Herrgottsgäbelchen, Auflösung

Stell dir vor, da ist ein kleines Mädchen, fünf Jahre alt. Es trägt die dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Gerade sitzt es am großen Holztisch, den die Mutter eben noch sauber geschrubbt hat. Das Mädchen heißt Dorothee. Auf dem Tisch stehen dicke irdene Teller. Dorothee ist wohlgenährt, hat rote Wangen und trägt eine blaue Schürze mit einer bunten Zackenlitze am Saum. Die hat Oma für sie genäht. Es ist die Werktagsschürze. Der Tisch steht in einer großen Wohnküche, in der sich der Alltag von acht Menschen verschiedener Generationen abspielt. Hier wird getrunken, erzählt, gebacken, gemetzgert, gerupft; gelacht und gestritten. Gerade eben kam die Zeitungsfrau vorbei. Jetzt hält sie einen Schwatz mit Dorothees Mutter. Dorothee hat Hunger. Auf dem alten Kohleherd steht die Suppe. Auf dem Tisch stehen Pellkartoffen, Quarkstippe und Möhrenstifte. Das Besteck liegt noch nicht neben dem Teller und Dorothee hat solchen Hunger. Sie will nicht mehr warten. „Mama, Mama, komm,“ knatscht sie ein bisschen herum. Aber die Mutter dreht sich nur kurz herum, bevor sie erneut mit der Zeitungsfrau spricht, die ihr gerade etwas ins Ohr flüstert, das nicht für Kinderohren bestimmt ist und  von dem man sowieso nur hinter vorgehaltener Hand redet.
„Ja, dann nimm dir schon eine Kartoffel, Dorothee, ich komme gleich.“
„Ich habe aber keine Gabel.“ ruft Dorothee.
„Ja mei,“ sagt die Mutter, „dann nimm halt das Hergottsgäbelchen.“
Dorothee greift zufrieden zu, ganz ohne Tischgebet. Die Mutter ist heute wirklich sehr unaufmerksam.

Wohnküche

Heute habe ich die Wohnküche geschrubbt. Zum Glück brauche ich sie nicht zu renovieren. Sie ist schön mit den blau-weißen Fliesen an der Küchenzeilenwand. Die restlichen Wände sind vom Vormieter erst vor kurzem gekalkt worden. Ich habe Brot gebacken,  und das ganze Haus riecht nach frischem Brot. Ich knabberte schon an der Kruste, wie ich es als Kind tat, wenn ich morgnes zum Bäcker geschickt wurde, um das Brot zu holen.
Die Küche hat eine Tür zur Terasse. Die habe ich gerade geöffnet. Ein frischer Wind weht herein und sagt . „Guten Tag!“ Er ist neckisch drauf und bläst mir eine Gänsehaut auf die Arme. Ist halt frisch am Abend. Er hat mir aber noch etwas anderes erzählt, nämlich, dass in diesem Haus vor Urzeiten eine Märchenerzählerin gewohnt hat und dass irgendwo im Haus von ihr noch Notizen sein müssen. Na, da werde ich mich bald mal auf die Suche machen. Im Haus einer Märchenerzählerin bin ich goldrichtig, und damit ihr das auch glaubt, kommt jetzt gleich noch was, muss mal gerade suchen. Tschüss, bis später!

Tage vergehen…

Jetzt bin ich schon eine Weile hier. Ich habe fast alle Räume des Hauses, das ich noch nicht „MEIN“ nennen mag, kennen gelernt, seine Größe ermessen, überlegt, wo ich mit dem Einrichten beginne. Bisher bewohne ich nur das Dachzimmer mit dem weiten Ausblick über Garten, Feld und Wald und die große Wohnküche.
In die Ecke mit den bunten Kissen habe ich mein Bett gebaut, daneben ein ausgemustertes  Bücherregal vom Flohmarkt gestellt. Ich kann mich noch nicht entscheiden, wie ich es einmal anstreichen werde. Einige Bücher, Notizhefte, CD´s und Zeitschriften liegen darin.
Jetzt wo ich Zeit habe und nichts mich drängt, stehe ich oft am Fenster und schaue dem Tag dabei zu, wie er vergeht, wie das Licht sich verändert, die Wolken ziehen, wann die Vögel im Garten sich ums Vogelhaus scharren und eine rotgestreifte Katze auf Beutezug geht.
Vor drei Wochen war noch Winter, jetzt sind die Tage länger geworden, und Frühling liegt in der Luft. Gestern zogen Kraniche über das Haus.
Ich habe noch einen Rest Rosentapete. Damit werde ich die schmale Fensterwand tapezieren. Die Küche ist noch fast leer. Ein paar wichtige Utensilien, etwas Geschirr, bunt zusammen gewürfelt, ein quadratischer Holztisch mit zwei Stühlen, meine Lieblingstopfpflanzen und ein Kühlschrank mit abgerundeten Ecken habe ihren Platz gefunden.
Im Raum nebenan, der eine Art Salon werden wird, möchte ich mir heute ein erstes Bild aufhängen. Das Bild ist Blau, wie so vieles, das ich gern habe, denn Blau ist für mich ein Lebensgefühl.  Ich liebe es in allen Nuancen. Eine ganze Galerie aus blauen Schattierungen wird dort entstehen.
Sparsam sind kleine Akzente in Weiß, Schwarz und in Gelb ins Bild gesetzt. Ich sehe Wasser und Himmel, die ineinander übergehen. Es zeigt einen Hafen an Fluss oder  Meeresbucht. Kleine Boote schweben auf dem Wasser. Ihre Lichter spiegeln sich darin. Am linken Rand sehe ich ein wolkenartiges Gebilde in Dunkelblau-Schwarz. Es könnte eine Trauerweide auf einer winzigen Insel sein.
Ich liebe Flusslandschaften und das Meer, mag mich gern in den Wellen des Wassers für Augenblicke verlieren. Wind und Wellen nehmen meine Gedanken mit und singen mir Lieder.