Das Kind

Marie ist durch den Tag gehüpft, wie ein agiles Känguru, neugierig, wissbegierig und mit dem Kind an der Hand. Wie hätte sie sonst auch hüpfen können?
Das Kind hat ihre Hand ganz fest gehalten und zwischendurch zu ihr hinauf geschaut und sie auf diese ganz besondere Weise angeschaut: ein inneres Glimmen, Freude; ein Lächeln gepaart mit Respekt. Dem Kind fehlen die Worte, aber Marie kann in seinen Blicken lesen. Es braucht keine Worte.
Am Abend sucht Marie sich einen ausladenden Baum, setzt sich darunter in den Schatten und nimmt das Kind zwischen ihre Knie, umarmt es. Einvernehmliche Stille liegt zwischen beiden, eine Ganzheit von besonderer Dichte, für eine lange Weile. Dann summt Marie ein Wiegenlied. Das Kind kuschelt sich eng an sie heran, bis es schließlich einschläft. Marie ist tief berührt von dem Vertrauen, dass dieses Kind ihr entgegen bringt. So friedlich und ganz in sich geborgen liegt das Kind in ihren Armen, die endlich nicht mehr leer sind. Maries Brüste spannen sich. Sie, die bisher noch kein Kind genährt hat, spürt das Einschießen der Milch. Jedenfalls fühlt es sich so wohl an, denkt sie, und sie staunt. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit traut sie sich, an ihn zu denken, den sie verloren hat. Sie hat gesucht nach ihm, aber nicht gefunden. Es dunkelt bereits, das Kind schläft noch, als Marie endlich zu weinen beginnt. Zuerst zuckt es in ihrem Körper. Eine Weile wehrt sie sich noch gegen die aufsteigenden Tränen, will sich ihnen nicht ausliefern. Schließlich bricht der Damm – haltlos – und sie überantwortet sich der Trauer, dem Schmerz und dem Tränenmeer, das aus ihren Augen fließt.

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