15.9.20

Tristesse im Hochhausgebirge
vertrocknete Erde auf Baumscheiben vor den Häusern
ein Essigbaum am Rande, dem verwekt das Rot augeht
die Stadtgärtner sind unterwegs:
stutzen, pflanzen, sammeln, was für Krähen übrig blieb
Eine junge Frau, sommerlich zurechtgemacht mit Kinderwagen
spaziert eilig über den Asphalt
sie lacht mit den beiden kleinen Mädchen in hübschen Kleidern, die folgen.
Das Grau in Grau ist heute gar nicht so Grau
eher verwunschen im flirrenden Septemberlicht

Wo Geschichten wachsen dürfen

Der Mensch ist aus Geschichten gemacht, die das Leben auf seine Haut oder in ihn hinein geschrieben hat. Märchen und Legenden sind auch dabei. Wer aber will im Gewächshaus der Erinnerung schon darüber urteilen, was wahr ist oder gefälscht, was wachsen darf oder ausgemerzt werden soll? Die Grenzen werden fließend, wenn Jahre sich in Schichten über die Zeit legen und der Körper älter wird; wenn Unbewusstes aus tiefen Quellen lianengleich empor steigt zum Licht und Blickwinkel auf die Vergangenheit sich ändern.
Wenn ich nun beginne mit der allerersten Geschichte, dann könnte ich weit über mich hinaus gehen und vielleicht dort beginnen, wo die Nordmeere am tiefsten sind und die jodhaltige Luft mit ihrem Salzgeschmack die Nase kitzelt. Ein kleines Boot aus Binsen hat den Wellen getrotzt und wird einen Strand finden, an dem es sich anhaken kann.
Denn meine erste Geschichte beginnt lange vor meiner Geburt. Wenn ich sie erzähle, dann wird sie erhört weiterleben, wenn der letzte Atemzug getan ist. Und sie wird ein kleiner Mosaiksteine sein im großen Menschheits-Puzzle.
Ich sehe das Gewächshaus der Erinnerung vor mir, nichts wird beschnitten. Es darf sein, was sich traut. Es grünt und blüht, verschenkt sich großzügig als Samen, Früchte und Blumen. Und alles besteht aus Worten und Bildern, die sich ineinander weben zu einem sich stets veränderndem Gemälde. Was da wen befruchtet oder zum Leben ermutigt, bleibt ungewiss.

A. Röhrig

Geschichtenbaum

Ich spüre die Wurzeln der alten Eiche unter der Erde. Es fließt und rinnt dort. Hier gibt es viele geheime Türen. Durch eine gelangt man direkt in den Stamm. Der Baum hat einen Namen: Adam Winterbill.

Von ihm möchte ich eine Geschichte erzählen, wenn ich darf:
Adam Winterbill
Ich bin ein Baum! Mein Platz auf der Lichtung ist gut. Während sich die Wurzeln unterirdischen Raum erobern und mit ihren wachsenden Zehen die Erde lockern, strecken sich die Zweige dem Himmel entgegen. Mein breiter Stamm , der gerade dem Himmel entgegen strebt, hält mich in Balance. Schlafbaum bin ich für kleine schwarze Vögel. Sie sitzen auf meinen Zweigen und erzählen mir zwitschernd ihre Geschichten von weit her. Neulich hängte eine Frau bunte Zettel in meine Zweige. Wie Gebetsfahnen trugen sie innigste Wünsche.

IMG_1605

Es soll ja Zeiten gegeben haben, nein, ich weiß, dass es sie gegeben hat, als das Wünschen noch geholfen hat.
Manche Papierspiralen hat der Wind mitgenommen, andere der Regen aufgeweicht. Jetzt hat sie der Schnee begraben. Im Moos zu meinem Fuß vermodern sie langsam. Ihre Herzensenergie dringt in den Boden ein und sammelt sich zwischen meinen Wurzeln. Nichts geht je verloren.
Durch Wurzeln, Stamm und Zweige steigt die Energie hoch in den Himmel, vermittelt sich den universalen Kräften, die uns gut umsorgen.
Ich bin auch ein Geschichtenbaum, und vielleicht beginne ich, sie zu erzählen.
Ich bin umgeben von guten Freunden. Sie winken mit ihren Zweigen und sehen mich. Manchmal vermitteln die Vögel zwischen uns Botschaften. Es ist kalt in diesen Tagen. Gegen die Kälte bin ich gut ausgerüstet, und die Wurzeln unter der Erde finden noch wärmende Erde. Silberne Kristalle kleiden meine Astspitzen ein und funkeln in der Sonne. Jemand gab mir, der uralten Eiche, vor langer Zeit einen Namen: Adam Winterbill!
Vorgestern kam die Frau wieder zu mir, um ihren Schutzengel zu finden. Eine Stimme führte sie zu einem großen braunen Tor mit goldenen Beschlägen. Sie öffnete den Messingknauf und betrat den Wald. Ein frühlingshafter Birkenweg führte sie zu mir auf die Lichtung. Am Baumstamm wurde sie empor getragen. In meinen Wipfeln traf sie ihren Engel. Er nannte seinen Namen, und es war der, den sie schon ewig kannte.
Ich weiß es, denn sie hat mir ihre Geschichte erzählt, während sie meinen Stamm umarmte und meine Rinde mit weichen Lippen küsste.
Eine andere Frau, sie wird Marie genannt, kam in einer Schneenacht und sie wärmte sich an meinen Stamm, fand die Tür und fiel. Inzwischen wird sie erwacht sein und sich wundern. Mein unterirdisches Reich ist groß.