Selbstbildnis 15

Mit Bildern kann ich nicht dienen, so reihe ich Wort an Wort und übe mich darin, ein Bild zu schreiben, ihm Farbe zu geben von der Welt, wie ich sie sehe. Auch, um wie ein Foto den Augenblick festzuhalten, diesen einen in seiner alltäglichen Besonderheit.
Was mich reizt, im Alltag die kleinen Wunder zu finden, jeden Tag neu. So wie jetzt gerade, ich schaue hinaus, sehe die kleine Kohlmeise kopfunter in den Zweigen zwischen den letzten gelben Blättern des Apfelbaumes hangeln und nach Leckerbissen picken. Wie flink sie ist. Flugs, schon ist sie wieder weg.

Ein Augenblick lang

flüchtig, wie ein warmer Atemzug
wehte ich an dir vorbei
einen winzigen Augenblick lang
sah ich das neugierige Blinzeln in deinen Augen
erahnte die Art, wie du die Welt betrachtest
ein Spiegel für mich
dann lösten wir uns
strebten in entgegengesetzte Richtungen davon
und ich frage mich
was hast du gesehen in meinen Augen?

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NUANCEN VON GRAU

Die Dunkelheit hatte sich schnell im Haus ausgebreitet. Marie saß in ihrem Sessel, die Knie unter das Kinn gezogen und versuchte zu sehen. Die Dunkelheit ist nicht tiefschwarz, dachte sie bei sich, denn sie sah viele Nuancen von Grau. Je intensiver sie schaute, je mehr sich ihre Augen schärften, um so mehr sah sie: hier ein schüchternes Blau; dort ein vorwitziges Rot; Rahmen, die Bilder an den Wänden zusammenhielten, schälten sich aus dem Grau. Und noch mehr geschah: sie hörte viele kleine Geräusche, die sonst an ihrem Bewusstsein vorbei liefen: das Tröpfeln der Heizung; ein Auto, dass vor dem Nachbarhaus hielt; ein Hauch von Lachen aus der Welt draußen.

Nachtfarben

Die Dunkelheit breitet sich schnell aus im Haus. Marie sitzt in ihrem Sessel, die Knie unter das Kinn gezogen und versucht zu sehen. Die Dunkelheit ist nicht tiefschwarz, denkt sie bei sich, denn sie sieht viele Nuancen von Grau. Je intensiver sie schaut, je mehr sich ihre Augen schärfen, um so mehr sieht sie: hier ein schüchternes Blau; dort ein vorwitziges Rot; Rahmen, die Bilder an den Wänden zusammenhielten, schälen sich aus dem Grau. Ein suchender Scheinwerfer von draußen, der sich durch die weiße Gardine ins Haus hinein schmuggelt, um die Wände abzutasten und Schattenrisse zu werfen. Und noch mehr geschieht: Marie hört viele kleine Geräusche, die sonst an ihrem Bewusstsein vorbei laufenn: das Tröpfeln der Heizung; ein Auto, dass vor dem Nachbarhaus hält; ein Hauch von Lachen aus der Welt draußen, heiseres Husten, fern ein Hund der bellt, Musik, die plötzlich lauter wird und wieder verschwindet, Wind im Baum vor dem Haus. Die Vögel sind längst zur Ruh gegangen. Marie kuschelt sich ein in die Geborgenheit der Nacht. Hier ist sie sicher.