Heiligabend

In der Frühe, lange bevor das Morgenrot über die Dächer der Gartenstadt geklettert war, löste sich etwas aus dem Traum heraus. Fast so, als sei der Traum ein Kokon und nun viel zu klein geworden, um das wachsende Etwas noch halten zu können . Der Traum war geplatzt, wie eine reife Schote und hatte ein Wesen in den neuen Tag geschickt.
Es dauerte eine Weile, bis sich die Augen an die vollkommene Dunkelheit der Nochnacht gewöhnt hatten, und ich begannin diesem einen zeitlosen Augenblick, eine zarte Form zu erahnen und seine besondere Energie zu spüren.
Ob es aber ein Engel oder ein Vogel war, den der Traum in die Wirklichkeit entlassen hatte, konnte ich nicht erkennen. Das Wesen, so wusste ich aber, war nicht zu mir unterwegs, nur mein Gehirn hatte es traumverloren entstehen lassen, um Bote zu sein und etwas über die Hecke hinaus in die Welt zu tragen.
So losgelöst aus meinem nächtlichen Leben, verlor ich das Wesen aus den Augen, bevor ich die Botschaft entschlüsseln konnte.
Vielleicht aber, so dachte ich, ist das auch gar nicht schlimm. Muss ich denn immer wissen, was meine inneren Gestalten so treiben? Vielleicht liegt mein Anteil nur darin, sie zu gebären.
Und etwas später, als das Morgenrot über die Dächer geklettert war, verstand ich schon etwas mehr über mich, denBoten und die Botschaft.
Eine gewisse Hilflosigkeit gemischt mit einem Hauch Furcht, wandelte sich in das beglückende Gefühl, nicht für alles verantwortlich zu sein.

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HERZ-Notes (1)

Immer wieder seelische Nähe zu suchen zu einem Bruder, einer Schwester im Geiste, was ist wesentlicher?
Einem Menschen auf den Grund gehen, ihn erfassen in seinem Wesen begreifen, was ist beglückender?
Knackpunkte zu finden, die Gelenkstücke in den Sätzen, im Hintergrund von Empfindungen, Gefühlen und Sprache, die geistigen Muskelfasern zu ertasten, die Zugang schaffen und Schlüsselloch sind, zu dem was den inneren Menschen ausmacht, was ist wesentlicher?
Welch ein Genuss, was für eine Beglückung, wenn sich dieser innere Mensch für einen Augenblick lang, oder für mehrere davon, öffnet und aufschlüsselt, wenn der Schlüssel tatsächlich aufzuschließen vermag, die Tür, das Fenster, ein Schlüsselloch?

geträumt

der traum spricht
schenkt konturen und farbe
langsam schält sich das bild heraus
ein mensch – nicht frau, noch mann
mit drittem auge auf der stirn
ein wesen, dessen name nur geahnt
mit einem kranz aus rosen
im silbergrauen haar
der mund spricht stumm

ich fülle ihn mit worten
die über seine lippen rieseln
wie blüten aus dem apfelbaum
der tausend jahre schon
vergessen steht an deiner quelle