Suzsa Bank: Die hellen Tage

Wenn ein Buch schon so beginnt:

„Ich kenne Aja, seit ich denken kann. Ich habe kaum eine Erinnerung an eine Zeit vor ihr, an ein Leben in dem es sie nicht gegeben hat, keine Vorstellung, wie sie ausgesehen haben könnten, Tage ohne Aja. Aja gefiel mir sofort. Sie sprach laut und deutlich und kannte Wörter wie Wanderzirkus und Schellenkranz. Zwischen anderen sah sie winzig aus, mit ihren kleinen Händen und Füßen, und als müsse sie dem etwas entgegensetzen, sprach sie in langen Sätzen, denen kaum jemand folgte, als wolle sie beweisen, dass sie laut reden konnte, ohne Pause und ohne Fehler. Sie zog in dem Jahr zu uns, in dem für uns Kinder nichts lustiger war, als unsere Namen rückwärts aufzusagen und uns laut Retep oder Itteb zu rufen. Aja hieß immer nur Aja.“

dann falle ich sofort hinein in eine Geschichte, die aus der Perspektive des Mädchens Seri erzählt wird.
Die Autorin zeichnet sensibel feine Charaktere und entwickelt die einzelnen Schicksale, der Hauptpersonen langsam. Feinfühlig und liebevoll nähert sie sich ihnen an. Wir erleben die Kindheit und das Erwachsenwerden von drei Kinder, die sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, in einer süddeutschen Kleinstadt, begegnen und Freunde fürs Leben zu werden. Mit ihnen erlebt der Leser die unendlich scheinenden Tage der Kindheit, in denen die Zeit noch keine Bedeutung hat und jeder Tag einer neuer herrlicher Anfang ist ebenso, wie die Irritationen des Erwachsenwerdens und das Hineinwachsen in die Verantwortung eines erwachsenen Lebens.
So wie die drei Kinder größer werden, genauer schauen, mehr Fragen stellen, sich entwickeln, tauchen die Geschichten ihrer Mütter zunehmend differenzierter aus der Vergangenheit hervor.
Der Roman nimmt sich Zeit, seine Geschichten zu erzählen.

„Zsuzsa Bank erzählt die Geschichte dreier Familien und begleitet ihre jungen Helden durch ein halbes Leben: Als Seri, Karl und Aja zum Studium nach Rom gehen, wird die Stadt zum Wendepunkt ihrer Biographien- und zur Zerreißprobe für eine Freundschaft zwischen Liebe, Verrat, Schuld und Vergebung.“(aus dem Klappentext)

Und auch die letzten Sätze des Buches – und es gibt viele Sätze, die klingen, nachwirken und die ich am liebsten herausschreiben möchte, um sie immer wieder zu lesen, zu erfühlen und zu kosten –  berühren mich noch sehr:

„Zigi hat das schiefhängende Tor gerichtet. Damit es getan ist, wenn der Winter kommen und Kirschblüt zudecken wird. Es schleift nicht mehr am Boden, es schiebt keine Steinchen mehr durch den Staub. Aber es ist ein Klang, der mich nie verlassen wird, ich kann ihn immer hören, jedes Mal, wenn ich das Tor öffne, um die wenigen Schritte über die losen Platten zu Evis Haus zu gehen, kann ich es hören, das Schleifen der Steinchen im Staub, und ich bin sicher, Aja und Karl, sie hören es auch.“

So lege ich das Buch nun zur Seite mit einem Gefühl, großer Dankbarkeit für diesen intensiven Lesegenuss.