Ein Korb mit bunter Wolle

Darf ich mich vorstellen? Ich bin Madame Lillac und nicht mehr ganz jung. Seit dreißig Jahren lebe ich hier in Bubendorf, einem südlicher Vorort von Karaman. Vor der Haustür beginnt das Grün. Kurze Wege führen zu einem See, in den Wald oder vorbei an Feldern und Wiesen. Die Landschaft ist flach, deshalb benutze ich auch gerne und oft mein Fahrrad um vorwärts zu kommen.
Gestern fand ich ja den Korb mit Wolle vor meiner Tür und war überrascht und aufgeregt zugleich. Ich entdeckte unter dem Zettel: „Strick eine Geschichte aus mir.“ ein großes Wollknäuel in meinem Lieblingsblau und gleich waren die Bilder da. Ein kleines Binsenboot schaukelte auf den Wellen eines tiefen Ozeans.
Allerdings gelang es mir nicht, in das Boot hinein zu schauen. Unentwegt schaukelte es auf den Wellen. So beschloss ich, mir den Inhalt des Korbes näher anzusehen. Ich fand kleinere und größere Wollreste in allen Farben, die das Leben so annehmen kann. Eine gute Voraussetzung, um eine Geschichte zu stricken. Etwas aber fehlte noch. Ich kramte in alten Notizen, schaute mir Fotos an und erledigte zwischendurch die alltägliche Hausarbeit. Irgendwann nach Mitternacht ging ich schlafen.
In der Nacht träumte ich von dem Boot. Ich hörte Möwen schreien und sah aus den Wellen einen blauen Wal auftauchen. Er tauchte auf und ab, blieb aber immer in der Nähe des Bootes. Als ich am nächsten Morgen aufwachte war ich gut gelaunt und wusste, die Geschichte wird weiter gehen. Ich traf eine Entscheidung: „Ich werde herausfinden, wer mir den Korb vor die Türe gestellt hat.“

Immer noch zu schwer…

Immer noch viel zu schwer
und weit entfernt von Leichtigkeit
„Lass ihn endlich stehen, Marie, den Koffer, den Schweren.“
Wie sollen sie sprechen, die Stimmen, die vielen,
wenn Lastenschleppen alle Kräfte bindet?
Lach mal wieder! Sing dem Wind ein Lied.
Lass es hinaus das quirlige Glucksen
der silbernen Fischchen im Blut
die Kapriolen schlagen und laut rufen
„Ich lebe, ich bin.“

Die rote Buche am Ende der Wiese
neigt weise das Haupt
Sie flüstert und raunt von der Quelle
die ihre Wurzeln so wunderbar nährt.

Frühlingserwachen

Jenseits der Hecken erstreckt sich das Feld. Über Nacht haben die braunen Furchen Pastellfarben bekommen. Der Frühling schaute von oben hervor – aus einem jener winzig blauen Fenster, die ab und zu bei Wind zwischen zerrissenen Wolken hervor blinzeln. Er sah, dass es Zeit ist. Zaghaft streute er Grün, und in die Hecke eine Handvoll Rose, zwei Hände Weiß und viel Sonnenblumengelb.
Die triste langweilige Genossenschaftssiedlung am Rande der Stadt, wo zwischen den Häusern über den Unrat die Ratten spazieren gehen, sieht verzaubert aus, heute. Der Frühling malt ihnen Hoffnungsschimmer. Für einen Augenblick lächeln die grauen Bewohner, wenn sie hinter der Gardine am Fenster stehen und hinaus schauen.
Auf die kurzgeschorene Wiese haben sich kleine Narzissen verlaufen und klingeln Gelb ein, mit ihren Glocken. Ein Hauch von Ostern liegt schon in der Luft.
Ein Bettler geht durch die Reihen der Bahn und bittet zitterig um eine kleine Spende. Er schleift eine Fahne von ungelüfteter Gleichgültigkeit hinter sich her. Seine Augen haben den Sternenblick verloren.
Die Jacke, die lose um seine Schultern hängt und in der Taille von einer Kordel zusammen gehalten wird, beginnt sich aufzulösen.  Fasst vermeint das Auge winzige Tierchen darin zu sichten, die emsig und geschickt die Fäden auseinander drehen und so dazu beitragen den Verrottungsprozess zu beschleunigen. Für einen Augenblick stellt sich die Frage, ob die Jacke wohl aus lebenden Tierchen besteht. Vielleicht stammt sie aus den achtlos beiseite geworfenen Säcken mit Altkleidern, die jemand zwischen den Altbaukasernen abgestellt hat.
Ein gepflegter Herr mit Hut grüßt eine Dame im Nerz, die weiße Stiefel trägt und auf dem Kopf einen kleinen Hut. Darunter sind die weißen Haare adrett zum Zopf geflochten. Sie stehen am Friedhofstor, das ein machtvoller Engel bewacht.
Möglicherweise werden sie – nachdem die Gräber besucht und mit Frühlingsblumen geschmückt sind – im Helgas Bistro an der Ecke bei Kaffee und Kuchen über Gott und die Welt reden, auch darüber, dass die Enkel sich heute nicht mehr anstrengen wollen und früher mehr Disziplin geherrscht hat.
Jugendliche mit Stöpseln in den Ohren lungern hier und da herum. Es ist noch früh am Vormittag. Ob sie schon schulfrei haben?
Über allem zwitschert eine Amsel, und die Katze nebenan steht vor der Tür und maunzt. Sie will rein, denn ihr ist kalt. Nur ab und zu blinzelt die Sonne.