Wo Geschichten wachsen dürfen

Der Mensch ist aus Geschichten gemacht, die das Leben auf seine Haut oder in ihn hinein geschrieben hat. Märchen und Legenden sind auch dabei. Wer aber will im Gewächshaus der Erinnerung schon darüber urteilen, was wahr ist oder gefälscht, was wachsen darf oder ausgemerzt werden soll? Die Grenzen werden fließend, wenn Jahre sich in Schichten über die Zeit legen und der Körper älter wird; wenn Unbewusstes aus tiefen Quellen lianengleich empor steigt zum Licht und Blickwinkel auf die Vergangenheit sich ändern.
Wenn ich nun beginne mit der allerersten Geschichte, dann könnte ich weit über mich hinaus gehen und vielleicht dort beginnen, wo die Nordmeere am tiefsten sind und die jodhaltige Luft mit ihrem Salzgeschmack die Nase kitzelt. Ein kleines Boot aus Binsen hat den Wellen getrotzt und wird einen Strand finden, an dem es sich anhaken kann.
Denn meine erste Geschichte beginnt lange vor meiner Geburt. Wenn ich sie erzähle, dann wird sie erhört weiterleben, wenn der letzte Atemzug getan ist. Und sie wird ein kleiner Mosaiksteine sein im großen Menschheits-Puzzle.
Ich sehe das Gewächshaus der Erinnerung vor mir, nichts wird beschnitten. Es darf sein, was sich traut. Es grünt und blüht, verschenkt sich großzügig als Samen, Früchte und Blumen. Und alles besteht aus Worten und Bildern, die sich ineinander weben zu einem sich stets veränderndem Gemälde. Was da wen befruchtet oder zum Leben ermutigt, bleibt ungewiss.

A. Röhrig

Mit Worten malen

Sprachgespinste schaffen

Inseln aus Licht erschaffen
kleine Oasen zwischen Wüstengebirgen
duftender Früchte sinnlicher Raum
fruchtbarer Sprache Landschaft und Garten

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Sätze, wie Burgen, eingezingelt, ummauert
elfenbeinfarbige Türme auf hohen Bergen
Zinnen, die zwischen Wolken schweben
dazu Zimbelklang und schamanische Trommeln

Klang und Tanz, ein Tönen und Betöntwerden
magische Worte gedüngt mit Silbengold
gewebt im Schatten der Hecke
Mondsilber zwischen den Zweigen

und fern das Lied vom Meer
ein Raunen von Wasser und Wind
Wellen die aufnehmen und leiten
wie der Schoss einer rätselhaften Göttin

Flüchtig

Schon liegen lange Schatten auf den Sonnenuhren
und mancher dunkle Pfad wird plötzlich blendend hell.
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Winde streifen tanzend über abgemähte Felder
und spielen raschelnd mit dem Laub.
Sie heulen auf und fahren unter dünne Kleider
Äpfel fallen dumpf ins Gras und bleiben liegen.
Nüsse prasseln auf das Kopfsteinpflaster
Aus den Trauben rinnt schon fast der Saft.
Die Zeit ist überreif.
„Wer jetzt kein Haus hat, baut auch keines mehr“
Er lebt in Zelten, wartet, das etwas geschieht
Aufs Smartphone schaut er voller Sorge
und fragt sich still
wie´s wohl den Seinen in der Heimat geht
Er wird nicht lange Briefe schreiben, wenn die Blätter wehen
und in Alleen nicht rastlos wandern.
Denn die gibt´s nur woanders