Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon

Else Lasker-Schüler

Heute Morgen musste ich mal wieder in Gedichten stöbern.

Und noch mehr Gewebe

diesmal von einem Meister der sprachlichen Teppichweberei, Wilhelm Fink, er schrieb es 2005 in MARIE´S Logbuch:

Bei den Zeltmachern stehen

Oder den Teppichknüpferinnen zuschauen. Wie fest sie die Fäden zurren. Dir ist es ein über-die-Ufertreten: da ist gar kein Bildrand mehr, aus Flor und Farbe webt sich die Welt. Die Araber haben ein Sprichwort, so lebens-nah und lebens-hart: Die Teppiche mit den kurzen Fäden sind immer die besten. Überschuß, Knall und Davonfliegen: Wehe, wer ins Vibrato gerät! Wer ins Schwingen, ins Hochschaukeln kommt, dem geht die Welt als Unfertiges auf, das sich in Spirale, Drehung, Ausstülpung formt als Leistung der Zelle, die in Regelkreis-Rückmeldung wächst, weil in ihr die Information aller anderen Zellen, also des Universums, sitzt. Ich höre gern das Auf und Ab im girlandenhaften Sprechen: Ein Parlando, so bewegt wie über dir die Weinreben, wenn du im Süden draußen den Schoppen trinkst. Draht ist gespannt, mit kleinen bunten Lampen, hoch über den Tanzenden: Ein schwingendes Leuchten. Die Stimmen sind anziehend, den Duktus gibt ihnen der Tanz. Worte und Sätze mit einem Bogen, immer neu das Verebben der Welle, die Atem schöpft. Nietzsche sprach von der Energie des Zeichens. Was wir aufgreifen, was wir verstehen: – und kühn in immer entfernteren Kreisen noch weiter ausführen wie einen furchtsamen Hund: bis hin ans graue, gestaltlose Meer: es ist uns ein Staunen. Zauber, auch auf weißen Papier. Knisterndes Lyrikheft – oder die alte Banknote, sie glänzt schon vom Daumenfett. Das Gedruckte hat Kraft. Lassofang glücklicher Energie in kleinen Schüben. Freude am Phänomen. Hundert EURO oder was bizarr im Texte ist: etwas, das man außer der Reihe empfängt und ausgibt, nicht bedächtig, sondern im Sprung, – im Hüpftanz und seiltänzerisch.

Marie´s Freundin ließ sich inspirieren und antwortete im Logbuch;

Textilien? Fäden? Labyrinth? Ariadne? Da war doch noch was !

Komm MARIE, deine innere Stimme ruft:
„Erinnerst du dich noch? Weißt du noch, wie wir bei den Teppichweberinnen waren? Du hast über die vielen flinken Fäden in gewürzbunten Farben gestaunt, konntest es kaum fassen, wie die Schiffchen gehüpft sind, flink, agil – kaum dem Auge sichtbar.

Geschickte braune Finger tanzten mit den Fäden. Und sie lachten, die Weberinnen, während die Finger von ganz alleine die Muster wirkten, und sie sangen laute, fröhliche Lieder, obwohl sie arm waren. Ihre Schätze lagen in der Fröhlichkeit, mit der ihnen die Arbeit von der Hand ging.

Ihr Geist war frei, frei zu fliegen, wohin immer er wollte, und davon handelten die Lieder: von der Schönheit des Meeres und den springenden Delphinen, die sie selbst nie gesehen hatten. Sie sangen von den riesigen Fischschwärmen, die im blauen Ozean um ihr Überleben kämpften.
Auch sangen sie von den höchsten Gebirgen, von Yeti, von Wölfen, von Eis, Schnee und Frost, der in die Glieder kroch. Von Sonnenaufgängen über einem spiegelglattem Meer, von Orkanen, Stürmen und Sirenengesang, der die Fischer betört, und von Neptun, der mit der Weltenschlange kämpft.
Sie sangen von Liebe und Sehnsucht und von den Hoffnungen ihrer Kinder, die irgendwann gezeugt, einmal leben würden. Hoffentlich besser, das wünschten sie schon!

Ihre Fantasie spiegelte sich in den Mustern auf ihren Teppichen. All ihre Hoffnung und Wünsche , die Vergangenheit und die Zukunft webten sie hinein.
Eigentlich, wenn man es genau nimmt, ist ein solcher Teppich unbezahlbar.

Mit großen braunen Augen sahen sie dein Staunen, Herzwärme vermittelte sich dir. Sie sahen etwas, was du damals noch nicht sehen konntest, denn es wartete noch schlummernd an der übernächsten Ecke.
Und sie gaben dir etwas! Ich bin sicher, du hast es bei dir. Im Boot wirst du es finden.

Sie gaben dir deinen Ariadnefaden – blutrot, lang, reißfest und seidig.“(Findevogel)

Sprachteppiche

Dies schrieb ich für A. es könnte aber auch an Gertrud Trenkelbach geschrieben sein.

Geschichten, Schwester, wir sind Geschichtenerzählerinnen. Unser Thron ist ein Schaukelstuhl vor dem Kamin, manchmal auch der Poller am Kai oder die grüne Tonne vor dem Haus.
Märchen erzählen wir nicht, nur manchmal, wenn es Nacht wird und draußen um das Haus herum die Winde schleichen.
Das Leben hat Sprachteppiche in uns gewebt. Der Faden mal fein, mal grob gesponnen, weich  aufgebauscht, fest verzwirnt oder genoppt – Sackleinen, Kartoffelsäcke, Samt und Seide oder roter Tüll – wir sehen die Muster, erkennen Zusammenhänge, entschlüsseln, finden in uns selbst ein zuhause.
Die Teppiche sind noch nicht fertig gewebt. Ob die Muster sich noch ändern werden?

In einem großen, leeren Raum mit weißen Wänden hängen wir die Sprachteppiche nebeneinander:
Kontraste, Ergänzung, Dialog!
Ein Lied entsteht und füllt mit seinem Klang den Raum, der zum Leben erwacht und Geschichten preis gibt, die sich einweben in andere Teppiche.