FINDELKIND

Ich bin ein Findelkind. Das zu denken gelingt mir nicht, denn ich kenne keine Worte. Die meiste Zeit schlafe ich. Wenn ich wach bin habe ich Angst. Es ist kalt und laut. Die Leere in meinem Bauch nagt an mir, frisst mich auf. Ich schreie, bis ich wieder eingeschlafen bin. Ich bin noch nicht lange auf dieser Welt, wie soll ich Worte da kennen; wie beschreiben können, wo ich bin und was passiert? Ich nehme den Daumen in den Mund und nuckel ihn wund. Da ist eine vage Erinnerung an etwas Warmes, von dem ich Teil war, und der jetzt nicht mehr da ist. Die Stimmen, die ich höre, sind fremd.

Und dann ist da plötzlich etwas Neues, etwas Warmes, das mich für einen Augenblick lang in die Arme nimmt und tröstet. Gleich fühle ich mich besser. Mir wird warm. Das nagende Gefühl in meinem Bauch bleibt. Ich öffne die Augen und schaue in ein unbekanntes Gesicht. Zusammengekrümmt liegt es neben mir und schreit. Wenn ich wachsen darf, werde ich wissen, dass die fremden Geräusche das Wogen der Wellen, der Sturm und das Möwengeschrei eine andere Art von Lied sind. Ich werde wissen, dass dieses warme Etwas neben mir sich ins Leben zu schreien versucht, wie ich. Wir sind beide klein und hilflos. Ausgeliefert! Aus der Not geborene Zwillinge, die im Boot aus Binsen auf Nahrung warten und auf menschliche Wärme; ein schützendes Dach erhoffen und liebevolle Hände, die zärtlich berühren.
Später, wenn ich gewachsen bin, werde ich diese Worte kennen. Wo ich herkomme? Von Nirgendwo! Ich bin der Anfang einer Geschichte, deren Beginn im Nebel der Vergangenheit verschwunden ist. Es wird mein Schicksal sein, ein Suchender zu bleiben.

Der entschwundene Ton 1

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Plötzlich, mitten im Lied, ist er entgeistert davon geflogen, panisch. Der Ton war zu schrill. Ihm war zumute, als sei in seinem Lieblingsinstrument, der Geige, eine Seite gesprungen. Er setzte sich zwischen die Stare auf der Stromüberlandleitung. Furchtbar, dieses Pfeiffen im Ohr. Die Stare versammelten sich, um gen Süden zu fliegen. Wenn die Stimme, aus der er erklungen war, so dachte der Ton, so unvorsichtig mit ihm umging, wollte er sich lieber eine andere Stimme suchen. Warum, nicht einfach mitfliegen mit den Staren?.Hier hielt ihn nichts mehr. Zum Glück ließ das schrille Pfeiffen im Ohr  langsam nach und die Energie kehrte zu ihm zurück.

Mit Worten malen

Sprachgespinste schaffen

Inseln aus Licht erschaffen
kleine Oasen zwischen Wüstengebirgen
duftender Früchte sinnlicher Raum
fruchtbarer Sprache Landschaft und Garten

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Sätze, wie Burgen, eingezingelt, ummauert
elfenbeinfarbige Türme auf hohen Bergen
Zinnen, die zwischen Wolken schweben
dazu Zimbelklang und schamanische Trommeln

Klang und Tanz, ein Tönen und Betöntwerden
magische Worte gedüngt mit Silbengold
gewebt im Schatten der Hecke
Mondsilber zwischen den Zweigen

und fern das Lied vom Meer
ein Raunen von Wasser und Wind
Wellen die aufnehmen und leiten
wie der Schoss einer rätselhaften Göttin

STIMMUNG ZWISCHEN DEN ZEITEN

Zwischen den Dialogen schwingen verhaltene Töne. Ich bin neu, und das Entziffern fällt mir  schwer. Rätsel sind noch zu lösen. Nicht alles versteht sich von selbst,  hinterlässt nur ein Ahnen. Traurigkeit flaut auf wie eine verregnete Fahne im Wind an einem schmutziggrauen Tag: nicht mehr Winter und noch nicht Frühling. Gräser, die neben Baumsilhouetten trotz alledem in die Luft staken, abblätternder Putz an einer vergrauten Fassade, Ausgewürgtes und gräulicher Papiermatsch auf dem Asphalt, verhaltene Farben, ein fahriges Gelb, ins Braun sich verfärbende Zweige, verwaschener Backstein und Luft, die man auswringen könnte, Rheinwasser dass über die Ufer tritt und sich in alte Flussarme ergießt, dazwischen vertraute Baumriesen, die gebrechlich wirken. Ein gebrochenes Herz, verstummte Stimmen, Sehnsucht…
Hätte ich Energie heute, ich würde einen frischen Ton in die Stimmung pusten und einen warmen Klang zwischen die Worte singen…erst leise, dann immer lauter…hörbar, ein junges Lied, das Mut macht gegen Frustration, Enttäuschung und Resignation, eins, dass die Schwere nimmt, Leichtigkeit schenkt und Kränkung heilt.

Der Tag duckt sich unter den Wolken

Klein  und dunkelgrau harrt er dem Sturm, der naht
dessen Wüten schon anrollt und  an allem zerrt und zauselt
dem fliehendem Licht Worte entgegen setzen
und ein Lied
dass grollt und seine Kraft tief aus der Erde zieht
sich langsam entfaltet, bevor es hinaus prescht
und mit dem klopfenden Regen um die Wette singt
Im Auge des Sturms warten, was geschieht und  still werden
bis sich die Silben im Lied, seine Klänge und Töne,
mit dem Fauchen der Winde verbinden
um dem Sturm zu trotzen