Aurora, die auf dem Seil tanzt 9

23.2.

Liebster Traumtänzer,

ich muss dir noch ganz schnell etwas erzählen: eben traf ich eine Kollegin. Sie nennt sich „Seiltänzerin der Nacht“. Endlich mal jemand, der sich auch aufs Hochseil traut ohne Netz und doppelten Boden. Ach, mein Seelenfreund, wie ist die Welt von da oben schön. Der Himmel ist nah. Ich bin versucht, die Sterne wie goldene Äpfel vom Himmelszelt zu pflücken. Möchtest du einen haben? Ich teile gern! Ich könnte mit ihnen natürlich auch auf dem Seil jonglieren. Hm? Ich sehe dich nicht mehr. Mein Herz ist bekümmert. Über dem Ozean hängt seit gestern Nebel. Die Möwe Jonathan und der Rabe Jasu leisten mir Gesellschaft.
Ich bin so unruhig, kann nicht eine Minute mehr still sitzen. Ich will mein Bündel packen und aufbrechen gen Süden. Wenn du am Strand bist, grüße das Meer und die Wellen von mir, ja? Ach wärest du doch eine Weile hier bei mir – könnte ich nur wirklich ein paar Worte mit dir sprechen.

Ich sehe dich nicken – eine ganz liebevolle Umarmung schickt die deine Aurora

Aurora, die auf dem Seil tanzt 6

8.2

Mein liebster Traumtänzer,

hast du schlechte Laune?
Bist du genervt?
Die Möwe, unser heimlicher Bote, kam schnodderig zurück. Sehnst dich wohl  zurück in dein Schneckenhaus, hm?
Und kannst doch den vielen geöffneten Türen nicht widerstehen.
Verstehe ich, geht mir manchmal auch so. Heute ist Schietwetter, kalt und nass – es kriecht regelrecht unter die Haut und lässt frösteln.
Ich war eine Weile draußen, plauderte mit dem Briefträger – harter Job bei diesem Wetter.
Am Morgen stand ich am Fenster und schaute hinaus – es regnete ohne Unterlass, und zwischendurch fiel Schnee. Meine Hände waren ungeduldig, wollten Beschäftigung, also faltete ich lauter kleine weiße Segelschiffe.
Eben nun klingelte es an der Haustüre, und das Nachbarkind besuchte mich – ein schüchterner Fünfjähriger, der gerne Geschichten hört.
Da kam mir eine Idee: ich zog Gummistiefel an. Zusammen gingen wir in den Regen, ließen die kleinen Segelboote in den Pfützen schwimmen und taten so, als seien wir gefährliche Piraten, die in einen Sturm geraten sind.
Es dauerte nicht lange, und wir waren durch und durch nass.
Schnell wieder ins Haus, gut abgetrocknet und heiße Schokolade gekocht.
Ein paar Reste Weihnachtsplätzchen fand ich am Grunde der Blechdose mit den zierlichen Engeln. Sie schmecken noch sehr gut und duften nach Anis und Zimt. Wir hatten viel Spaß miteinander, der Junge und ich.

Dann holte seine Mutter ihn ab,  ich legte die Beine hoch, entzündete Kerzen. Nun denke ich mir den Brief an dich aus.
Aus dem CD-Spieler klingt Opernmusik – Arien, und alles ganz laut.

Mein Fuß hat sich gut erholt.
Wenn das Wetter morgen trocken ist, geh ich aufs Seil, Aurora

Aurora, die auf dem Seil tanzt 2

3.2.
Guten Abend, Traumtänzer,
hast du tagwärts schon Träume getanzt ?

Mein Knöchel hält mich am Boden. Kein Seiltanzen heute. Hab mich verknickt! Stattdessen  jongliere ich mit Worten.
Stell dir vor, heute sind sie mir alle durcheinander gepurzelt. Der Sinn hat sich hinter dem Durcheinander versteckt. Ich wußte plötzlich nicht mehr, was ich vor ein paar Minuten noch wollte. Dabei hatte ich mit den bunten Gedankenbällen schon fast einen Regenbogen jongliert. Ich war untröstlich. Hier sind die Reste:

komm
du bi mein
erfüll mit schein
das griesegraue sein
es fließt der rhein
nach norden heim
und klebt mit leim
was fest soll sein
auf einem bein
noch ganz allein
ist es nicht klein
das du bi mein

Traumtänzer, du hast mir schon so viele Antworten gegeben. Kannst du mir vielleicht verraten, wer das „du bi mein“ ist? Seit Monaten geistert es durch meine Gedanken, wie ein kauziges Irrlicht. Es spukt, poltert und klabautert. Ich mag es gern, denn es bringt mich oft zum Lachen, wenn ich gerade dabei bin, in den trüben Gedanken herum zu fischen. Aber so eigensinnig, wie es zu sein scheint, entzieht es sich jedem Versuch, ihm eine Form zu verpassen. Hey, vielleicht sollte ich es mal zu dir schicken, damit es dich endlich aus deiner Winterstarre erlöst.
Du runzelst die Stirn und presst die Lippen aufeinander. Das heißt „Nein“ nicht wahr, „lass es bloß sein.“ Ja, ich verstehe, du willst noch nicht. „Alles zur rechten Zeit!“ rufst du.
Ist ja schon gut, aber auf Dauer sind diese Monologe unergiebig – obwohl – vielleicht auch nicht, denn dein Schweigen lässt meine grauen Zellen auf Hochtouren werken.
Ich staune nicht schlecht. Gerade war die besondere Möwe an meinem Fenster. Ich habe ihr mit einem schönen Seemannsknoten ein paar Luftküsse um den Hals gebunden, und sie hat mir versprochen, sie zu dir zu bringen. Du weißt ja, dass die Vögel mich verstehen.
Also sei lieb, und nimm die Möwe in Empfang und natürlich meine luftigen Knutscher.
Jetzt guck mich doch nicht so streng an – da werde ich ja ganz zerknirscht.

Ich bins doch nur, deine (gerade nicht) tanzende Aurora