Ich hatte einen Traum

Es war einer jener Träume, die selten sind und die man nicht mehr vergisst. Diese besonderen Träumen erzählen mir etwas über mich, was ich bis dahin in seiner Komplexität noch nicht begriffen hatte, obwohl die einzelnen Puzzleteile schon lange vorhanden waren. In dieser Nacht war ich im Garten meiner Kindheit, genau an jenem Platz, an dem der Birnbaum mit den kleinen runden Birnen wuchs. Er war nicht besonders hoch, und ich pflückte die Grießbirnen schon als Kind gerne. Ende August wurden sie reif. Sie wurden nicht roh gegessen sondern eingekocht. Erst dabei entwickelte sich ihr unvergleichlicher Geschmack. Niemals mehr habe ich diese Birnen gesehen oder gegessen, nachdem Garten und Birnbaum aus meinem Leben verschwunden waren. Wüsste ich den Sortennamen, ich würde einen solchen in meinen Garten pflanzen. Sofort!
Zurück zum Traum, was hat er mir erzählt?
Mein innerer Ort ist ein Garten, in dem ein Birnbaum steht. Er ist von Hecke oder Mauer umgeben. In der Mitte ist ein tiefer Brunnen. Es ist ein Vorfrühlingsgarten, indem die Knospen beginnen sich zu regen und die Sonne erste zarte Farbtupfer in den Tag malt. Meine Farben sind: buttergelb, puderrosa, helllila, blassblau, zartgrün, silber, weiß und alle Grautöne. Es duftet nach dem letzten Schnee und dem ersten grünen Gras. Es ist eher das Ruhige und Verhaltene, was mich ausmacht. Mein Ziel ist der Weg.
Würde ich mein Lebensmärchen schreiben, alle genannten Facetten müssten darin enthalten sein.
Zurück zum Traum. Dort bin ich zurück gekehrt in meinem Kindheitsgarten, der schon längst verwildert und von (Un)Kräutern überwuchert ist. Trotzdem finde ich dort alle meine Farben und Düfte wieder. Ich weiß, dass ich den Garten an diesem Ort nicht behalten oder neu errichten kann. Aber meine Schwester ist bei mir. Sie nimmt eine Pinzette, pflückt vorsichtig Miniaturen von Kräuter und Blumen und pflanzt sie in eine kleine Schale. Sie drückt mir die Schale in die Hand und sagt: „Nimm sie mit. Und nun geh.“
Jetzt weiß ich, dass ich jene Samen in allen inneren und äußeren Gärten auspflanzen kann, die ich für mich – wo auch immer – noch finden oder anlegen werde. Und an jedem dieser Plätze werde ich neue Sämlinge mitnehmen können um die vorhandenen zu ergänzen und zu erweitern.

Habt ihr vielleicht ein ähnliches Bild im Kopf, dass euch überall hin begleitet und in dem ihr ausruhen könnt, wenn draußen alles zu viel und zu laut wird?

APFELBAUMLIEBE

Äpfel am Baum, wie warmes Brot aus dem Ofen
und frische Milch mit Haut auf dem Fensterbrett.
Kindheit duftet zwischen den Zweigen.
Grashalme kitzeln.
Wind streichelt die Haut.
Groß legt der späte Sommer sich in eine Hängematte.

Ich will den Apfel pflücken, an ihm schnuppern, hinein beißen.
Bis der Saft am Kinn hinunter rinnt.
Hurtig die Zunge.
Wenn alle Fülle zur Reife kommt,
legt sanft und sicher die Liebe sich in dein Gemüt.
Zeit zu bleiben, eine zeitlose Weile.
Spät erst siehst du, wie das Laub
sich messingfarben dem Winter entgegen färbt.

Schätze

Als ich ein kleines Kind war, spielte ich sehr, sehr gerne mit der Knopfkiste meiner Oma. Die war in der Schublade des großen, dunklen Esstisches im guten Wohnzimmer versteckt. Ich sortierte die Knöpfe nach Größe und Farben, legte Muster mit ihnen und bewunderte besonders die, welche glitzerten und leuchteten. Es gab einfache weiße Wäscheknöpfe, Perlmuttknöpfe, silberne Köpfchen in Blütenform und solche, die wohl mal Münzen gewesen waren. Andere waren rund und rot und glichen einer Perle, dazwischen kleine Hemden-und Blusenknöpfe für den alltäglichen Gebrauch. Ganz besonders schön waren die Trachtenknöpfe mit dem herausgearbeiteten Edelweiß.
Ich lebte in einem Mehrgenerationenhaus, das ein Bauernhof mit Scheune, Schuppen, Tenne, mit Tieren, Gemüsegarten und Obstwiese war. Der Hofhund hieß Greif und hasste den Briefträger in seiner blauen Uniform.
Das Haus war sehr alt. Es gab weder fließendes Wasser – außer in der Küche – noch eine Heizung. In der Tenne war in einem kleinen Verschlag das Plumpsklo untergebracht. Statt Toilettenpapier standen  Zeitungseiten zur Verfügung, die man erst weich reiben musste, um sie benutzen zu können.
Im Grunde ist das erst etwa fünfzig Jahre her.

Heute stöberte ich ein bisschen im Internet, suchte nach Anleitungen für gehäkelte Armbänder, und da fand ich welche, die mit unterschiedlichen Knöpfen verziert waren und natürlich musste ich sofort an die Knopfkiste in meinem alten Großmutterhaus denken, mit der ich damals do gern gespielt hatte.

Klar was ich jetzt in Angriff nehme, oder?