Ein nächtlicher Traum

„Was für ein merkwürdiger Traum.“ denkt Frau Lillac, während Traumfetzen an ihrem inneren Auge vorbei düsen. Sie spürt noch das großartige Gefühl innerer Befreiung, als das Himmelsleuchten am Ende des Traumes in jede Pore ihrer Haut eingedrungen war und sie mit Licht und Liebe bis zum Rand ausgefüllt hatte, bis sie selbst zu leuchten begann. Rundum erneuert, als hätte eine höhere Macht ihren Körper recycelt, so frisch fühlte sie sich beim Aufwachen. Und sie hörte noch die warme, wohltuende Stimme , die in ihr Ohr flüsterte, während ein warmer Wind sie sanft streichelte:
„Ausreisen, du wirst ausreisen.“ prophezeite die Stimme.
Frau Lillac kostet diesen Satz. Er schmeckt süß und hat im Abgang etwas Bitteres.
„Wohin soll ich denn ausreisen? Was meint die Stimme?
Plötzlich denkt sie an MARIE, ihre Freundin aus Kindertagen. An einem Morgen hat diese die Haustüre hinter sich geschlossen, ist zum Hafen gegangen und mit einem Fischerboot aufs Meer hinausgeschwommen. Sie folgte einer Traumstimme, die sie zu einer fernen Insel und einer besonderen Aufgabe schickte. MARIE blieb lange verschollen. Monate später fand FrauLillac sie in der städtischen Klinik wieder. MARIE lag im Koma, aus dem sie als eine Veränderte erwachte. Nie erzählte sie von ihren Erlebnissen auf der Insel, aber eine Weisheit strahlte von ihr aus, die jeden in seine Tiefe zu führen vermochte, der ihr begegnete. Sie sei nicht mehr von dieser Welt, hatten einige Bekannte gemeint.
„Wenn jemand seinem ganz eigenen Weg geht und gegen den Strom schwimmt, wird dieser Jemand nicht immer ein Stück weit sonderbar wirken?“ fragt sich Frau Lillac und springt aus dem Bett.
Die gewohnten Gedankengebäude zu verlassen, über den Tellerrand zu hüpfen wäre eine Art Ausreise für sie. Wolte sie das nicht schon lange?

September, bitter-süß

Nächte nagen die Tage an
legen einen  Marienmantel über den Abend
Hier und da ein erstes rotes Blatt
am wilden Wein im Heckengebüsch
süße Essenz fruchtiger Reife
der Becher bis zur Neige ausgetrunken
Es bleiben deine Worte
gestapelt und versteckt in allen Ecken
wollen von mir gefunden werden
um das Blut aufzuwirbeln
 und Funken durch die Gedanken zu blitzen
So bleibst du gegenwärtig
während deine Stimme langsam verblasst

und meine wieder Worte findet

 

Selbstbildnis 5

Die Stimme von einer Band, deren Namen ich nicht kenne, aber mein Mann, der ist aber gerade nicht da. Also kann ich ihn nicht fragen. (Ich hole das nach, versprochen!)
Er, mein Göttergatte, hörte die Musik heute Nachmittag, als ich von der Arbeit nach Hause kam und eine kreative Pause am Computer einlegte. Merkwürdige Musik für einen grauen, verregneten Nachmittag mitten im Sommer. Soweit ich mich erinnere, kommt die Stimme mitsamt der Band aus Island.Ich sah schon mal den dazugehörigen Film. Besonderheit: eine Gitarre, die mit einem Geigenbogen gespielt wird.
Spontan hatte ich folgende Assoziationen, die ich auch sogleich notierte, ja, es war mir ein echtes Bedürfnis, den Versuch zu unternehmen, mit Worten eine Stimme zu beschreiben:
Wie kalt es sein muss im Schneeköniginnenpalast. Gänsehaut! Die Stimme ist dünn und glassplitterklar. Von einem körperlosen Wesen könnte sie stammen. Stimme und Körper bringe ich nicht zusammen. Frost, der sich langsam auf allem Lebendigen ausbreitet, sich einbrennt, Lebensenergie saugt und konsequenterweise alles Lebendige zu verschlingen weiß. Die Stimme ist gespenstig, nicht von dieser Welt. Immer spitzer wird ihr Klang – Eiskristalle, Glassplitter, Elfenglöckchen mit einem Nachgang von sibirischen Schlittenhundengeläute – bis er nach und nach, es dauert eine Ewigkeit, erstirbt – und vor meinem inneren Auge ein Friedhof im Schnee mit verfallenen Holzkreuzen auftaucht. Die Totenglocken sind schon vor langer Zeit verklungen. Hier herrscht Totenstille und eine schmerzhafte Traurigkeit.
Ich frage mich, warum ich so fasziniert bin von dieser Stimme, diesen Klängen und der körperlosen Traurigkeit, die ich eher spüre als höre, frage mich, was berührt wird in mir, welche Seite da zum Klingen gezupft wird?
Ich weiß von meinem inneren Friedhof mit den verlassenen Gräbern, den ich nur ab und zu besuche, um nicht zu vergessen, dass ich aus Erde gemacht bin und zur Erde zurück kehren werde. Vielleicht liegt darin der Schlüssel zu meinem Berührtsein. Ich fühle mich hingezogen und abgestoßen zugleich.
das Album „Inni“ von Sigur Ros

Miß-Verhältnis

Er war ihr Turm, der sichere Hafen, ein Fels in der Brandung. Sie wollte es so, damals, fühlte sich selbst so klein und schwach. Der Turm war groß, schön, stark. Sie knipste ein Bild von ihm und hielt daran fest. So sollte es bleiben für immer und ewig, mindestens ein Leben lang. Sie merkte nicht, wie sie wuchs und wuchs, erstarkte, wie ein Baum mit Verästelungen, die den Turm umschlangen, ihn einengten, begrenzten, hielten. Hinter dem Netz aus  Lianen bröckelte der Putz. Sie kittete hier, stabilisierte da, goss Lebensenergie ins Fundament. Doch er wankte. In tausend Stücke zerbrach der Turm. Fast zu spät zog sie ihre Fangarme zurück. Sie torkelte, verlor den Boden unter den Füßen für eine Weile.

Die Arme, die sich sehnten zu umfangen, zu stützen und zu halten, blieben leer und in die Leere der Tage nahm Stille Platz. Einatmen, ausatmen, nichts, lange nichts.

Während sie sich selbst umfing, und sich der nährenden Stille anvertraute, bis das Draußen wieder an ihre Ohren drang, sie den Wind spürte, die Sonne, den Alltagslärm hörte und ihre eigenen Wort, die aus der Stille wuchsen.

Es waren die Worte, die erlaubten, die Bruchstücke aufzusammeln und neu zusammen zu setzen, bis der Turm wieder stand- nicht mehr so stark, alt geworden, mit Rissen und Rillen- Abstand haltend, sich selbst liebkosend, wieder bewusst der eigenen Kraft. Frei!

Der entschwundene Ton 1

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Plötzlich, mitten im Lied, ist er entgeistert davon geflogen, panisch. Der Ton war zu schrill. Ihm war zumute, als sei in seinem Lieblingsinstrument, der Geige, eine Seite gesprungen. Er setzte sich zwischen die Stare auf der Stromüberlandleitung. Furchtbar, dieses Pfeiffen im Ohr. Die Stare versammelten sich, um gen Süden zu fliegen. Wenn die Stimme, aus der er erklungen war, so dachte der Ton, so unvorsichtig mit ihm umging, wollte er sich lieber eine andere Stimme suchen. Warum, nicht einfach mitfliegen mit den Staren?.Hier hielt ihn nichts mehr. Zum Glück ließ das schrille Pfeiffen im Ohr  langsam nach und die Energie kehrte zu ihm zurück.

Spurensuche, Claire sucht Marie

Tag 1

Liebe Marie,

ich werde mich in deine Wohnung begeben. Dort mitten im Wintergarten findet sich die Hängematte. Oft haben wir zusammen darin gelegen – Seite an Seite. Wir haben uns aufregende und fantastische Geschichten  erzählt von warmen fernen Ländern, von Flaschengeistern, Wassernixen und Korallenriffen. Unsere Haare vermischten sich, während wir flüsternd kicherten. Manchmal döste ich ein, und du wecktest mich mit Kaffee und diesem besonderen Gebäck. Weißt du noch, viel Schokolade war darin und ein Hauch von Orange.

Wir hatten Zeit. Uns gehörte noch die ganze Welt, und wir waren unzertrennlich. Zwischen uns gab es kein Geheimnis. Mit leuchtenden  Kerzen und leiser Musik läuteten wir den Abend ein, feierten den Tag. Manchmal blieb ich bis morgens – schlief in der Hängematte. Inselträume zogen wie Karawanen durch meine Nacht. Und immer – bevor ich einschlief – streicheltest du mich sanft, so wie nur eine Freundin es kann – Ersatz für eine Mutter, die ich nie gekannt hatte – und du hast vorgelesen. Deine Stimme klingt immer noch in meinen Ohren. Wusstest du damals schon, dass etwas besonderes auf dich wartet?

Ich will dich finden, Claire

Meine Stimme und ich

Eigentlich sind wir uns immer einig, meine Stimme und ich,  aber in den letzten zwei Wochen hat sie mich aufgrund eines heftigen Infekts buchstäblich im Stich gelassen, mitten im Chorwochenende, nachdem wir gerade begonnen hatten, uns im Obertonsingen zu üben. Zwei Wochen, so lange hat das noch nie gedauert. Gestern übte ich mich mal wieder, wollte Mari Boine stimmlich begleiten.- das WORThaus hatte einen Youtube-Link eingestellt – und nur ein raues Krächzen kam aus meiner Kehle. Traurig! Aber heute ist sie endlich wieder da: klar und kraftvoll!
Plötzlich, ich staubsaugte gerade, stöpselte sich der Stecker aus der Steckdose und ich fluchte laut, weil mir das öfter passiert und ich eigentlich wissen müsste, dass….. Und siehe da, nichts mehr mit kraftlos und krächzend.
Ich ließ dann gleich mal einen Freudengesang in allen verfügbaren Oktaven erschallen. Hoffentlich haben die Nachbarn weg gehört. Es war so befreiend, und ich verspürte Lust, so bald wie möglich in meine Obstbaumoase – am Rande der Stadt, versteckt zwischen Schienenstrang, Feldern und Wäldchen- zu spazieren , um meine geliebten Bäume zu besingen und zu umarmen.
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Wenn die Stimme plötzlich streikt

dann denkt Frau nach: „warum versteckt sie sich? “ und entdeckt einen Dialog.
Das Erlebnis vor ein paar Tagen als die Stimme noch da war, da hätte sie reden können, aber sie hat nicht den Finger erhoben, sich nicht zu Wort gemeldet, nichts laut in Frage gestellt. Hätte sie reden sollen?
Es ist  nicht ihre Art sich vorschnell zu Wort zu melden. Sie weiß, einmal gefallene Worte kann niemand zurück holen. Sie stehen im Raum, den sie noch nicht vollständig ermessen hat.
Sie mag sich nicht wichtig machen und kennt den Wert des Schweigens. So oft wird ihr viel zu viel gesagt und zerredet. Sie braucht kein Publikum, und  eine Masse von fremden Menschen, mit all ihrer Ausstrahlung, ist ihr viel zu groß.
Sie ist eine Stille und gehört zu jenen, die sich vorsichtig herantasten an Dinge, Prozesse und Menschen. Sie lässt sich Zeit, um zu lernen, mit wem sie sich da wortgewand auseinander setzen wird, möchte nicht vorschnell ein Urteil fällen. Da ist soviel anderes, was sie registriert, das ihre Aufmerksamkeit fordert: Die Atmosphäre, Spannungen, Dissonanzen, all das Nonverbale, dass durch den Raum schwirrt und ein Gespräch auf anderer Ebene miteinander führt.
Der Raum ist schrecklich: kalt, dunkel, ungemütlich, muffig. Ein feines Gespinnst negativer Energien aus Angst, Trauer, Wut, Stolz, Versagen, Scham und Ohnmacht hängt von der Decke herab und legt einen grauen Schleier über den Augenblick.
Darf  Frau hier lachen? Sie lacht ab und zu. aber, es bleibt ihr im Hals stecken.  Sie fürchtet, nach außen klinge es wie Hohngelächter.
Wie soll sie da sprechen mit zugeschnürter Kehle und dem Lachen, dass im Hals steckt, wie ein Trauerkloß?
Sie hätte reden können, tat es aber nicht.
Aber warum konnte sie nicht mehr singen, wo doch der Gesang verbindet, während Worte oft trenne?
Lauschen, sie sollte Lauschen und sich am Hörbaren freuen.

 

 

Der verletzte Ton

Der Ton war gekränkt und verletzt.
Wie hatte man ihm das nur antun können. Tief ins Innere des Körpers hatte er sich zurückgezogen und eng zusammen gerollt. Niemand sollte ihn mehr finden, jedenfalls nicht heute.
Die Lust, sich unter die anderen Töne zu mischen, um sich mit ihnen zur Melodie zu formieren, war ihm im Augenblick vergangen. Wie hatte man ihn nur so missverstehen können? Er verstand es einfach nicht.
Dicke Tränen kullerten ihm über seine Wangen.
Was war er eigentlich?
Er hatte eine konkrete Vorstellung von sich. Offensichtlich aber sahen die anderen an ihm etwas ganz anderes, etwas, mit dem er sich nicht identifizieren konnte. Die großen Pläne waren zusammengefallen, wie ein Kartenhaus aus Nieten. Nichts war mehr wie es für ihn sein sollte.
So gern hätte er einmal nur auf der Bühne stehen und den Ton angeben wollen. Das wollten die anderen doch auch, und sie nahmen sich dieses Recht einfach heraus.
Vielleicht hätte er nicht erst fragen sollen. Er war aber nun einmal wie er war, immer vorsichtig und etwas zaghaft.
Schließlich hatte er nicht vor, einen Konflikt zu provozieren oder jemanden zu verletzen. Ihm lag viel an Harmonie, besonders in der Melodie eines Liedes.
Aus Erfahrung wusste er, wie es verletzten Tönen geht. Sie klangen schief und schräg und waren so für ansprechende Melodien nicht mehr zu gebrauchen. Niemand wollte Missklänge hören.
Es tat so weh, ausgegrenzt zu werden. Das  Fundament unter seinen Füßen verschwand und er fiel in einen bodenlosen Abgrund.
Schüchtern hatte er an die Türen der anderen Töne angeklopft und gefragt:
„Darf ich heute mal den Ton angeben?“
Ausgelacht hatten sie ihn:
„Du, willst den Ton angeben? Ausgerechnet du? Es gelingt dir ja nicht einmal, einen Ton zu halten. Wie willst du da die anderen zum Einstimmen bringen?“
Da hatte der Ton sich umgedreht und war schweigend gegangen.
Und jetzt saß er versteckt in einer geheimen Nische des Körpers und wollte für heute nicht mehr gefunden werden.