FEDERLEICHT

Da war es wieder! Dieses Gefühl der Leichtigkeit, das Empfinden, eine Feder zu sein und zu schweben. Da hat sie etwas angeflogen und für diesen Augenblick gelingt es ihr, es fest zu halten und zu genießen. Bilder, Farben, Empfindungen sprudeln empor und perlen wie Sekt in ihren Eingeweiden. Sie  sieht Rosenblätter schweben, erinnert einen zarten Duft, der aus dem Nichts zu  ihr herüber weht, hört Musik, dem ihre Füße wie von selbst folgen.Ganz sicher träumt diese Leichtigkeit schon immer  am Rande ihres Bewusstseins und wartet darauf geweckt zu werden.

Sie denkt an die Zeit, als sie fast noch ein Kind war und dass sie damals oft aus der Reihe getanzt ist. Die Musik nahm sie in Besitz und die Bewegungen waren ihre Fortsetzung, die in ihr selbst verwurzelt war. Diese Harmonie von Musik und Bewegung war innig und ein solcher Genuss, dass es ihr gleichgültig war, wie die anderen sie anschauten. Schiefe Blicke und abwertende Gesten war sie gewohnt.
Diese Gleichgültigkeit kam ihr abhanden, denn es wurde ihr wichtiger, geliebt, akzeptiert zu werden und zugehörig zu sein. So versuchte sie, nicht mehr aus der Reihe zu tanzen. Da ihr dies aber nicht so richtig gelingen wollte, stoppte sie ihre Bewegungen mit der Zeit und nahm die sich einstellende Schwere in Kauf.
Obwohl sie kein Stein des Anstoßes sein wollte, wuchs das Gefühl zu versteinern. Schicht um Schicht legte sich auf ihre ursprünglich daunenleichte Schwerelosigkeit. Beschwernisse, Bleilote, schwer zu lösende Verankerungen kamen hinzu.
Mit wachsender Verantwortung und Vereinnahmung legte sie Gewicht zu. Warum sich fortbewegen, wenn Frau die Dinge auch aussitzen kann.
Es kam der Tag, an dem sie begann, unter ihrer Bewegungslosigkeit zu leiden. Die Angst wuchs, dass sich diese Unbewegtheit langsam und unaufhaltsam auch auf ihre Gedankern, Gefühle und Empfindungen auswirken würde. Immer öfter fragte sie sich:
„Was bewegt und berührt mich noch? Auf was lasse ich mich noch ein? Welchem neuen Weg traue ich noch?“

Und dann diese Empfindung.
Davon will sie mehr Mehr, noch viel mehr.
Sie steht auf, geht zum Radio, dreht die Musik lauter. Ganz von allein und  aus sich selbst heraus, beginnen die Füße zu tanzen, verschmelzen Musik und Bewegung.

Immer noch zu schwer…

Immer noch viel zu schwer
und weit entfernt von Leichtigkeit
„Lass ihn endlich stehen, Marie, den Koffer, den Schweren.“
Wie sollen sie sprechen, die Stimmen, die vielen,
wenn Lastenschleppen alle Kräfte bindet?
Lach mal wieder! Sing dem Wind ein Lied.
Lass es hinaus das quirlige Glucksen
der silbernen Fischchen im Blut
die Kapriolen schlagen und laut rufen
„Ich lebe, ich bin.“

Die rote Buche am Ende der Wiese
neigt weise das Haupt
Sie flüstert und raunt von der Quelle
die ihre Wurzeln so wunderbar nährt.