Der verletzte Ton

Der Ton war gekränkt und verletzt.
Wie hatte man ihm das nur antun können. Tief ins Innere des Körpers hatte er sich zurückgezogen und eng zusammen gerollt. Niemand sollte ihn mehr finden, jedenfalls nicht heute.
Die Lust, sich unter die anderen Töne zu mischen, um sich mit ihnen zur Melodie zu formieren, war ihm im Augenblick vergangen. Wie hatte man ihn nur so missverstehen können? Er verstand es einfach nicht.
Dicke Tränen kullerten ihm über seine Wangen.
Was war er eigentlich?
Er hatte eine konkrete Vorstellung von sich. Offensichtlich aber sahen die anderen an ihm etwas ganz anderes, etwas, mit dem er sich nicht identifizieren konnte. Die großen Pläne waren zusammengefallen, wie ein Kartenhaus aus Nieten. Nichts war mehr wie es für ihn sein sollte.
So gern hätte er einmal nur auf der Bühne stehen und den Ton angeben wollen. Das wollten die anderen doch auch, und sie nahmen sich dieses Recht einfach heraus.
Vielleicht hätte er nicht erst fragen sollen. Er war aber nun einmal wie er war, immer vorsichtig und etwas zaghaft.
Schließlich hatte er nicht vor, einen Konflikt zu provozieren oder jemanden zu verletzen. Ihm lag viel an Harmonie, besonders in der Melodie eines Liedes.
Aus Erfahrung wusste er, wie es verletzten Tönen geht. Sie klangen schief und schräg und waren so für ansprechende Melodien nicht mehr zu gebrauchen. Niemand wollte Missklänge hören.
Es tat so weh, ausgegrenzt zu werden. Das  Fundament unter seinen Füßen verschwand und er fiel in einen bodenlosen Abgrund.
Schüchtern hatte er an die Türen der anderen Töne angeklopft und gefragt:
„Darf ich heute mal den Ton angeben?“
Ausgelacht hatten sie ihn:
„Du, willst den Ton angeben? Ausgerechnet du? Es gelingt dir ja nicht einmal, einen Ton zu halten. Wie willst du da die anderen zum Einstimmen bringen?“
Da hatte der Ton sich umgedreht und war schweigend gegangen.
Und jetzt saß er versteckt in einer geheimen Nische des Körpers und wollte für heute nicht mehr gefunden werden.

HERZ-NOTES(4)

„Komm!“ sprach die Stimme in mir laut.

So folgte ich dem Klang bis zum Grunde meiner Seele, dorthin, wo in den wilden Gärten unter dem Meer sein Echo nur noch flüstert. Farbig wuchert es, wohin der Blick auch fällt.
Zwischen exotische Gewächse pflanze ich Herzsteine, gieße sie mit meinen Tränen und vergrabe unter dem Seegras einen goldenen Schlüssel.
Zärtlich streifen Seepferdchen meine Fesseln. Das Meer nimmt mich mit und wiegt mich in den Traum.
Zwischen Ebbe und Flut wachsen mir Kiemen. Aus Beinen und Armen werden starke Flossen. Mit einem Schwarm kleiner Fische schwimme ich weit hinaus in die blaue Unendlichkeit.
Zu Algen kräuseln sich die Haare, treiben wie ein goldener Schleier auf dem Wasser.
Am Ende der Nacht singe ich mich  mit den Walen zurück in den Tag.
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Langsam, ganz langsam verebbt deine Stimme in den innerer Räume.

Vom Klingen

Es singt ein Lied in meinem Ohr. Wo kommt es her? Hatt der Wind einen Klang vom Meer zu mir her getragen? Etwas vom Brausen der Gezeiten liegt darin. Aber noch mehr:
ein Stimme mischt sich hinein – vertraut und doch fern. Sie kommt wohl aus alten Zeiten, mit einem Hauch von Märchen und Träumen darin.
Die Stimme, das Meer; mit den Wolken gesegelt mein gesprochenes Wort, das ein Lied daraus wirkt.
Und du singst die zweite Stimme dazu:
sie trägt das Wispern der Bäume und Mädchenlachen; den Schmerz und die Angst, die in tiefen Gräbern wohnt.

Prägung 1

Ich warte
auf ein Zeichen einen Ton
Deine Stimme und du
ihr geht getrennte Wege
Die Färbung der Stimme noch im Ohr
verlor sich längst jede andere Spur
im Sand, am Meer, auf dem Grund
NEIN!
Nur dort, wo die Wogen alles glätten.
Ich singe den Namen
indem noch dein Klang schwingt
Er reist um die Welt
und kommt zurück als Melodie, verändert
ich werde ihren Grundton erkennen und wissen

Es war nicht wie immer.

Etwas hat sich verändert. Der Wind in den Bäumen säuselt nicht mehr. Vielleicht ist es die plötzliche Stille, die sich so merkwürdig bizarr über die Zeit gelegt hat und in der die Welt den Atem anhält.
In der Ruhe vor dem Sturm liegt Konzentration und Kraft, ein Spüren tief innen, dort wo zwei Flüsse sich im richtigen Augenblick genau an dieser besonderen Stelle treffen und verbinden, so als sei es ein Nachhausekommen. Zurück in die Wiege der Menschheit, als Paradiese noch nah waren und in der Nacht der Wind die Zwillingswiege schaukelte, während schlanke hohe Bäume ihre Silberblätter wie Sternenregen über dem Fluss ausschütteten.
Erst in diesem Augenblick des Zusammenfließens wird eine neue gewaltige Kraft geboren. Eine Energie, die fähig ist, die Welt mitzureißen, ihr den Stempel aufzudrücken – sie für lange Zeit zu verändern. In der Mitte kräuselt sich ein goldener Strudel, aus dem ein göttlicher Atem Klänge zaubert, deren Schwingung weit hinaus getragen wird in den Klangkörper der Welt. Da, wo das Zweistromland beginnt wachsen Seerosenblätter. Eine kleine Göttin sitzt darauf – versunken, im ihrem Schoß ein Korb mit sich ringelnden Schlangen. An ihre Lippen hält sie eine Flöte, bereit im richtigen Moment darauf zu spielen, den richtigen Ton zu treffen, um die Schlangen zu beschwören, auszuschwärmen, und ihre heilende Arbeit zu tun. Mit jedem Ton entstehen neue Räume , immer näher bei den heilenden Quellen. (findevogel 2008)

Danke Funkenflug!
Ohne Begegnung und Austausch mit dir über viele Jahre, wäre ein solcher Text nicht entstanden. Vielleicht erreicht dich eines meiner neuen Lieder dort, wo du jetzt bist, außerhalb der irdischen Welt.