FINDELKIND

Ich bin ein Findelkind. Das zu denken gelingt mir nicht, denn ich kenne keine Worte. Die meiste Zeit schlafe ich. Wenn ich wach bin habe ich Angst. Es ist kalt und laut. Die Leere in meinem Bauch nagt an mir, frisst mich auf. Ich schreie, bis ich wieder eingeschlafen bin. Ich bin noch nicht lange auf dieser Welt, wie soll ich Worte da kennen; wie beschreiben können, wo ich bin und was passiert? Ich nehme den Daumen in den Mund und nuckel ihn wund. Da ist eine vage Erinnerung an etwas Warmes, von dem ich Teil war, und der jetzt nicht mehr da ist. Die Stimmen, die ich höre, sind fremd.

Und dann ist da plötzlich etwas Neues, etwas Warmes, das mich für einen Augenblick lang in die Arme nimmt und tröstet. Gleich fühle ich mich besser. Mir wird warm. Das nagende Gefühl in meinem Bauch bleibt. Ich öffne die Augen und schaue in ein unbekanntes Gesicht. Zusammengekrümmt liegt es neben mir und schreit. Wenn ich wachsen darf, werde ich wissen, dass die fremden Geräusche das Wogen der Wellen, der Sturm und das Möwengeschrei eine andere Art von Lied sind. Ich werde wissen, dass dieses warme Etwas neben mir sich ins Leben zu schreien versucht, wie ich. Wir sind beide klein und hilflos. Ausgeliefert! Aus der Not geborene Zwillinge, die im Boot aus Binsen auf Nahrung warten und auf menschliche Wärme; ein schützendes Dach erhoffen und liebevolle Hände, die zärtlich berühren.
Später, wenn ich gewachsen bin, werde ich diese Worte kennen. Wo ich herkomme? Von Nirgendwo! Ich bin der Anfang einer Geschichte, deren Beginn im Nebel der Vergangenheit verschwunden ist. Es wird mein Schicksal sein, ein Suchender zu bleiben.

Das Schweigen

Wenn ich zurzeit oft schweige, dann liegt das daran, dass ich leer werden möchte. Ich übe, im  Augenblick zu bleiben und lerne, die Stille noch mehr zu lieben. Im Schweigen kann ich  klarer entscheiden, was wirklich zählt für mich, was ich gehen lassen möchte, was bleiben soll. Wie Blätter von den Bäumen, fallen die Worte aus meinen Gedanken. Ich sehe Schnee, Weite, Stille. Und höre ganz in der Ferne –  leise – Glockenklang.  Und endlose Räume in mir, die ich gestalten darf, wenn ich will oder  eben auch nicht. Es ist alles  da. Doch ich will es noch nicht benennen, beim Namen rufen, herbei locken, bezwingen. Lieber lausche ich dem fernen Glockenklang.