Lieblingssätze 10

Satz 10

„Die junge Katze, die hier alles zum ersten Mal sieht, sie stand auf der Küchentreppe und witterte lange hinein.“

„Regenkatze“ von Sarah Kirsch (12.9.2003)

Mucksmäuschenstill schleicht sich Ida aus der Schlafetage die Treppe hinunter. Sie braucht kein Licht, findet den Weg blind. Ihre Füße tasten sich vorwärts. Die Erwachsenen dürfen sie nicht hören und sehen. Ida fürchtet, dass Mama schimpfen wird, wenn sie das Kind entdeckt. Es ist dunkel und Schlafenszeit. Im Haus sind die Stimmen erstorben. Nur die Uhr im Flur tickt laut. Aber es riecht so gut aus der Küche, nach Bratkartoffeln und Speck. Ida läuft das Wasser im Mund zusammen. Das späte Nachtmahl ist für die beiden Onkel bestimmt, die nach der harten Arbeit in Feld und Stall großen Hunger haben. Ida findet das ungerecht, sie muss sich abends mit einem Butterbrot begnügen. Heimlich hofft sie, dass in der Pfanne auf dem Kohleherd noch ein paar Schrieben geblieben sind, und die will sie jetzt naschen.

Jetzt hat sie das Ende der Treppe erreicht, ist im Flur angekommen. In der Küche brennt kein Licht mehr. Leise öffnet sie die Tür, geht zum Herd. Und tatsächlich, da ist noch ein Rest vom ausgelassenem Speck. Schnell in den Mund damit, Ida ist selig, und dann wieder zurück ins Bett.

Glück gehabt, niemand hat sie entdeckt.

Wurzeln 8

Kindheitsspuren (1)

Die roten Schuhe

Das Dorf war klein, eingebettet zwischen Wald, Feld und Wiesen. Hier kannte jeder jeden. Erwachsene Bewohner wurden von den Kindern Tante und Onkel genannt. Hier blieb nichts verborgen und geheim, fast nichts.
Die kleine Christine, gerade fünf Jahre alt, lief wie fast jeden Morgen an der Hand von Mama durchs Dorf. Heute sollte es in die Wiesen gehen, um Feldblumen für die Fronleichnamsprozession zu sammeln. Christine liebte es, wenn Blumenteppiche auf die Straßen gelegt wurden, Heiligenhäuschen festlich mit Blumen, Kerzen, Silber und Leinen geschmückt wurden und überall die gelb-weißen Fahnen flatterten. Und wenn der Herr Pastor mit der Monstranz über die Teppiche schritt und hinter ihm die Messdiener mit den Glöckchen klingelten, dann wurde alles ganz feierlich. Selbst die Lieder, die gesungen wurden, fielen ganz tief ins Herz. Manchmal musste Christine schlucken und ein paar Tränen wegdrücken.
Auf dem Weg hinaus aus dem Dorf kamen sie an dem kleinen Schuhladen von Onkel Franz vorbei. Vor dem Schaufenster blieben die beide stehen. Mitten darin erblickte Christine die schönsten Schuhe, die sie je gesehen hatte, rot, aus Lack und mit Schleifchen verziert. Vor ein paar Tagen hatte Mama gesagt: „Du brauchst neue Schuhe Christine. Die alten sind dir zu klein.“. Daran erinnerte sich das Kind.
„Mama, die da, die roten mit der Schleife, die möchte ich haben. Kaufst du sie mir?“
„Ach Kind, ich weiß nicht so recht. Die Schuhe sind zu fein für Hof, Wiese und Feld. Die kannst du nur an Feiertagen tragen. Du brauchst aber Schuhe für jeden Tag.“ antwortete Mama. „Wir fragen deinen Papa.“
Papa war aber nicht da. Er war wieder weg und Christine wusste nicht, wann er wieder nachhause kommen würde.
„Er arbeitet in einer anderen Stadt und kann nicht so oft zu uns nachhause kommen.“ hatte Mama ihr erklärt. „Hier im Dorf gibt es keine Arbeit für Papa, deshalb geht er auf Montage:“
Christine wusste nicht was das sein sollte, Montage, aber sie fragte auch nicht. Es wurde darüber nicht geredet.
Mit Mama und den Geschwistern wohnte Christine auf dem Bauernhof bei Oma. Zwei Brüder und zwei Schwestern von Mama wohnten auch dort. Und alle paar Wochen kam Papa. Alle Erwachsenen arbeiteten zusammen auf dem Hof.
„Mama, darf ich die roten Schuhe haben?“ fragte Christine am Abend vor dem Schlafengehen ihre Mama.
„Nein, Kind, dafür reicht das Geld nicht. Du brauchst vernünftige Schuhe.“

Beim Einschlafen dachte Christine nur an die roten Schuhe. Sie stellte sich vor, sie sei eine Prinzessin. Die Schuhe passten wunderbar zu dem hübschen Spitzenkleid.  Und sie passten wie angegossen. Nichts drückte und schnürte ein. Wie es wohl wäre auf dem Schützenfest darin zu tanzen, wenn die Kapelle zu musizieren begann? Christine liebte die Bewegung zur Musik. Am liebsten drehte sie sich so lange um sich selbst, immer schneller und schneller, bis ihr ganz schwindelig wurde. Dann ließ die sich fallen und genoss, dass sich alles um sie herum drehte und die Bewegung langsam abebbte. Heimlich machte sie das öfter in der großen Küche, wenn gerade keiner da war. Darüber schlief Christine ein.
 Im Traum sprachen die Schuhe zu ihr: „Wir warten auf dich. Komm uns holen. Wir sind nur für dich gemacht.“
Und schon spazierten sie zum Schaufenster hinaus über die Straße und zum Haus, in dem Christine wohnte. Dort klopften sie an die Tür, aber niemand hörte sie. Nur Christine.
 Das Mädchen stieg aus dem Bett, schlich die Treppe hinunter zur Haustür und öffnete sie. Oma hatte wohl vergessen sie abzuschließen.
Die Schuhe spazierten in den Hausflur hinein und sprangen an Christines Füße, und schon drehte sich das Kind wie von selbst. Immer schneller und schneller, bis ihm schwindelig wurde und es sich fallen ließ.
Ein kleiner Sonnenstrahl kitzelte Christine am Kinn. Zeit zum Aufstehen. Das Kind sprang aus dem Bett und wollte in die roten Schuhe schlüpfen. Die waren aber nicht da. Traurig ging das Kind in die Küche zum Frühstück an dem langen Holztisch. Nur Tante Olga war da.
„Warum schaust du denn so traurig, Kind? Hast du schlecht geträumt?“
Da erzählte Christine der Tante von den roten Schuhen, dem Kummer und ihrem Herzenswunsch, auch dass sie in der Nacht von den Schuhen geträumt hatte, und wie gern sie diese Schuhe haben wollte.
„Komm mal zu mir auf den Schoß, Kind. Ich erzähle dir die Geschichte von den roten Schuhen.“
Christine kletterte auf Tante Olgas Schoß und hörte zu.
Im Märchen wollte ein Mädchen unbedingt rote Schuhe haben. Es flehte und quengelte so lange, bis die Eltern ihr die Schuhe kauften. Sofort zog das Mädchen die Schuhe an und tanzten mit ihnen aus dem Haus hinaus, über die Dorfstraße an der Schule vorbei und in die Kirche hinein. Von dort weiter in den Wald, weit weg vom Dorf. Sie tanzten und tanzten und hörten nicht mehr auf. Sie tanzten immer weiter, bis das Mädchen ganz erschöpft und verzweifelt versuchte, sich die Schuhe von den Füßen zu reißen. Schließlich sah sie keine andere Möglichkeit als zum Henker zu gehen.
„Hack mir die Füße ab, damit ich nicht mehr tanzen muss.“
Der Henker tat was von ihm verlangt wurde und hackte ihr die Füße ab. Die aber tanzten mit den roten Schuhen immer weiter und davon.

Später als Christine erwachsen war, dachte sie oft an diese schreckliche Geschichte. Trotzig beschloss sie, immer ein paar schöne rote Schuhe im Schuhschrank zu haben. Und dieses Versprechen hat sie bis heute gehalten.

Ich hatte einen Traum

Es war einer jener Träume, die selten sind und die man nicht mehr vergisst. Diese besonderen Träumen erzählen mir etwas über mich, was ich bis dahin in seiner Komplexität noch nicht begriffen hatte, obwohl die einzelnen Puzzleteile schon lange vorhanden waren. In dieser Nacht war ich im Garten meiner Kindheit, genau an jenem Platz, an dem der Birnbaum mit den kleinen runden Birnen wuchs. Er war nicht besonders hoch, und ich pflückte die Grießbirnen schon als Kind gerne. Ende August wurden sie reif. Sie wurden nicht roh gegessen sondern eingekocht. Erst dabei entwickelte sich ihr unvergleichlicher Geschmack. Niemals mehr habe ich diese Birnen gesehen oder gegessen, nachdem Garten und Birnbaum aus meinem Leben verschwunden waren. Wüsste ich den Sortennamen, ich würde einen solchen in meinen Garten pflanzen. Sofort!
Zurück zum Traum, was hat er mir erzählt?
Mein innerer Ort ist ein Garten, in dem ein Birnbaum steht. Er ist von Hecke oder Mauer umgeben. In der Mitte ist ein tiefer Brunnen. Es ist ein Vorfrühlingsgarten, indem die Knospen beginnen sich zu regen und die Sonne erste zarte Farbtupfer in den Tag malt. Meine Farben sind: buttergelb, puderrosa, helllila, blassblau, zartgrün, silber, weiß und alle Grautöne. Es duftet nach dem letzten Schnee und dem ersten grünen Gras. Es ist eher das Ruhige und Verhaltene, was mich ausmacht. Mein Ziel ist der Weg.
Würde ich mein Lebensmärchen schreiben, alle genannten Facetten müssten darin enthalten sein.
Zurück zum Traum. Dort bin ich zurück gekehrt in meinem Kindheitsgarten, der schon längst verwildert und von (Un)Kräutern überwuchert ist. Trotzdem finde ich dort alle meine Farben und Düfte wieder. Ich weiß, dass ich den Garten an diesem Ort nicht behalten oder neu errichten kann. Aber meine Schwester ist bei mir. Sie nimmt eine Pinzette, pflückt vorsichtig Miniaturen von Kräuter und Blumen und pflanzt sie in eine kleine Schale. Sie drückt mir die Schale in die Hand und sagt: „Nimm sie mit. Und nun geh.“
Jetzt weiß ich, dass ich jene Samen in allen inneren und äußeren Gärten auspflanzen kann, die ich für mich – wo auch immer – noch finden oder anlegen werde. Und an jedem dieser Plätze werde ich neue Sämlinge mitnehmen können um die vorhandenen zu ergänzen und zu erweitern.

Habt ihr vielleicht ein ähnliches Bild im Kopf, dass euch überall hin begleitet und in dem ihr ausruhen könnt, wenn draußen alles zu viel und zu laut wird?

APFELBAUMLIEBE

Äpfel am Baum, wie warmes Brot aus dem Ofen
und frische Milch mit Haut auf dem Fensterbrett.
Kindheit duftet zwischen den Zweigen.
Grashalme kitzeln.
Wind streichelt die Haut.
Groß legt der späte Sommer sich in eine Hängematte.

Ich will den Apfel pflücken, an ihm schnuppern, hinein beißen.
Bis der Saft am Kinn hinunter rinnt.
Hurtig die Zunge.
Wenn alle Fülle zur Reife kommt,
legt sanft und sicher die Liebe sich in dein Gemüt.
Zeit zu bleiben, eine zeitlose Weile.
Spät erst siehst du, wie das Laub
sich messingfarben dem Winter entgegen färbt.

Schätze

Als ich ein kleines Kind war, spielte ich sehr, sehr gerne mit der Knopfkiste meiner Oma. Die war in der Schublade des großen, dunklen Esstisches im guten Wohnzimmer versteckt. Ich sortierte die Knöpfe nach Größe und Farben, legte Muster mit ihnen und bewunderte besonders die, welche glitzerten und leuchteten. Es gab einfache weiße Wäscheknöpfe, Perlmuttknöpfe, silberne Köpfchen in Blütenform und solche, die wohl mal Münzen gewesen waren. Andere waren rund und rot und glichen einer Perle, dazwischen kleine Hemden-und Blusenknöpfe für den alltäglichen Gebrauch. Ganz besonders schön waren die Trachtenknöpfe mit dem herausgearbeiteten Edelweiß.
Ich lebte in einem Mehrgenerationenhaus, das ein Bauernhof mit Scheune, Schuppen, Tenne, mit Tieren, Gemüsegarten und Obstwiese war. Der Hofhund hieß Greif und hasste den Briefträger in seiner blauen Uniform.
Das Haus war sehr alt. Es gab weder fließendes Wasser – außer in der Küche – noch eine Heizung. In der Tenne war in einem kleinen Verschlag das Plumpsklo untergebracht. Statt Toilettenpapier standen  Zeitungseiten zur Verfügung, die man erst weich reiben musste, um sie benutzen zu können.
Im Grunde ist das erst etwa fünfzig Jahre her.

Heute stöberte ich ein bisschen im Internet, suchte nach Anleitungen für gehäkelte Armbänder, und da fand ich welche, die mit unterschiedlichen Knöpfen verziert waren und natürlich musste ich sofort an die Knopfkiste in meinem alten Großmutterhaus denken, mit der ich damals do gern gespielt hatte.

Klar was ich jetzt in Angriff nehme, oder?