Aurora, die auf dem Seil tanzt 13

17.4.

Guten Morgen lieber Seebär,

ich hoffe, du hast so gut geschlafen wie ich. Vielleicht warst du gar schon auf dem Wasser. Apropos Wasser. Gestern schrieb ich dir: „Ist nicht das Wasser die Weltenseele, über die wir alle miteinander verbunden sind?“
Vielleicht fragst du dich, wie ich auf diesen Gedanken gekommen bin . Nun ich will es dir erklären, denn ich träumte von….:

„Es war einmal ein Bauernmädchen. Das lebte in der Nähe eines munteren Baches, zwischen Feldern und Wiesen bei den Eltern, mitten in einem wunderschönen Garten. Gerade war Frühling, und auf der Obstwiese blühten die Bäume. Das Mädchen, nennen wir es Trine, saß gern unter den Bäumen im Garten und sah ihnen beim Wachsen zu. Trine war gerade zum Frühlingsbeginn dreizehn Jahre alt geworden. Sie war schon vertraut mit allen Pflanzen, den Gänsen, die sie jeden Tag zu hüten hatte, aber auch mit dem Wasser. Jeden Tag besuchte Trine – wenn alle Arbeiten erledigt waren- zuerst den Garten und schlüpfte anschließend durch die kleine blaue Heckenpforte zum Lieblingsplatz am Fluss. Dort stand zwischen zwei alten Weiden eine verwitterte Holzbank. Darauf ließ es sich wunderbar träumen. Manchmal nahm Trine ein Buch mit, oft saß sie aber einfach dort und schaute ins Wasser. Es war zu jener Zeit, als man tagsüber noch ohne große Angst überall hingehen konnte. Nur im Dämmerlicht musste man achtsam sein. Deshalb erwarteten Vater und Mutter, dass sie vor dem beginnenden Zwielicht wieder zu Hause war. Manchmal vergaß Trine die Zeit auf der Bank. Sie war so vertieft in das Wasser, dass sie fühlte, wie sie selbst zum Bach wurde: sie war in den kleinen Strudeln und in den Lichtreflexen oder ritt erhitzt auf den Wellen, als seien es wilde Pferde, die mit ihr durch die kirgisische Steppe galoppierten. Oder sie schwamm mit den Wassernixen und Heckenzwergen im seichten Wasser jenseits der Brücke.
Der Bach mit allem was dazu gehört, war auch in ihr. Sie spürte sein Fließen im Blut. Ja sie konnte es vor ihrem inneren Auge sehen, wie der Bach durch die verzweigten Blutbahnen bis in Finger-und Fußspitzen schwamm. Herrlich, wie das kribbelte. So mussten sich die Bäume spüren, wenn die Wurzeln in der Erde unaufhaltsam nach Wasser suchten, und es durch den Stamm bis in die feinste Verästelungen der Baumkronen transportierten. Sie fragte sich, ob Bäume kitzelig sind, und musste über diesen Gedanken lauthals lachen, ja sie prustete und kicherte, dass sie fast von der Bank gepurzelt wäre.
Das Wasser sammelte sich unter der Erde, wurde Rinnsal, entsprang in einen Bach, wurde zum Strom und ergoss sich im Meer, verdunstete und sammelte sich in Regenwolken, die jetzt gerade über dem Rübenacker regnete. All das wusste das Mädchen. Schließlich war sie ein Naturkind und für ihr Alter sehr weise, und jetzt hatte sie die Zeit vergessen – es war schon fast dunkel – Mond und Sterne spiegelten sich im Wasser, und sie begann sich zu fürchten.
Zum Glück kam gerade Wolfi schwanzwedelnd durch die Hecke gelaufen um sie abzuholen. Die Eltern hatten ihn rechtzeitig geschickt.“

Und ich? Ich habe dir jetzt den Beginn einer langen Geschichte erzählt, obwohl ich etwas ganz anderes vor hatte. Was alles in der kurzen Zeit geschehen ist, seit ich reise – Wahnsinn – wollte dir doch noch von Jule erzählen. Ich wette, du bist jetzt neugierig geworden. Schaun wir mal, wies morgen weiter geht.

Luftige Apfelblütengrüße schickt Aurora im grünen Trikot, die gleich wieder tanzen wird.

Eine Träne

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Eine Träne hat sich verirrt und vergessen
woher sie kommt
aus welchem Weinen  sie sich löste
aus welchem Lachen sie entsprang
Wo sind nur all die anderen geblieben?
Ganz einsam und allein
nicht wissend wer sie ist, woher sie kommt, wohin sie geht
bleibt nur das eine:
das was sie zieht im tiefsten Innern
der Sog, den sie verspürt
zur Pfütze hin, zum großen Regen
ein Tropfen der ins Wasser fällt und weitend Ringe malt
das mit ihm immer weiter fließt
zum Bach und Strom und salzig dann
zum großen Ozean
wo sich der Kreis am Ende schließt.

Liebe Gertrud Trenkelbach, du bringst mich wieder auf Ideen!

Mit Worten malen

Sprachgespinste schaffen

Inseln aus Licht erschaffen
kleine Oasen zwischen Wüstengebirgen
duftender Früchte sinnlicher Raum
fruchtbarer Sprache Landschaft und Garten

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Sätze, wie Burgen, eingezingelt, ummauert
elfenbeinfarbige Türme auf hohen Bergen
Zinnen, die zwischen Wolken schweben
dazu Zimbelklang und schamanische Trommeln

Klang und Tanz, ein Tönen und Betöntwerden
magische Worte gedüngt mit Silbengold
gewebt im Schatten der Hecke
Mondsilber zwischen den Zweigen

und fern das Lied vom Meer
ein Raunen von Wasser und Wind
Wellen die aufnehmen und leiten
wie der Schoss einer rätselhaften Göttin

Feuertaufe

Eva sah es kommen. Sie träumte von einem Flammenmeer, durch das Marie wandert.
Marie berichtet:
„Nicht mal mein roter Seidenschal, den ich mir kunstvoll um den Hals drapiert habe, fängt Feuer.
Es ist still in mir und ich weiß, mir wird nichts geschehen. Ein kühler Geist umspielt meinen Körper und hält das Feuer fern, als sei es nur das Licht hinter einer Wand aus dünnem Eis. Er wispert, singt und heult mit dem Knistern und Lodern der züngelnden Feuerzungen. Das Feuer hätte ein Scheiterhaufen sein können, wäre da nicht dieser unstete Windgeist mit den zahllosen Armen gewesen.
Ich war ganz bei mir und schickte alle heran strömenden Gedanken fort, den Augenblick fühlend mit allen Sinnen. Ich fragte nicht nach Gestern und Morgen. Jetzt! Ich bin, jubelte es in mir.
So erhielt ich in dieser Nacht die Feuertaufe.“
Marie folgt dem Pfad zum Wasser und erwacht aus ihrer tiefen Meditation. Am See angekommen legt sie langsam Stück für Stück ihre Kleider ab. Sie singt und lächelt, als sie nackt ins Wasser steigt und die Wellen mit den Händen berührt. Sie taucht tief bis zum Grund, spürt Fische und Wasserpflanzen ihre Haut berühren. Im Auftauchen erkennt sie sich selbst wieder. Ein Mensch – nackt und bloß – allein – neu geboren. Das lange nasse Haar schmiegt sich an ihren Körper, der leise fröstelt. Im Osten geht die Sonne auf. Marie steigt nun ganz aus dem Wasser und dreht sich um.
In der Ferne glimmt noch das Feuer.