SPURENSUCHE, CLAIRE SUCHT MARIE 8

Claire schreckt hoch. Schweißperlen stehen auf Stirn und der Nacken wird nass. Das Herz klopft so laut, dass sie unwillkürlich an ihre Brust fasst, als wolle sie verhindern, dass es seine Höhle verläßt. Sie zittert und ihr ist kalt. Was war nur gewesen? Sie muss sich beruhigen.
„Komm, Claire, beruhige dich“ , flüstert sie zu sich selbst, „du bist in Maries Wohnung, die Türen sind abgeschlossen. Du bist sicher!“
Regen trommelt gegen das Fenster. Claire zieht die Bettdecke bis zum Kinn hoch, traut sich aber nicht, die Augen zu schließen. Sie konzentriert  sich auf das gleichmäßige Geräusch des Regens und auf den eigenen Atem, der nach und nach ruhiger wird. 

„Es war nur ein Traum, nicht mehr.“ aber was wollte dieser Traum ihr sagen? Welche Botschaft enthielt er?
Claire bedient  den Lichtschalter. Es wird hell. Sie setzt sich auf, zieht  die Knie an den Bauch, umschlingt sie mit den Armen und beginnt zu weinen. Sie fühlt sich so allein, verlassen von allen, einsam. Warum nur, war Marie nicht da? Lear kam ihr in den Sinn. Lange hat sie nicht an den flüchtigen Augenblick dieser Begegnung gedacht.

Spurensuche, Claire sucht Marie (5)

Liebe Marie,

ich fühle mich so allein, von aller Welt verlassen. du, meine liebste Schwester, wann werde ich dich wieder sehen? Ich habe Angst. Um mich, um dich, um uns um das alles, was sich in eine Richtung verändert, die uns unwiderbringlich auseinander treiben könnte.  Zusammengekrümmt liege ich in deiner Hängematte, und endlich kann ich weinen. Die Tränen sind heiß und laufen über meine Wangen, sammeln sich in den Haaren und nässen das Kissen. Alles feucht und in mir weicht alles auf. Ich habe Angst, denn niemand versteht mich, so wie du es getan hast.
Ja, es gab diese kurze Begegnung mit Leander, aber das war nur ein dichter Augenblick, in der sich zwei Menschen trafen, die von gleicher Art zu sein schienen, eine Seelenverwandschaft vielleicht. Die Uhren gingen ander sin diesem Augenblick. Er und ich trafen uns an einem Kreuzpunkt und gingen in unterschiedliche Richtungen weiter …

Ich weiß nicht wo du bist, Marie – und Leander – wo bist du – seit ihr- jetzt unterwegs? Kommt ihr zurück? Lebt ihr überhaupt noch? Von aller Welt verlassen, hast auch du mich verlassen, Marie oder habe ich dich verlassen?
Es tut so weh. Im Radio Blues. Es passt zu meiner Stimmung. Gerade läuten die Glocken den Mittag ein. Ich werde ein wenig schlafen. Vielleicht geht es dann besser. Bitte Marie, pass auf dich auf.

Claire

Spurensuche, Claire sucht Marie (4)

Liebe Marie,

ich bringe es nicht fertig, diesen Brief zu lesen. Die Buchstaben tanzen vor meinen Augen. Er ist an dich gerichtet und wahrscheinlich sehr intim. Ich muss nach anderen Lösungen suchen. Der Morgen verrinnt. heute ist mein freier Tag. Was werde ich finden in deiner Wohnung? ach, da fällt mir ein, du hattest doch so eine sonderbare Freundin. hieß sie nicht Clarisse? Sie müßte in dieser Stadt leben. Vielleicht finde ich ihre Adresse. Die dünnen eng beschriebenen Bögen falte ich zusammen und lege sie ohne das Bild zurück in den Umschlag. das Foto nehme ich mit.

Draußen ist es warm, ein leichter wind bauscht die hellen Vorhänge. ich denke an dich, claire

 

Wo du wohl bist?

Spurensuche, Claire sucht Marie (3)

Tag 3

Liebe Marie,

ich habe gut geschlafen, durch das Fenster sah ich den Mond. Es war, als liege er voll und rund – orangerot – in einem unsichtbaren Liegestuhl zwischen den Wolken. Zwinkerte er mir zu?
Du hast ihn immer so gerne gehabt, den Mond. Wie oft haben wir abends zusammen nach ihm geschaut, ihn gesucht, uns Dialoge zwischen Mond und Sternen ausgedacht? Wenn wir zusammen waren, gehörte uns die Welt. Erwählte Schwestern waren wir einander. Wo bist du? Als ich IHN das erste mal sah und erlebte, wie eure Blicke sich ineinander verhakten und keiner vom anderen lassen konnte, da wurde mir im Bruchtal einer Sekunde klar, dass ein neues Zeitalter begann. Es schmerzte und heftige Eifersucht nagte mit  an mir – ich war zornig – hast du es gespürt?  Ich glaube nicht, und das ist auch gut so, denn du hattest kaum noch Zeit für mich. Nichts konnte mehr sein wie bisher.

Eines tages war er verschwunden. Eine Weile warst du wie irre, hast nichts mehr verstanden. Ich hatte Angst um dich -wie konntest du dich nur so verlieren?
Den zartblauen Brief halte ich in den Händen. Soll ich ihn lesen? Er ist von ihm, den du suchst?
Ich lasse mir Zeit, muss mich erst fassen.

unruhig, Claire