26.10.20

Was mich berührt

1.
Der Ahorn hochlodernd
eine gelbe Flamme im Licht
der wilde Wein ein roter Zauber
im Hintergrund
2.
Das kleine Blatt auf der Mauer
zart und fein gefiedert
nur noch die Rippen haben Bestand
und ein Rest vom Gelb dazwischen
3.
Die Mauer mit dem verblassten Anstrich
der abblättert und Hintergrund ist
für Efeu und das Rot des wilden Weines

Hochauflodern möchte ich im Sonnenlicht, für etwas brennen auf meine alten Tage.
Und wenn meine Struktur sich unverschleiert nach außen zeigt, weil mein Fleisch sich verflüchtigt, dann soll sie filigran sein und dennoch stark. Wo Narben und Falten mich zeichnen, soll mein Licht bleiben und wie das Leuchten vom wilden Wein sein im Herbst.   Wenn ich dann irgendwann loslassen muss oder darf, möchte ich zur Erde schweben wie ein Blatt im Wind und wieder zu Erde werden.

18.10.20

Ein Streifen Sonne
berührt das herbstliche Laub
und lässt es leuchten

Wege und Pfade geschmückt
einzelne Blätter, blutrot

Yemaja zu singen
unter bedeckten Himmeln
mit dem Wind tanzen

wenn rote Blätter schweben
und gelbe wie Sterne sind

dann sage ich danke dem Wind, der Erde, dem Feuer, der Luft und diesem wunderbaren Tag.


Yemaja: Göttin des Meeres und der Mutterschaft (Kuba und Brasilien)
https://www.youtube.com/watch?v=-tyNrkXC6sI

Wenn es Herbst wird im Apfelbaum

1
Amseln
Amseln und Apfelbaum
Apfelbaum
Apfelbaum und Taubennest
Taubennest
Amseln und Apfelbaum und Taubennest
Der Sommer war lang, Tauben und Amseln fliegen davon, das Nest bleibt und verrottet. Alles im Fluß!

2
Zwei Amseln im Apfelbaum
nah am vergessenem Taubennest
zwischen lichter gewordenem Laub, ein Flirren
Wind der raschelt
und Amseln wiegt – kurz
dann geht der Flug weiter

3
Das Ringeltaubennest
verlassen schon eine Weile
sah die Eier, sah die Küken
wachsen flügge werden, fliegen
manchmal noch kamen sie vorbei – kurz
und hielten Rast im alten Nest

4
Der Apfelbaum, mein Freund
sein Messinglaub leuchtend im Sonnenschein
es flirrt und raschelt im Wind
Bald sind die Laublasten abgetragen
Zeit für den Winterschlaf
um auch im nächsten Jahr
Früchte und Taubennester zu tragen

Oktoberende

Es ruht das Jahr in seinen letzten Farben aus.
Am Morgen zeichnen Nebelschleier weich
und mancher Baum zeigt sein Gerippe.
Der Wind im Sturme zornig
zerzaust das Haar, lässt lose Dinge poltern oder flattern.
Er heult und jault mit Drohgebärden durch den Kamin
kleine Kinder fürchten sich vor dem Gespenst.
Von Baum und Strauch klaubt er mit Macht
das Funkelrot, ein fahles Gelb und Knisterbraun.

Ich freue mich an allen Düften, Klängen, Melodien
mit denen uns der Herbst so überreich beschenkt
und finde Ruhe im Verschwinden aller Farben.
Des nachts träum ich vom Schnee, der all dem Schroffen
seine scharfen Ecken nimmt und weicher stimmt.

Damals, als ich es zum ersten Mal sah…

 

Ich, Marie, erinnere mich. Genau auf diesen Polstern hier im roten Salon saß ich vor langer Zeit mit dir. Es war im Herbst. Auf dem niedrigen Tisch zu meinen Füßen stand eine Schale mit duftenden Äpfel, und am Fenster brannte ein siebenarmiger Leuchter mit haselbraunen Kerzen. Es duftete nach Bienenwachs und Orangenschale. Ich hauchte einen Sonnenkuss in dein ergrautes Haar. Zeiten kommen, Zeiten gehen! Ich bin nicht mehr die, an die du damals dein Herz verloren hast. Einst, mein Liebster, war in deinen Augen das lichte Meer. Ich fiel hinein und vergaß die Zeit in dieser graugrünen Unendlichkeit. Dort lag ich auf dem Rücken und ließ mich tragen. Kein Schrecken, weder Angst noch Sorgen, kein Schmerz warteten am Horizont. An jenem Tag, als ich einen Sonnenkuss in dein Haar hauchte, waren deine Augen ein stürmisches Meer. Bedrohliche Schatten wuchsen am Horizont und die Wellen peitschten hoch.
Pass auf, dass du nicht zerschellst mit deinem Boot im Lebensmeer, flüsterte ich gleich einem zärtlichen Wind.
Du bist gegangen ohne ein Wort, und ich lief in den Garten und vertraute Frau Hulda, dem Holunderbusch, meine Tränen an. Es ist lange her. Wo steh ich jetzt?

Herbstgefühl

(auch, wenn die Temperaturen hochsommerlich sind, die Tage werden kürzer, Nüsse fallen, Blätter beginnen sich zu färben)

Zeit, Ballast abzuwerfen
falsche Erwartungen über Bord zu werfen
genügsam zu werden
darin die Essenz der Fülle entdecken
bittersüß, der Geschmack
es bleibt noch genug
um hinein zu wachsen
und frei zu sein
wie der Baum im November
ohne Früchte und Blätter
in seinen Wurzeln ruht

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HERBST

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke
Aus: Das Buch der Bilder