Selbstbildnis 8

Ein guter Grund

Wenn es mir richtig mies geht, wenn alle Flaggen innerlich auf Halbmast stehen, wenn ein Weg mal wieder in einer Sackgasse gelandet ist, ich mich – zum wievielten Mal eigentlich? – im Kreis drehe und nicht vorwärts komme, wenn die Stimmen in mir so schrill und laut werden, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr verstehe, dann ….
….grabe ich mich in die Tiefe meiner Textlandschaft und werde fündig. Plötzlich verstehe ich meine Gedanken wieder, weil die Stimmen nur noch flüstern. Ich hüpfe aus dem Kreisen und komme einen Schritt weiter. Die Sackgasse entpuppt sich als Refugium, ich hisse die Fahnen und die Stimmung wechselt von grau auf bunt.

Alleine dieses Resultat befriedigt mich enorm, ganz gleich wer, wann und weshalb, auf meine Texte stößt und sich von ihnen berühren lässt.

Die Höhle, damals

Sie war doch in einer Höhle damals. Daran erinnert sich Marie noch.

Viele Stufen steigt sie hinab in die dichter werdende Dunkelheit. Sie folgt dem Rhythmus der Trommeln, der dem Pulsschlag der Erde gleicht. Bedrängend schraubt er sich in ihre Ohren, legt sich auf die Haut, bis sie vibriert. Irgendwann kann sie nicht mehr unterscheiden zwischen ihrem eigenen und dem Puls der Erde. Innen und Außen sind beinahe gleich. Wo hört sie auf, wo fängt sie an? Sie weiß, dass sie eine Aufgabe zu erfüllen hat. Nichts anderes mehr hat Platz in ihrem Kopf.

„Was war das noch?“ fragt sich Marie, während sie sich weiter zu erinnern versucht.

Die Feuergnome warten. Weiter steigt sie hinab in das Innere der Erde. Gewölbe aus Stein schwitzen einen erdigen und mineralischen Geruch aus.

„Komisch“ denkt Marie, „ich erinnere mich, dass ich an Kohle und Kartoffeln dachte und Hunger bekam.“
Damals hielt sie nur ein Gedanke aufrecht:
„Ich gebe nicht auf.“
In der Hand hält sie den Smaragd, das Lichtgeschenk des grünen Delphins, der ihr Freund ist.

So allein ist die junge Frau, die zarte Feingliedrige in den roten Gewändern der heiligen Tänzerinnen.
Als Außenstehende frage ich mich:
Wo nahm Marie diesen Mut her?
Warum hat sie ausgerechnet diesen Weg gewählt?
Wohin führt er sie?

Wohin er führt, der Weg? Marie würde es so beschreiben:

„Ich ging zu den Klippen der Zeit und folgte dem Rand des raumlosen Kraters. Mein Ziel war das Feuerportal mit dem janusköpfigen Portal. Ich musste da durch. Ein bezwingender Traum hat es mir geboten.“
Aber dann hat die Zeit ihr Maul aufgerissen, wie ein gefährliches Raubtier. Es zeigte spitze Reißzähne, doppelreihig und kam daher wie ein Drache – scheppernd, rasselnd, ratternd. Der Lärm zingelt sie ein. Gefangen!

„Nein,“ ruft Marie, “ ich habe mich an einem großen Stein festgehalten, mich dahinter versteckt, und dann war es plötzlich vorbei. Ich bin einem sandigen Weg gefolgt und sah Tageslicht. Es blendete mich.“

Und dann war da nichts mehr, Blackout!
Marie weiß bis heute nicht, ob sie ihre Aufgabe erfüllt hat. Aber sie weiß, warum sie die Reise getan hat.
Um ihn zu finden, den Geflügelten, den Gefiederten, ihren Gefährten. Eine lange, gefährliche Reise würde sie unternehmen müssen, hat jemand ihr prophezeit, um ihn zu finden am anderen Ende der Welt.
Und sie ist aufgebrochen ohne nachzudenken, allein in einem Boot über den großen Ozean geschwommen, um auf einer Insel zu stranden. Selbst ihrer besten Freundin Claire hat sie nichts verraten.
„Niemand,“ so dachte sie damals, „solle sie aufhalten.“ Und Claire, das wusste sie, würde alles tun, um sie an ihrem Aufbruch zu hindern. Marie verspürte nicht den Hauch eines Zweifels und vertraute ihrer inneren Stimme.

Während Marie sich erinnert, schlagen die Gefühle über ihr zusammen. Es ist wieder Flut – Sehnsuchtsflut! Schon so lange, immer wieder.

„Wird sich das jemals ändern.“ fragt sie sich, „Ebbe, Flut, die Gezeiten!“
„Vielleicht!“ spricht von fern eine tiefe Stimme.

Ein nagendes Gefühl bleibt zurück, wie Hunger.

Am Abgrund

Das Leben hat sich in zwei Zeiten geteilt. Marie sah das Vorher, in dem alles möglich schien und das Nachher, in dem alles begrenzt war. Wie eng ihre Welt doch geworden war. Das Dazwischen, in dem sie ihre Träume verloren hatte, begann sie gerade erst langsam zu verstehen. Der todesähnliche Schlaf, der sie gnädig in die Arme genommen und gewiegt hatte, so wie Mütter ihr Kind trösten, wenn es weint und sich nicht selbst beruhigen kann, nahm wohl allen Schmerz von ihr und verdrängte die Trauer.
Jetzt, wo Marie plötzlich wieder an den Rand des Abgrundes zwischen Vorher und Nachher denkt, an dem sie gestanden haben muss nach jenen Ereignissen, wird ihr klar, dass sie damals wohl hatte sterben wollen. Soviel gewagt, das Leben aufs Spiel gesetzt und doch alles umsonst und verloren.
Das Kind zwischen ihren Knien regte sich und erwachte aus seinem Schlaf.
„Wie gut, dass ich das Kind wieder gefunden habe“, denkt Marie dankbar, “ jetzt bin ich nicht mehr allein. Ich habe etwas, für das ich sorgen muss, wenn es mir gut gehen soll.“