Selbstbildnis 9

Heckenleben

Mich hat die Hecke geschlagen. Schon lange beschäftige ich mit dem Begriff “Hecke”, rein gedanklich, bildlich: die Hecke als Lebensraum, als Ab-und Eingrenzung, als Barriere nach draußen, die Hecke im Märchen, wie Dornröschen. Immer hatte ich dabei das Gefühl, der Begriff in seiner Bildhaftigkeit hat eine besondere Bedeutung für mein Leben. Ich nannte mich Dornrosis, schrieb Heckengeschichten, wie “Dornrosis und die Hecken”. Jetzt plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen: es gibt sie, die tatsächliche Hecke um den Garten meines Elternhauses herum, und sie ist, wie mir gerade deutlich geworden ist, ein psychologisches Symbol für die Struktur meiner Familie. Im Augenblick ist sie Zankapfel im Umgang mit den Nachbarn, aber auch zwischen uns Geschwistern. Was äußerlich beinahe wie eine Bagatelle erscheint, hat tiefgründige Wurzeln und führt bei genauerer Betrachtung weit in die Geschichte der Familie zurück. Ich werde erzählen!

20. Januar, am Morgen

Vertraut mir, der Baum im Feld
der Struktur zeigt in Wintertagen
Mein Freund der Baum
der ausharrt und sich fügt

Will ablegen, was Ballast ist
und mich versteckt
will zeigen, was und wer ich bin
mit kühlem Kopf schauen
und schweigend lauschen
Mich ducken unter dem Frost
und nach innen zurück ziehen
dorthin, wo ewige Rosengärten duften
und das Herz leise klopft
geduldig wartend
bis wieder wärmere Winde wehen