Aurora, die auf dem Seil tanzt 4

5.2

Guten Abend Traumtänzer,

ich bin erledigt, dieser Tag hat mich geschafft. Sag mir, wie kann eine Wurzeln schlagen, wenn man sie beschneidet, sobald sie einen Wachstumsschub gemacht hat? Sie kann nichts dagegen tun. Wer ausgegrenzt wird, hat keine Chance, sich zu wehren.
Anpassung wäre der Weg, aber für welchen Preis?
An manchen Tagen möchte sie nur schreien. Vielleicht hört ja jenseits von hier einer ihren Ruf und reicht ihr die Hand.
Komm tanze mit mir im Traum einen Tango – ich will Leben spüren, hier ist alles so frostig. Fahr mit mir nach Andalusien. Schwarze Tuschzeichen sammeln sich auf Chinarot und im Rhythmus des Tango lebt wieder mein Blut.
Vielleicht mein Freund sollte ich die Seile abbauen, mich auf Wanderschaft begeben und nach einem passenderem Platz Ausschau halten.
Auf dem Seil bin ich sicher, und aufhängen kann ich es überall. Ich sehe ein kleines Mädchen mit rotem Sonnenschirm. Es tänzelt durch den Regen – ich liebe diese Tuschezeichnung des Malers Zeng Mi – leicht sieht es aus, doch der Weg, der sich durch graue Häuserschluchten mit blicklosen Augenfenstern schlängelt, führt ins Nichts.
Abgründiges, im Nebel versunken ist noch nicht auszuloten. Manche Gemälde vergisst man nie, dieses begegnet mir sogar im Traum. Wenn ich es im Museum betrachte, ist es, als würde ich eine alten Freundin treffen – eine von der Sorte, die man nur in großen Abständen sieht – und immer ist da gleich die Nähe und die verflossene Zeit hat nichts verändert – genauso geht es mir mit diesem Bild.

Schlaf gut – lass uns gemeinsam traumtanzen, Aurora

Meine Hauptfiguren und ich 3

Auch eine, die aufgebrochen ist und nicht zurück geschaut hat, die weiße Riesin.
Manchmal darf man nicht zurück schauen, weil der Schmerz des Abschiednehmens zu groß wäre und  – Mann oder Frau- daran hindern könnte, ihren Weg weiter zu verfolgen.

In mir ist  scheinbar eine Vagabundin zuhause, denn viele meiner Protagonisten gehen auf Wanderschaft.
Nur  Adam Winterbill bleibt als ruhender Gegenpol an seinem angestammten Platz, stets ein sicherer Hafen, der von den Suchenden der Welt angesteuert werden kann und dem man seine Geschichten anvertrauen und zu Füßen legen kann. Er ist verschwiegen.
Und ich bin auch wie Adam, verwurzelt an einem Ort. Wie kann das sein?
Nun, der Geist ist beweglich und die Gedanken sind ständig unterwegs. Niemand kann ihnen Einhalt gebieten oder sie einfangen. Und der Fantasie wachsen Flügel. Es gibt keinen Ort, an den sie nicht fliegen können.

Auch das kunterbunte Haus steht nicht still. Es hat Räder und kann sich fortbewegen.