Feuertaufe

Eva sah es kommen. Sie träumte von einem Flammenmeer, durch das Marie wandert.
Marie berichtet:
„Nicht mal mein roter Seidenschal, den ich mir kunstvoll um den Hals drapiert habe, fängt Feuer.
Es ist still in mir und ich weiß, mir wird nichts geschehen. Ein kühler Geist umspielt meinen Körper und hält das Feuer fern, als sei es nur das Licht hinter einer Wand aus dünnem Eis. Er wispert, singt und heult mit dem Knistern und Lodern der züngelnden Feuerzungen. Das Feuer hätte ein Scheiterhaufen sein können, wäre da nicht dieser unstete Windgeist mit den zahllosen Armen gewesen.
Ich war ganz bei mir und schickte alle heran strömenden Gedanken fort, den Augenblick fühlend mit allen Sinnen. Ich fragte nicht nach Gestern und Morgen. Jetzt! Ich bin, jubelte es in mir.
So erhielt ich in dieser Nacht die Feuertaufe.“
Marie folgt dem Pfad zum Wasser und erwacht aus ihrer tiefen Meditation. Am See angekommen legt sie langsam Stück für Stück ihre Kleider ab. Sie singt und lächelt, als sie nackt ins Wasser steigt und die Wellen mit den Händen berührt. Sie taucht tief bis zum Grund, spürt Fische und Wasserpflanzen ihre Haut berühren. Im Auftauchen erkennt sie sich selbst wieder. Ein Mensch – nackt und bloß – allein – neu geboren. Das lange nasse Haar schmiegt sich an ihren Körper, der leise fröstelt. Im Osten geht die Sonne auf. Marie steigt nun ganz aus dem Wasser und dreht sich um.
In der Ferne glimmt noch das Feuer.