Nicht nur der Tag stirbt

Langsam zerlegt sich das Jahr
entkleidet Baum und Strauch
Schleier heben sich
Strukturen schälen sich heraus
Zurück geworfen auf sich selbst
der Erde nah, den Vollmond im Blick
kehrt alles SEIN zum Ursprung zurück
träumt Leben in den Winter sich
eingehüllt in gewichtige Worte
verblasste Farben, eine melancholische Melodie
den Duft von Apfelsinen
die Essenz der Dinge, den Grund
Sicher, dass beizeiten
das Neue kraftvoll geboren wird

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Widerstehen

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Im Traum nahmst du meine Hand, drehtest sie langsam und vorsichtig um. Unendlich sanft streiften deine Lippen meine Handinnenfläche. Da war Hingabe an diesen Moment, der sich in die Unendlichkeit dehnte, bevor dein Blick sich hob und den meinen traf. Auf deine Stimme war ich nicht gefasst. Sie traf das Ohr, und eine Seite , die ich bisher nicht gekannt hatte, vibrierte in mir.
Eine Erschütterung, die mich beinahe wanken ließ. Aber ich war stolz und willensstark, und so straffte ich meine Schultern, richtete mich auf, bog mich gerade, füllte mich mit Präsenz und widerstand dem Reiz deiner veilchenblauen Augen.

Ich baute eine innere Mauer, hinter der ich mich versteckte und weinte.

Ein verlorener Traum

(für Gertrud Trenkelbachs Handtasche)

Sie hatte den Traum in ihre Handtasche gepackt, zwischen Federmäppchen, Notizblock und Smartphone und schließlich den Reißverschluss entschieden und ruppig zu gezogen. Der Traum sollte nicht verloren gehen, sie für diesen Moment aber auch nicht weiter belästigen.
Sie fragte sich gerade, ob der Duft ihres Lieblingsparfums auf ihn abfärben könnte?
Vielleicht hätte sie ihn besser doch gleich ins Notizbuch genagelt, denn so weggeschlossen und abgelegt, wollte er sich partout nicht erinnern lassen. Nur im Inneren der schwarzen Tasche aus weichem Leder tobte der Traum zwischen tausend Dingen mit Papiertüchern und einem roten Lippenstift, dem die Kappe entwichen war, um seinen Platz.
Einstweilen dachte die Frau an andere Dinge. Träume sind letztlich nur Schäume.
Woher aber kamen nur die nadelfeinen Dornen, die in ihre Gedanken pieksten, als sei da eine unsichtbare Hecke, die sie zu durchdringen hätte?

 

Ob Ilses kleine Kellerfee den Traum vielleicht gefunden hat? Dann wäre er ja gerettet worden.

 

Hosentaschentraum

für die Hosentasche von Orangeblau

 

Der vergesseneTraum regte sich in der Hosentasche, in die der Träumer ihn am Morgen  gedankenverloren gesteckt hatte.
Es gefiel dem Traum gar nicht, so verborgen zu sein. Ja, es sei geradezu eine Frechheit, schimpfte er bei sich, ihn so zu ignorieren. Wer war er denn, dass man ihn behandelte, als sei er ein Kaugummipapierchen, für das man keinen Abfalleimer gefunden hatte?
Ganz kribbelig wurde dem Traum, und so begann er durch den Stoff der Hose ein bisschen zu pieksen.
Der Träumer war mit anderen Dingen beschäftigt. Gerade suchte er in der großen Stadt einen Parkplatz für sein Auto. Sieben Runden um die Altstadt war er schon abgefahren. Ohne Erfolg. Er schaute auf die Uhr und fluchte laut. Er würde zu spät zum Termin erscheinen. Im Geist sah er schon das Gesicht seines Chefs vor sich und dessen missbilligenden Blick. Ganz heiß und ungemütlich wurde ihm bei diesem Gedanken.
Der vergessene Traum piekste nun ein bisschen mehr, um zum Träumer vorzudringen.
Aber der war viel zu laut mit seinen zornigen Gedanken beschäftigt.

Schließlich gab der  Traum auf und legte sich nicht ohne Schadenfreude gemütlich zurück. Ach hätte der Träumer doch nur auf ihn gehört und seine Botschaft verstanden. Dann wäre er nicht mit dem Auto sondern mit der Bahn zur Arbeit gefahren und hätte sich so eine Menge Ärger erspart.

NACH DEM WASCHTAG

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Wie frischgewaschen der Tag
ausgewrungen und glatt gepustet
sauber, weiß und glänzend
Schneeduft trägt er von fern
eine Sehnsucht nach Unschuld
und weißem Papier, noch unbeschrieben
Hab an dich gedacht heut Nacht
und Frieden gemacht mit dir
zwischen den Träumen der Nacht
die leicht waren, tänzelnd und licht
so, wie der Frühling selbst
der schon Spuren streut:
Krokusse, Osterglocken
Wolken in Bäumen, weiß und gelb
und ein Zipfel vom Blau
das sich dem Kreidehimmel schenkt
Kurz blitzt die Sonne auf
liebkost die Wiese
schilpende Spatzen und gurrende Tauben

Zu den Sternen

Wölfin, wirst du bei mir bleiben, wenn die Sterne an Macht gewinnen, ich ihnen entgegen strebe und der Erde entfliehe? Dein warmes, wildes Fell soll mir Halt sein. Die Gedanken sind meine Flügel und die Fantasie schmückt mich mit bunten Federn. Das Herz ist der Motor und der Geist Antrieb und Motivation.
Wohin auch immer – weit, weit über den Horizont hinaus. Das Land hinter den Sternen wird mich Fülle erinnern lassen und mir die Rückseite des Mondes zeigen.

Die Sterne hatten wieder an Macht gewonnen, denn es war Winter und  der nächtliche Frost kleidete die Welt in Glitzern, ein blaues Glitzern, das dem Tag etwas Unwirkliches, etwas Unwirtliches verlieh und dennoch an Anziehungskraft stetig gewann. Immer schon hatte sie die Schwerkraft der Erde überwinden wollen, um den darüber liegenden unendlichen Raum erobern zu können.  Ein Frösteln wanderte über die Haut und die Sehnsucht nach einem warmen Fell, das nach wildem Tier roch und Wärme ausstrahlte, erinnerte sie daran, dass sie noch hier bleiben musste.
Den Traum hatte sie nicht vergessen. In ihm wanderte sie in einem sterbenden Wald über Schnee und Eis. Sie suchte etwas, jenseits dieser kalten Welt mit ihren todbringenden Gefahren. Als sie daran  fast verzweifelte, weil sie glaubte, sich verirrt zu haben, da war die weiße Wölfin neben ihr an der rechten Seite und leitete sie auf den richtigen Weg zurück. Und ein schwarzer Rabe flog auf ihre linke Schulter und krächzte ihr Mut zu.
Es war nur ein Traum, aber einer, der so dicht und lebendig war, dass sie die Tiere intensiv bei sich spürte, das Gewicht des Raben auf der Schulter wahrnahm. Eine Feder kitzelte ihr Ohr. Und der Wolf ging so dicht neben ihr, dass sie seine Wärme spürte und den Raubtiergeruch in der Nase hatte. Kleine Atemwolken entließen Mund und Schnauze. Gleichzeitig wusste sie, dass diese Tiere ihre Kameraden waren, nicht ihre Feinde, die immer dann da sein würden, wenn sie ihrer Hilfe bedurfte. Wie jetzt.
So rief sie nach ihnen, sang das Wolfslied, rollte tiefe Töne aus ihrer Kehle heraus, zischte in den Wind und summte ein Wiegenlied in den Tag. Und da waren sie. Lichte Gesellen, die sie auf die Erde zurück holten und den hinauseilenden, flüchtenden Gedanken, mit denen sie davon stieben wollte, Einhalt geboten.
Jetzt war Jetzt, jede Sekunde eine Herausforderung, die sie annehmen konnte, was auch immer der Tag in seiner eisigen Schönheit noch bringen würde. Die Sterne würden warten müssen, denn die Zeit war noch nicht reif.

Erde, meine Mutter

„Erde,“ flüsterte ich,
„berge mich in deiner Mitte,
damit ich träumen kann.“
Und die Erde nahm mich in ihre Mitte
dorthin wo es warm ist und feucht
wo alles keimt und wächst
wenn die Zeit reif und der Schlaf vorüber ist
Und ich kuschelte mich in die mütterliche Erde
schloss die Augen und träumte von dem
was im Nebel der Zeit noch darauf wartet
getan zu werden.
Ein Rinnen war in der Erde
ein Flüstern und Raunen
und das Lied allen Lebens
Ich schlief wie ein Kind,
dem die Mutter ein Wiegenlied singt

Sommerpause

Wie Blei die Nacht im Traum sich fand und dunkelschwer dem Morgenlicht entgegen trat, so hat der Wind mit seiner Kraft nicht nur die Wolken weggeschoben. Er hat den Kopf mir frei gepustet und alles Schwere weggeblasen. Nun taumelt es in mir und flattert wie ein Schmetterling, der sich an jeder Blüte Duft berauscht und dankbar ihren Nektar kostet. Und auch im tiefen, roten Ozean die kleinen Fische, sie schwänzeln schwärmend Frische durch die Venen.
Der Sommer ist noch nicht zu Ende. Erwartungsfroh will ich geduldig auf das Reifen warten, das nicht vollendet ist in Wald und Flur und Wiese. Der Sommer, er ist groß und seine Zeit ist jetzt, und ich bin mittendrin in seinem Schatten.

In den Gärten am Meer….2

Mit dem Wind davon getragen

Marie wusste nicht wie es geschehen war. In einem lichten Moment, in dem sie auftauchte wie aus der Ewigkeit einer tiefen, stillen und mondlosen Nacht, sah sie sich selbst ausgebreitet und weißgewandet auf einem seltsamen Bett. Da waren Kabel, die aus ihrem Körper heraus zu flackernden Monitoren führten. Sie spürte ihren Körper nicht. Die Augen der Frau auf der Liege waren geöffnet. Der leere Blick schien durch die Wände hindurch zu sehen. Vielleicht zum anderen Teil ihrer selbst, der von oben alles sah, auch dass Claire den Raum betrat und einen Duft nach Rosen, Sommer und Wind mitbrachte. Claire, die treue Freundin, die schon so lange, wie lange überhaupt, an ihrem Bett saß, ihre Hand nahm und mit einer Stimme erzählte, deren Worte sie nicht verstand, aber die sie in tiefen Schichten berührte, und ihr Wärme und Nähe schenkte. War es dieser scheinbar bewusst wahrgenommene Moment, indem ein starker Wind sie in seine Arme nahm und zu den Gärten jenseits der Meere trug? Wieder saß sie mit wehenden haaren auf der blauen Bank am Teich, lauschte den Möwen und roch das Meer. Seit dem letzten Mal musste Zeit vergangen sein, denn die Luft war warm und alle Rosen blühten. Der Apfelbaum trug tischtennisgroße grüne Früchte. Rote Johannisbeeren lockten und erinnerten an den Gelee den ihre Mutter früher im Sommer ihrer Kindheit aus ihnen bereitete, und der auf frischgebackenen Milchbrot so wunderbar schmeckte. Marie wollte nach ihnen greifen, aber bevor sie die Früchte berühren konnte, trug der Wind sie zurück in ihre traumlose Nacht.