Irgendwo auf einem Bahnsteig, nachmittags um 16 Uhr

Breitbeinig versucht sie den Bahnsteig zu überqueren. Langsam und vorsichtig mit kleinen Schritten. Immer in der Mitte zwischen den Gleisen. Mit den Armen, seitlich weggestreckt, balanciert sie sich aus.
In der linken dem Herz zugewandten Hand hält sie eine Flasche Bier.
Die großen Taschen ihrer Jacke beulen sich aus unter der Fülle weiterer Flaschen.
Sie singt Fragmente eines mir unbekannten Liedes.
Melodie und Stimme klingen wie ein altes verheddertes Tonband, das sich zum Ärger des Hörers im Kassettenrecorder nicht mehr richtig abspult.
Vielleicht ein Ohrwurm aus vergangenen Zeiten? Erinnerungsträchtig, übervoll von Emotionen?
Die Frau schaut niemanden an.
Der Blick ist auf die Rolltreppe gerichtet, als sei diese der feste Grund, den man endlich nach langem Kampf erreicht, wenn der gefährliche Sumpf durchschritten ist.
Als der Zug einfährt, hat sie es fast geschafft.
Welcher Sehnsucht sie mit ihrem Lied wohl folgt oder welcher zerstückelten Liebe sie sich erinnert?
Wer weiß das schon, vielleicht nicht einmal sie selbst.

Melodie

Ich bin die Melodie – im Traum – die durch die Luft zu den Ohren der Menschen getragen wird, die plötzlich für einen Moment stehen bleiben und lauschen. Wie unterschiedlich die Ohren sind und werden können. Manche schrumpfen, andere wachsen mir entgegen. Ich setze mich auf das Ohrläppchen eines kleinen Mannes, der mit großen Schritten über die Wiese zum Teich schreitet und klettere in seine Ohrmuschel hinein, da wo die winzigen Härchen sind. Er schüttelt sich plötzlich, als habe jemand ihm einen Floh ins Ohr gesetzt. Mit meinen gurgelnden und perlenden Tönen kralle ich mich fest. Bevor ich loslasse, mich ins Moos fallen lasse unter der alten Kastanie, die noch so wintermüde aussieht, schenke ich dem Mann für heute einen Ohrwurm, und da singt er auch schon, er pfeift seinen Hund herbei und singt weiter, immer die gleiche Melodie, die sich dreht im Kopf wie ein Karussell.