Notes

Ja, ja, wir beide, du und ich, wir haben uns viel zu erzählen.

Auch wenn die Worte schweigen, flüstert der Wind den Takt der ungesagten Sätze. Ein belebtes Schweigen liegt im Abend, verflüchtigt sich in die Nacht und webt sich formend in die Träume.
Ich würde dich gerne fragen: „Welche Farbe hat die Sehnsucht?“
Für mich ist sie nachtblau und weht wie eine Fahne aus Seide, glatt, glänzend und knisternd.
Ihre Tiefe kann ich nicht ermessen, denn ich sehe nicht bis zum Grund.
Die Sehnsucht hüllt mich ein, entzieht mich den Blicken.
Selbstschutz!

Es ist die Nacht, die…..

Eine Weile schon sitzt du am Schreibtisch. Es ist Nacht geworden. Langsam rücken die Zeiger vorwärts Richtung Zwölf. Vor dir liegt Papier, ja, immer noch schreibst du altmodisch auf Papier bevor du das Ergebnis in den Computer einspeist. Auf dem Papier siehst du ein Muster aus Punkten, Linien und Strichen, die zu Silben, Worten, Sätzen, Texten werden. Eng und Blau beschriebene Seiten übereinander gestapelt und sauber geschichtet.
Die Ellenbogen liegen auf dem Tisch. Die rechte Hand liegt neben der rechten Schläfe und hält noch den Füller.
In dir ist Ruhe eingekehrt. Noch einmal überfliegst du mit den Augen die geschriebenen Zeilen. Wunderst dich über das, was sich da heute aus dir heraus geschrieben und verdichtet hast, beinahe wie von selbst.
Du genießt die Stille um dich herum und die Dunkelheit draußen, die dich umhüllt. Regentropfen trommeln gegen das Fenster. Etwas rumpelt über den Bordstein. In der Ferne fahren noch Autos, ein Zug gleitet über die Gleise, ein Hund bellt kurz auf. Eine leise Stimme aus dem Haus gegenüber klingt hell.
Du liebst diese Stunde, die ganz allein dir gehört und in der du Abschied nimmst vom Tag.

Aber etwas fehlt noch…wenn du jetzt bleibst, wirst du ins Geheimnis der Nacht eintauchen dürfen. Sie wird den Zeilen Leben einhauchen… und plötzlich erheben sich Buchstaben und Wörter. Vor deinen staunenden Augen beginnen sie, Fleisch anzusetzen und in Bewegung zu geraten. Gesichter und Gegenstände steigen vom Papier zu dir hoch. Sie entwickeln sich. Vielleicht tanzen sie für dich, vielleicht nehmen sie dich an die Hand und führen dich in ein anderes Land, eine andere Zeit, eine fremde Landschaft, in einen Traum oder ein Märchen. Vielleicht führen sie dich in einen Garten, einen geheimen Garten… ganz gleich, was passiert, du tauchst ein in eine andere Welt.
Aber ist es wirklich eine andere Welt? Ist es nicht doch die Welt, die immer da ist, von der du tagsüber aber immer nur einen kleinen Bruchteil wahrnimmst? Ist es nicht so, dass viele verschieden Welten nebeneinander stehen, immer, und nicht einmal wirkliche Türen dich von ihnen trennen?

Es ist die Nacht, die dir ein Geheimnis verrät.

NACH DEM WASCHTAG

pulvermaar 14

Wie frischgewaschen der Tag
ausgewrungen und glatt gepustet
sauber, weiß und glänzend
Schneeduft trägt er von fern
eine Sehnsucht nach Unschuld
und weißem Papier, noch unbeschrieben
Hab an dich gedacht heut Nacht
und Frieden gemacht mit dir
zwischen den Träumen der Nacht
die leicht waren, tänzelnd und licht
so, wie der Frühling selbst
der schon Spuren streut:
Krokusse, Osterglocken
Wolken in Bäumen, weiß und gelb
und ein Zipfel vom Blau
das sich dem Kreidehimmel schenkt
Kurz blitzt die Sonne auf
liebkost die Wiese
schilpende Spatzen und gurrende Tauben

Nachtfarben

Die Dunkelheit breitet sich schnell aus im Haus. Marie sitzt in ihrem Sessel, die Knie unter das Kinn gezogen und versucht zu sehen. Die Dunkelheit ist nicht tiefschwarz, denkt sie bei sich, denn sie sieht viele Nuancen von Grau. Je intensiver sie schaut, je mehr sich ihre Augen schärfen, um so mehr sieht sie: hier ein schüchternes Blau; dort ein vorwitziges Rot; Rahmen, die Bilder an den Wänden zusammenhielten, schälen sich aus dem Grau. Ein suchender Scheinwerfer von draußen, der sich durch die weiße Gardine ins Haus hinein schmuggelt, um die Wände abzutasten und Schattenrisse zu werfen. Und noch mehr geschieht: Marie hört viele kleine Geräusche, die sonst an ihrem Bewusstsein vorbei laufenn: das Tröpfeln der Heizung; ein Auto, dass vor dem Nachbarhaus hält; ein Hauch von Lachen aus der Welt draußen, heiseres Husten, fern ein Hund der bellt, Musik, die plötzlich lauter wird und wieder verschwindet, Wind im Baum vor dem Haus. Die Vögel sind längst zur Ruh gegangen. Marie kuschelt sich ein in die Geborgenheit der Nacht. Hier ist sie sicher.

Sommerpause

Wie Blei die Nacht im Traum sich fand und dunkelschwer dem Morgenlicht entgegen trat, so hat der Wind mit seiner Kraft nicht nur die Wolken weggeschoben. Er hat den Kopf mir frei gepustet und alles Schwere weggeblasen. Nun taumelt es in mir und flattert wie ein Schmetterling, der sich an jeder Blüte Duft berauscht und dankbar ihren Nektar kostet. Und auch im tiefen, roten Ozean die kleinen Fische, sie schwänzeln schwärmend Frische durch die Venen.
Der Sommer ist noch nicht zu Ende. Erwartungsfroh will ich geduldig auf das Reifen warten, das nicht vollendet ist in Wald und Flur und Wiese. Der Sommer, er ist groß und seine Zeit ist jetzt, und ich bin mittendrin in seinem Schatten.

die letzten tage, immer wieder

keine luftsprünge
doch silbrige fischchen
innen…zwischendurch

grüne traumpfade
entdeckt am rande der nacht
zwischen tag und traum

sah apfelblütenblätter
sacht fallen im morgenlicht

streute laut singend
leichtigkeit in meinen tag
und goldenen staub

gestern noch unsichtbar
heute vom licht geadelt

so spiegeln sich hell
empfindungen und wünsche
in sprudelnden quellen

wenn an den kastanien die kerzen erlöschen, will ich aufwachen, mich schütteln, tief durchatmen, alles alte abschütteln und dem grün die hand reichen, wanderschuhe anziehen und mit leichtigkeit – ganz ohne gepäck- sommerwärts dem meer entgegen eilen.

GRÜN

in GRÜN getaucht der Tag
ein lichtes Glitzern vom Morgen
liegt auf allen Dingen
aus der Nacht geboren
hat ein Traum Gestalt angenommen
trägt göttlichen Esprit
baumgleich kleide ich mich in Maiengrün
lege helle Schleier um mein Haupt
stehe mit den Füßen fest auf der Erde
lasse Hoffnung und Vertrauen wachsen in mir
und in die Kraft, die in allem lebt
Wortknospen sprießen

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in den Gesang, der aus den Blüten singt
und der im Grase klingt, stimme ich ein
mit einem  Löwenzahnlied