Sich neu erschaffen

Marie hat sich selbst erschaffen. Als schöpfende Malerin zeichnet sie sich selbst auf weißes, feingefasertes Papier.
Strich für Strich; Konturen, ein Profil.
Hineingelegt die Tiefe einer Persönlichkeit mit vielen Facetten. Bunt wie ein Regenbogen.
„Alles Schnee von gestern. Ich will mich neu erschaffen.“

Das Lächeln wird zum Grinsen,  zur Fratze, friert ein.
Die Finger greifen energisch nach dem dicken Borstenpinsel, tauchen ihn ein in dickflüssige Farbe und übermalen mit kraftvollen Bewegungen das eingefrorene Gesicht.
Marie sieht Gelb!
Aus dem Gelb schält sich Grün, wird zum Baum, der in einem Wald steht und sich zu den Dünen hin duckt, um den Ausblick frei zu geben auf das stürmische Meer.
Unter dem schweren Himmel, der Schatten aus Stahlgrau und Anthrazit über das Wasser wirft, ist die Linie zwischen Horizont und Himmel aufgelöst.
Ein Blick genügt, und Marie zieht sich zurück in den Wald, der sich streckt, wird zum Baum, der grün ist und mit dem alles begann.
Unter seinen ausladenden Zweigen sitzt ein altes Weib. Das schlohweiße Haar ist verfilzt und steht in alle Richtungen ab. Seine Strähnigkeit erinnert an Schlangen, die sich um ein verrunzeltes, lehmbraunes Gesicht mit eingefrorenen Zügen ringeln. Der Mund ist weit geöffnet. Im erstarrten Gesicht ahnt man noch den stummen Schrei, der es nich mehr geschafft hat, sich aus der rauer Kehle zu befreien.
Marie ist tief berührt, schwankt zwischen Schreck und Erkennen. Wie gern hätte sie sich unter dem Baum im Moos nieder gelassen, an den Stamm gelehnt und die Borke mit den Fingern liebkost. Weich wäre ihr Gesicht dabei geworden. Zärtlichkeit und Liebe hätte sie verströmt.
Aber neben der Frau mit den verloschenen Augen möchte sie nicht sitzen
Eine Weile bleibt sie stehen, Auge in Auge mit der erstarrten Frau.
Vorsichtig nähert sie sich, forscht, wie weit sie sich nähern kann, ohne von der weiblichen Gestalt aufgesogen und verschlungen zu werden.
„Das bist du.“ säuselt der Wind in den Blättern, während auf der anderen Seite der Dünen über dem Wasser das Unwetter tobt und die Wellen hoch peitscht.

Nach einer langen Weile dreht Marie sich um. Für heute hat sie genug gesehen. Sie kehrt zurück zum Gelb des Gemäldes, nimmt feine Pinsel und klare Farben und beginnt, sich neu zu malen.