zeit
die mir den Vogel zeigt und verbietet
stehen zu bleiben.
Trotzen möchte ich ihrer Macht
und einfach verwunschen erstarren
wie Dornröschen von einer Spindel gestochen
zwischen all dem Knospen und Blühen
dem Duften und Fließen
für immer mich verzaubern lassen
vom grünen Rausch
und lauschen für ewig

20. Januar, am Morgen

Vertraut mir, der Baum im Feld
der Struktur zeigt in Wintertagen
Mein Freund der Baum
der ausharrt und sich fügt

Will ablegen, was Ballast ist
und mich versteckt
will zeigen, was und wer ich bin
mit kühlem Kopf schauen
und schweigend lauschen
Mich ducken unter dem Frost
und nach innen zurück ziehen
dorthin, wo ewige Rosengärten duften
und das Herz leise klopft
geduldig wartend
bis wieder wärmere Winde wehen