Auf Reisen

Und vielleicht sah der Weltenwanderer auf seinen Reisen auch den kleinen orangenen Fluss:

„Ich nehme den kleinen orangenen Fluss mit in meine Träume. Er erinnert mich an Apfelsinen und den Süden, in dem die Winde wärmer wehen. Mir fallen kleine mondförmige Bonbons ein, die ich im Dorfladen meiner Kindheit aus großen vielversprechenden und begehrten Gläsern geschenkt bekam. Sie schmeckten nach Zitrone oder Orange.Während ich mich erinnere, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Wie selig ich war und ganz und gar im Augenblick versunken. Alles war  Geschmack und ich, eingehüllt in eine süße Wolke.
Vielleicht wird der Fluss im Traum wachsen, ein orangeroter Limonadenfluss, der Zitronenduft verströmt und mich ins Schlaraffenland entführt. Ich habe Segel gesetzt, mich in deine schimmernde Brokatdecke gehüllt und einen roten Lampion an den Mast des fliegenden Bootes gehängt. Die Nacht darf mir Samt um die Schultern legen.“

Ich bin über den Horizont geflogen. Es ist alles gleich Grau. Die Nacht verschluckte alle Sterne . In den Ohren brandet der Gesang der Stille und flöst mir Angst ein. Ich friere. Die Brokatdecke schafft es nicht, mich zu wärmen und der kleine rote Lampion ist längst schön verlöscht. Als dann endlich nach einer nicht auszuhaltenden Ewigkeit, ein zartes Licht am Horizont erscheint, dass langsam größer wird, entspanne ich mich. Eine Riesenlast fällt von mir ab.
Es entzückte mich zu sehen, dass aus dem kleinen orangenen Fluss in meiner Hand über Nacht ein riesiger Limonadenfluß geworden ist, der sich fröhlich durch eine immergrüne Landschaft  schlängelt. Im Senkflug geht es hinunter. Da ist ein Zirkuszelt. Ich will hin und da ist sie, wie sie leibt und lebt, Aurora auf dem Seil:

„Mit federnden Tanzschritten betritt Aurora die Szene. Sie ist durch das Loch in der Hecke geschlüpft und steht nun vor einem bunten Zirkuszelt.

Wie ist sie nur hierher gekommen? Eben noch war sie zwischen den Zeilen eines Buches eingefangen. Ihre zierliche Figur streckt und reckt sich. Ganz steif fühlen sich die Glieder an. Sie schüttelt Buchstaben aus den weiten Ärmeln ihres bunten Flickenkleides. Selbst aus den langen Haaren purzeln Buchstaben, Silben, ja ganze Worte.

Sie schüttelt sich, so als sei sie ein Vogel, der sein Gefieder lüftet. Ja, sie plustert sich auf, wächst. Erst hebt sie elegant das rechte, dann das linke Bein, streckt und beugt das Fußgelenk und jeden einzelnen Zeh, der mit dem Fuß in ihren schwarzen Seiltänzerinnenschuhen steckt.

Sätze wollen ihr nicht über die Lippen tanzen, aber ein Lächeln strahlt aus dem alterslosen Gesicht.

„Ich bin angekommen!“ denkt sie bei sich und hat schon die zwei gegenüberstehenden Bäume entdeckt, zwischen denen sie ihr Seil spannen kann. Es juckt in den Beinen. Am Liebsten möchte sie sofort. Zu lange schon war sie untätig und ohnmächtig im Buch gefangen.

„Na klar, ein Mensch hat sie erfunden,“  aber sie ist lebendig geworden und wollte ein Leben außerhalb der Gedanken und Schriftzeichen der Autorin leben. „Wie kommt ein Mensch eigentlich dazu, seine lebendig gewordenen Gedanken zwischen Buchdeckeln einzusperren?“ fragt sie sich und geht auf den Eingang des Zirkuszeltes zu.

Sie muss ihren Auftritt planen und erst einmal heraus finden, ob jemand im Zelt ist – sie hört nichts außer dem Blätterrauschen und dem Plätschern eines Baches in der Nähe – und ob sie hier erwünscht ist. In den tiefen Taschen ihres Kleides findet sie weiße Schminke, Jonglierbälle, ein robustes Seil, viele bunten Bänder, um das Haar zu bändigen und vieles mehr. Den Balancierschirm mit den Perlengehängen an den Schirmspitzen hat sie unter den Arm geklempt.“

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