Nicht nur der Tag stirbt

Langsam zerlegt sich das Jahr
entkleidet Baum und Strauch
Schleier heben sich
Strukturen schälen sich heraus
Zurück geworfen auf sich selbst
der Erde nah, den Vollmond im Blick
kehrt alles SEIN zum Ursprung zurück
träumt Leben in den Winter sich
eingehüllt in gewichtige Worte
verblasste Farben, eine melancholische Melodie
den Duft von Apfelsinen
die Essenz der Dinge, den Grund
Sicher, dass beizeiten
das Neue kraftvoll geboren wird

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Vom alten Jahr, das nicht gehen wollte

Das alte Jahr tat sich schwer, denn etwas hielt es in den verborgenen Zwischenräumen fest, als warte es darauf, dass noch etwas Wesentliches in den eingefrorenen Momenten voll erstarrter Lichter am Himmel erscheinen würde. Es wollte nicht wahrhaben, dass es Zeit war zu gehen. Im silbergrauen Bart verfingen sich lange Eiszapfen. Die ablaufenden Stunden begannen sein Blut zu gefrieren, aber wie ein störrisch gewordener alter Mann beharrte es auf dem Bleiben.
Was hielt das überreife Jahr in den Abgründen seiner abgelaufenen Zeit fest? Es war starr und schwer geworden – beladen, wie ein Holzweib im Winterwald vergangener Zeiten. Die Menschenfrau zwischen den Jahren wünschte sich nichts sehnlicher, als dass es von selbst vom Stängel brechen würde, wie eine exotische Frucht – und sie nichts weiter tun müsse, als die Hände auszustrecken, um es sanft aufzufangen.
Die Zeit stand still und die Luft zum Atmen wurde dünn – nichts ging weiter. So pflückte die Frau schließlich das Jahr , schlug es vorsichtig in Seidenpapier ein, gab ihm einen Namen und seiner Hülle die Gestirne – Sonne, Mond und Sterne – und legte es zu den anderen Jahren ins Speicherregal unter dem Dach neben die letzten Äpfel und Honigkuchen. Leichtfüßig und wie ein neugeborenes Kind lief sie die Treppe hinunter und hinaus in den Garten zu den übrig gebliebenen Hagebutten.
Sie umarmte den ersten Tag des neuen Jahres und malte mit Wunderkerzen Glückssymbole in die Nacht.
Einmal noch blickte sie sich um, sah das Licht unter dem Giebel im Speicherzimmer und bedankte sich mit einem Lächeln.
Dieser Prozess, dessen Ritual jedes Jahr gleich war – immer dieses Zaudern am Ende und das Nichtloslassenwollen – fand ein freundliches Ende, denn nur wenn etwas abgeschlossen ist, öffnen sich die neuen Dinge und beginnen ihre ersten Schritte mit der Leichtigkeit verspielter Kinder.