Selbstbildnis 6

ZEICHEN OHNE WORTE

In der Nacht habe ich von dir geträumt. Es hat an meiner Haustür geklopft, und ich habe geöffnet. Es war Tag und die Sonne schien. Ein paar Schäfchenwolken blieben an der Hecke hängen.Da standest du und hast mich angeschaut ohne etwas zu sagen. So richtig fassbar warst du nicht, eher ein sich in Auflösung befindlicher Geist. Nicht unästhetisch, so wie eine Wolke, die sich auflöst und dabei ihre Konturen verliert und langsam vom Himmel verschluckt wird. Du warst da! Ich fühle mich gesehen und verstanden. Es hat mir gut getan, mich aufgerichtet und mir Mut eingeflöst, ganz und gar ohne Worte. Und das war, was ich brauchte. Beim Aufwachen, war alles Schwere von mir abgefallen,wie ein altes, viel zu weites Kleid, das verschlissen und notdürftig geflickt nicht mehr passt und dringend der neuen Haut weichen muss. sie

Erlebnis

Neulich auf dem Rückweg nachhause, saß ich in an der S-Bahn und wartete auf meinen Anschluss. Ein ganz junges Mädchen, vielleicht 14, kam zu mir und fragte mich, ob es etwas für mich tun könne, wie Tasche tragen, Einkaufen oder Ähnliches. Als ich verneinte fragte sie mich, ob sie denn für mich beten dürfe.
Obwohl ich zunächst irritiert war und mich fragte, von welcher Sekte dieses Mädchen wohl komme, antwortete ich, ein Gebet wäre immer gut und könne nie schaden. Das Mädchen fragte mich danach, ob ich Sorgen hätte und wie es mir ginge. „Es geht mir gut.“ sagte ich und das war in diesem Augenblick auch wirklich so, und sie fragte mich noch nach meinen Namen, damit das Gebet persönlicher werde. Und dann betete sie laut neben mir für mich, bedanke sich im Gebet dafür, dass es mir gut gehe und ich gerade kein Problem habe und dafür, dass ich schon so lange auf der Welt sein durfte. Dann erbat sie Schutz für mich und bat darum, dass mir immer wieder liebevolle Menschen begegnen.
Ich war sehr gerührte und bedankte mich bei dem Mädchen. Zwei andere kamen noch dazu. Ich, neugierig geworden, erfuhr, dass sie ev. Christen sind, die sich augenblicklich in einem Sommerferiencamp aufhielten.
Sie erzählten davon, dass es hier wenig Christen gebe, die meisten Menschen nicht offen seien und sehr misstrauisch auf ihr Angebot reagieren würden. Zum Abschied lobte ich ihren Mut, einfach so auf wildfremde Menschen zuzugehen und bat sie, diesen Mut nicht zu verlieren.

Klar, ich weiß nicht genau wo die Mädchen sich warum aufhalten und was sie im Camp machen, ob sie nicht vielleicht doch einer Sekte angehören, aber sie waren freundlich, lebhaft und ein bisschen schüchtern. Ich glaube, auch für sie war es schön, auf mich zu treffen, die etwas annehmen konnte, ohne sich gleich misstrauisch abzuwenden. Ich bin davon überzeugt, dass ein Gebet, von wem auch immer gesprochen, nie verkehrt ist.
Wenn wir Menschen weniger misstrauisch wären und einander offener und vorurteilsfreier begegnen könnten, wäre unsere Welt schon ein wesentlich wärmerer Ort.

Nur Mut!

Als sie nach langer Zeit beabsichtigt, nun endlich von der Schwelle zu springen und das Ängstliche und Bange hinter sich zu lassen, ist ihr seltsam zu Mute.
Innerlich vergleicht sie sich mit einem Schmetterling, der aus dem Kokon geschlüpft beginnt, seine feuchten Flügel zu öffnen und sie dem Wind und der Sonne auszusetzen.
Nicht ungefährlich, denkt sie, denn der Wind kann bisweilen stürmisch werden, zu Orkanstärken aufbrausen und so die zarten Flügel zerfetzen.
Die Sonne wird manchmal so heiß, dass alles Zarte und Zerbrechliche unter ihr versengt und vertrocknet.
Aber das ist dem Schmetterling egal. Was sind schon diese Gefahren gegen das unbändige Gefühl des Fliegens?

Warum zögert sie also noch?  Die Zeit ist reif. Nichts hat sie zu verlieren außer dem Mut, sich einzulassen.