Lieblingssatz13

Satz 13

Die Bäume im sonnigen Garten
„Er schuf den Himmel, die Erde!“
Die Schlangen lauschen dem Flötenlied
In den Bäumen mit Tanzgewändern“

aus einem Gedicht von Asaf Halet Elebi
(Sammlung: „Nimm eine Rose und nenne sie Lieder – Poesie der islamischen Völker- übersetzt von Annemarie Schimmel)

Ich fand die Göttin tief in meinem Schoß
an einem besonderen Tag, in einer besonderen Zeit.
Sie schwebt auf einer Lotusblüte über dem Wasser und gebietet über die weißen, heilenden Schlangen.
Mit Flötentönen der Nay lockt sie die Schlangen aus ihrem Korb,
mahnt, nicht zu säumen und ihr heilendes Werk auch in mir zu tun.

Ich schau der Göttin in die Augen, nenne sie Ana.
Im Blick zwischen uns beginnt es zu kreisen, verliert sich Zeit.
Derwische tanzen mit den Gestirnen. Das Universum kreist mit.

Bis alles kreist, Gestalt und Form verliert und Grenzen fallen.

Weniger ist Mehr

Was ich brauche, gerade jetzt, in den strudelnden, strauchelnden Unebenheiten des Alltags, sind Frauen, die kreisen um die wesentlichen Dinge. Und  Menschen, die den Stein des Anstoßes nicht mit Füßen treten…solche, die hinschauen und zuhören. Mitten im Stolpern pandemischer Zustände wird uns Zeit geschenkt: zum Stillwerden, zum Lauschen, zum Besinnen, zum Achtsam sein… tiefe, innige Augenblicke, wenn wir sie aushalten können.

NOCH EIN STERN

 

Geh und nimm alles mit, was die Zeit dir schenkt
atme es ein und aus
fahre die Tentakel aus
und trage es weiter in wachsenden Kreisen
Spiralnebel
steige aus dem Wasser , erhebe dich in die Luft
Kreise!

Raum gewinnendes Wechselwesen:
eben noch Fisch mit Kiemen und Flossen
nun auf zwei Beinen über die Erde gleitend
wachsen innere Federn
Du fliegst!
gebietest über Raum und Zeit
nichts entgeht dir
kein Ton, kein Laut
weder Melodie noch Lied
Sterne streifen die Haut, kühl
du fächelst Luft dem Feuer
Du bist ruhig

Sternzeit. Im Vorbeifliegen schaust du Aurora in die Augen.
In die Morgenröte schiebt sich schwarz ein Fels.
Landeplatz, Hafen
Aussicht gewinnst du, bevor du weiter fliegst.

Bist du noch auf dem Weg, MARIE?

 

Marie ist gewandert. Sie folgt einem Stern und fragt nicht nach dem Ziel
Will nichts erreichen, strebt kein Ziel an, lässt sich leiten, angezogen vom Licht.
Sie steigt hinab in die Gärten unter dem Meer.
Wie klar das Antlitz sich im Wasser spiegelt im sanften Glanz des vollen Mondes.
Nichts drängt, Zeit ist, keine Frage verlässt ihre Lippen.
Ruht sie in sich traumversunken, den nächtlichen Spuren folgend?
Langsam lösen sich die Konturen ihrer Gestalt im nächtlichen Dunkel auf.


SIE SPÜRT
die Erde, den Himmel.
Ein Fließen zwischen beiden, durch sie hindurch.
Was die Erde ausatmet, atmet der Himmel ein.
Was der Himmel ausatmet, atmet die Erde ein.
Bäume seufzen, der See schwitzt, das Gras überzieht sich mit Tau.
Aus den Wolken regnet es.
Durstig trinkt die Erde, was der Himmel gibt.
Tropfen fallen in den See
Kreise um Kreise, sich weitend
Das stumme Echo des kreisenden Wassers brandet dem Ufer zu
Morsezeichen leitet die Erde weiter.
Marie schaut einem Tropfen zu, wird selbst Tropfen
der aus der Wolke stürzt, auf dem Wasser aufschlägt
seine Oberfläche durchbohrt,
spürt sich in Kreisen auflösen
und ist wieder am Anfang.

Geh und nimm alles mit, was die Zeit dir schenkt
atme es ein und aus
fahre die Tentakel aus
und trage es weiter in wachsenden Kreisen
Spiralnebel
steige aus dem Wasser , erhebe dich in die Luft
Kreise!