Spurensuche, Claire sucht Marie 7

Liebe Marie,

 

ich habe das grüne Notizbuch gefunden und tatsächlich, da findet sich Clarisse – smile – sie wohnt ja gar nicht weit von hier. Ein paar Schritte um den Häuserblock und schon stehe ich vor ihrer Tür. Vielleicht hat sie etwas von dir gehört. Warum hast du sie mir nie vorgestellt? Nur einmal sah ich sie von weitem an deiner Seite. Es war in dieser schrecklichen Zeit, als wir den Streit hatten und uns lange nicht ansehen konnten. Damals schmerzte es sehr, dich so ausgelassen mit einer anderen Frau zu sehnen, wo wir doch Schwestern sind und einander wirklich kennen. Und ich war so traurig und allein. es war hart, so als hättest du mich aus deinem Herzen heraus geschmissen. Heute weiß ich, dass es gut so war. Ich hatte mich ja viel zu fest an dich gebunden. Ich weiß, dass Liebe auch ersticken kann.

Interessante Namen findet man im grünen Buch: Leander, in goldenen Buchstaben, verschnörkelt gemalt. Ach ja, in deiner Post liegt ein Brief von ihm.
Ach Marie, wenn ich dich nicht so gerne hätte, ich könnte fast wütend werden über all das, was du mir nicht erzählt hast. Und ich dachte, ich kenne dich auswendig, und dann machst du solche Sachen, gehst einfach, lässt alles liegen und folgst einer spinnerten Idee, und niemand weiß, wo du nun bist.
Hast du einen Augenblick lang an all die Menschen gedacht, die sich inzwischen um dich sorgen, weil kein Lebenszeichen von dir sie erreicht.
Und doch, ich spüre, du lebst.

deine Klette, Claire

Spurensuche, Claire sucht Marie (5)

Liebe Marie,

ich fühle mich so allein, von aller Welt verlassen. du, meine liebste Schwester, wann werde ich dich wieder sehen? Ich habe Angst. Um mich, um dich, um uns um das alles, was sich in eine Richtung verändert, die uns unwiderbringlich auseinander treiben könnte.  Zusammengekrümmt liege ich in deiner Hängematte, und endlich kann ich weinen. Die Tränen sind heiß und laufen über meine Wangen, sammeln sich in den Haaren und nässen das Kissen. Alles feucht und in mir weicht alles auf. Ich habe Angst, denn niemand versteht mich, so wie du es getan hast.
Ja, es gab diese kurze Begegnung mit Leander, aber das war nur ein dichter Augenblick, in der sich zwei Menschen trafen, die von gleicher Art zu sein schienen, eine Seelenverwandschaft vielleicht. Die Uhren gingen ander sin diesem Augenblick. Er und ich trafen uns an einem Kreuzpunkt und gingen in unterschiedliche Richtungen weiter …

Ich weiß nicht wo du bist, Marie – und Leander – wo bist du – seit ihr- jetzt unterwegs? Kommt ihr zurück? Lebt ihr überhaupt noch? Von aller Welt verlassen, hast auch du mich verlassen, Marie oder habe ich dich verlassen?
Es tut so weh. Im Radio Blues. Es passt zu meiner Stimmung. Gerade läuten die Glocken den Mittag ein. Ich werde ein wenig schlafen. Vielleicht geht es dann besser. Bitte Marie, pass auf dich auf.

Claire

ROSENZEIT…6

Guten Abend Flores,

du kennst Leander? Was verbindet dich mit ihm? Durch Zufall fiel der Brief an ihn in meine Hände. Ich stehe vor einem Rätsel. Leander ist ein Reisender durch Raum und Zeit. Er trägt zwei Gesichter. Einst bezeichnete ich ihn als meinen Sohn. Wir waren vertraut miteinander wie Bruder und Schwester. Er erzählte mir von der inneren Unruhe, die ihn von Zeit zu Zeit wie einen Zwang überfällt und weiter treibt. Im Augenblick jongliert er mit Worten und tingelt durch die Hinterhoflandschaften überfüllter Städte. Ja, er hat etwas Verzehrendes an sich, so als sei er eine Kerze, die an zwei Enden brennt, aber er reißt Menschen mit, begeistert sie. Seine Augen sprühen Funken und er erobert Herzen im Flug. Seine lästernden Lippen spotten gern. Immer sind viele Menschen um ihn herum. Alle paar Monate besucht er mich, denn ich bin sein Hafen und für eine Weile findet er Ruhe darin. Ein Mädchen – Claire – fragte nach ihm. Ich glaube, sie traf ihn auf einem Rastplatz an der Autobahn nach Paris. Ab und zu lade ich Claire in meine Rosenlaube ein, und wir erzählen einen Tag lang, bis die Nacht herein bricht. Sie sucht ihre beste Freundin Marie, die eines Tages aufgebrochen ist, um die Liebe ihres Lebens zu suchen. Sie verschwand im Dunst eines Spätsommermorgens und hinterließ keine Spuren. Claire formulierte es einmal so: „Marie wurde von der Zeit verschluckt und verirrte sich in ihren inneren Räumen. Claire ist eine ungewöhnliche Frau, hat Visionen, Gesichte und Eingebungen und hält viel von den Träumen. Immer noch hofft sie, Marie zu erreichen und aus ihren inneren Abgründen zu retten.

Sag mir Flores, warum diese Menschen – Leander, Marie, Claire – so rast-und ruhelos sind? Was lässt den einen Teil der Menschen verweilen und den anderen eilen? Manchmal verstehe ich diese Zeit nicht.

Herzlich, Bela von Rosenhaag