Mit den Delphinen

An einem späten Wintertag, es war ein frostiger Morgen,
kam die große Welle zu mir:
„Komm mit“, raunte sie, „du sollst mein Spielkamerad sein.“
So ließ ich mich forttragen durch die sieben Meere
bis ans Ende von Zeit und Raum.
Sie lehrte mich, alles loszulassen,
mit Fischen und Delphinen zu schwimmen und zu fließen.
Mir wurde leicht zumute, und ich war glücklich.

ROSENZEIT…6

Guten Abend Flores,

du kennst Leander? Was verbindet dich mit ihm? Durch Zufall fiel der Brief an ihn in meine Hände. Ich stehe vor einem Rätsel. Leander ist ein Reisender durch Raum und Zeit. Er trägt zwei Gesichter. Einst bezeichnete ich ihn als meinen Sohn. Wir waren vertraut miteinander wie Bruder und Schwester. Er erzählte mir von der inneren Unruhe, die ihn von Zeit zu Zeit wie einen Zwang überfällt und weiter treibt. Im Augenblick jongliert er mit Worten und tingelt durch die Hinterhoflandschaften überfüllter Städte. Ja, er hat etwas Verzehrendes an sich, so als sei er eine Kerze, die an zwei Enden brennt, aber er reißt Menschen mit, begeistert sie. Seine Augen sprühen Funken und er erobert Herzen im Flug. Seine lästernden Lippen spotten gern. Immer sind viele Menschen um ihn herum. Alle paar Monate besucht er mich, denn ich bin sein Hafen und für eine Weile findet er Ruhe darin. Ein Mädchen – Claire – fragte nach ihm. Ich glaube, sie traf ihn auf einem Rastplatz an der Autobahn nach Paris. Ab und zu lade ich Claire in meine Rosenlaube ein, und wir erzählen einen Tag lang, bis die Nacht herein bricht. Sie sucht ihre beste Freundin Marie, die eines Tages aufgebrochen ist, um die Liebe ihres Lebens zu suchen. Sie verschwand im Dunst eines Spätsommermorgens und hinterließ keine Spuren. Claire formulierte es einmal so: „Marie wurde von der Zeit verschluckt und verirrte sich in ihren inneren Räumen. Claire ist eine ungewöhnliche Frau, hat Visionen, Gesichte und Eingebungen und hält viel von den Träumen. Immer noch hofft sie, Marie zu erreichen und aus ihren inneren Abgründen zu retten.

Sag mir Flores, warum diese Menschen – Leander, Marie, Claire – so rast-und ruhelos sind? Was lässt den einen Teil der Menschen verweilen und den anderen eilen? Manchmal verstehe ich diese Zeit nicht.

Herzlich, Bela von Rosenhaag