Wo Geschichten wachsen dürfen

Der Mensch ist aus Geschichten gemacht, die das Leben auf seine Haut oder in ihn hinein geschrieben hat. Märchen und Legenden sind auch dabei. Wer aber will im Gewächshaus der Erinnerung schon darüber urteilen, was wahr ist oder gefälscht, was wachsen darf oder ausgemerzt werden soll? Die Grenzen werden fließend, wenn Jahre sich in Schichten über die Zeit legen und der Körper älter wird; wenn Unbewusstes aus tiefen Quellen lianengleich empor steigt zum Licht und Blickwinkel auf die Vergangenheit sich ändern.
Wenn ich nun beginne mit der allerersten Geschichte, dann könnte ich weit über mich hinaus gehen und vielleicht dort beginnen, wo die Nordmeere am tiefsten sind und die jodhaltige Luft mit ihrem Salzgeschmack die Nase kitzelt. Ein kleines Boot aus Binsen hat den Wellen getrotzt und wird einen Strand finden, an dem es sich anhaken kann.
Denn meine erste Geschichte beginnt lange vor meiner Geburt. Wenn ich sie erzähle, dann wird sie erhört weiterleben, wenn der letzte Atemzug getan ist. Und sie wird ein kleiner Mosaiksteine sein im großen Menschheits-Puzzle.
Ich sehe das Gewächshaus der Erinnerung vor mir, nichts wird beschnitten. Es darf sein, was sich traut. Es grünt und blüht, verschenkt sich großzügig als Samen, Früchte und Blumen. Und alles besteht aus Worten und Bildern, die sich ineinander weben zu einem sich stets veränderndem Gemälde. Was da wen befruchtet oder zum Leben ermutigt, bleibt ungewiss.

A. Röhrig

Geschichtenbaum

Ich spüre die Wurzeln der alten Eiche unter der Erde. Es fließt und rinnt dort. Hier gibt es viele geheime Türen. Durch eine gelangt man direkt in den Stamm. Der Baum hat einen Namen: Adam Winterbill.

Von ihm möchte ich eine Geschichte erzählen, wenn ich darf:
Adam Winterbill
Ich bin ein Baum! Mein Platz auf der Lichtung ist gut. Während sich die Wurzeln unterirdischen Raum erobern und mit ihren wachsenden Zehen die Erde lockern, strecken sich die Zweige dem Himmel entgegen. Mein breiter Stamm , der gerade dem Himmel entgegen strebt, hält mich in Balance. Schlafbaum bin ich für kleine schwarze Vögel. Sie sitzen auf meinen Zweigen und erzählen mir zwitschernd ihre Geschichten von weit her. Neulich hängte eine Frau bunte Zettel in meine Zweige. Wie Gebetsfahnen trugen sie innigste Wünsche.

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Es soll ja Zeiten gegeben haben, nein, ich weiß, dass es sie gegeben hat, als das Wünschen noch geholfen hat.
Manche Papierspiralen hat der Wind mitgenommen, andere der Regen aufgeweicht. Jetzt hat sie der Schnee begraben. Im Moos zu meinem Fuß vermodern sie langsam. Ihre Herzensenergie dringt in den Boden ein und sammelt sich zwischen meinen Wurzeln. Nichts geht je verloren.
Durch Wurzeln, Stamm und Zweige steigt die Energie hoch in den Himmel, vermittelt sich den universalen Kräften, die uns gut umsorgen.
Ich bin auch ein Geschichtenbaum, und vielleicht beginne ich, sie zu erzählen.
Ich bin umgeben von guten Freunden. Sie winken mit ihren Zweigen und sehen mich. Manchmal vermitteln die Vögel zwischen uns Botschaften. Es ist kalt in diesen Tagen. Gegen die Kälte bin ich gut ausgerüstet, und die Wurzeln unter der Erde finden noch wärmende Erde. Silberne Kristalle kleiden meine Astspitzen ein und funkeln in der Sonne. Jemand gab mir, der uralten Eiche, vor langer Zeit einen Namen: Adam Winterbill!
Vorgestern kam die Frau wieder zu mir, um ihren Schutzengel zu finden. Eine Stimme führte sie zu einem großen braunen Tor mit goldenen Beschlägen. Sie öffnete den Messingknauf und betrat den Wald. Ein frühlingshafter Birkenweg führte sie zu mir auf die Lichtung. Am Baumstamm wurde sie empor getragen. In meinen Wipfeln traf sie ihren Engel. Er nannte seinen Namen, und es war der, den sie schon ewig kannte.
Ich weiß es, denn sie hat mir ihre Geschichte erzählt, während sie meinen Stamm umarmte und meine Rinde mit weichen Lippen küsste.
Eine andere Frau, sie wird Marie genannt, kam in einer Schneenacht und sie wärmte sich an meinen Stamm, fand die Tür und fiel. Inzwischen wird sie erwacht sein und sich wundern. Mein unterirdisches Reich ist groß.

Spurensuche, Claire sucht Marie

Tag 1

Liebe Marie,

ich werde mich in deine Wohnung begeben. Dort mitten im Wintergarten findet sich die Hängematte. Oft haben wir zusammen darin gelegen – Seite an Seite. Wir haben uns aufregende und fantastische Geschichten  erzählt von warmen fernen Ländern, von Flaschengeistern, Wassernixen und Korallenriffen. Unsere Haare vermischten sich, während wir flüsternd kicherten. Manchmal döste ich ein, und du wecktest mich mit Kaffee und diesem besonderen Gebäck. Weißt du noch, viel Schokolade war darin und ein Hauch von Orange.

Wir hatten Zeit. Uns gehörte noch die ganze Welt, und wir waren unzertrennlich. Zwischen uns gab es kein Geheimnis. Mit leuchtenden  Kerzen und leiser Musik läuteten wir den Abend ein, feierten den Tag. Manchmal blieb ich bis morgens – schlief in der Hängematte. Inselträume zogen wie Karawanen durch meine Nacht. Und immer – bevor ich einschlief – streicheltest du mich sanft, so wie nur eine Freundin es kann – Ersatz für eine Mutter, die ich nie gekannt hatte – und du hast vorgelesen. Deine Stimme klingt immer noch in meinen Ohren. Wusstest du damals schon, dass etwas besonderes auf dich wartet?

Ich will dich finden, Claire

Wandlung

Welche Gespenster, Geister und Luftschlösser; welche Abgründe, Schatten und Unholde durch MARIE´S scheinbar traumlosen  Schlaf spazierten und sich angeschickt hatten ein Bühnenstück zu inszenieren, ich weiß es nicht, aber ihre Lieder flatterten, und einmal – ich hielt gerade die trockene zarte Hand – einmal huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

Es war so berührend, dass ich beschloss, nun jeden Tag eine Weile an MARIE´S  Bett zu sitzen und ihr eine  Geschichte zu erzählen. Vielleicht die Geschichte von FRAU MAI, die bisher weder einenPlatz besaß, noch einer konkreten Motivation gefolgt war. Wer konnte schon sagen, was geeignet war, den Geist eines Menschen, der im Koma lag, zu veranlassen, sich wieder mit seinem Körper zu verbinden?

Mir, Claire, wurde in diesem Augenblick bewusst, dass dieses Geschichtenerzählen, wenn nicht für MARIE, so doch für mich selbst etwas Heilendes besaß:
ich kann etwas tun, die Zeit nutzen und versuchen mit meinen Mitteln MARIE zu erreichen. Es wird meiner Ohnmacht die Hilflosigkeit nehmen und das brüchig gewordene Band zwischen zwei Freundinnen, die keine gemeinsame Sprache mehr besitzen, erneuern.

An den Abenteurer in dir…

Also vorab gesagt, sollte euch der folgende Text wie eine Sammlung von Klischee-Näpfchen vorkommen, dann ist das durchaus bewusst so geschehen.

Lieber Sub.Cau.,

du hast mich ganz schön hinters Licht geführt, damals. Plötzlich bist du in meinem Blog aufgetaucht. Du bist wie MARIE über das Meer gesegelt, weil dein Leben – deine Geschichten- hinter den Silbermeeren entstanden sind.
Ich fühlte mich so geehrt „Unbekannter“. Einen Schatz legtest du vor meine Füße: poetisches Wortgeschmeide, abenteuerliche Satzperlen, glitzernde Tautropfensilben und Sätze aus schlingernden, schlängelnden Riesenschlangen. Den Giftzahn hattest du schon gezogen, mutiger Wilderer, der du warst. Ach, wie fühlte ich mich geschmeichelt, galt doch deine gesamte wortgewaltige Aufmerksamkeit mir, ganz und gar mir. Nur wir beide in diesem Augenblick, in dem eine grüne Hecke um uns herum wuchs, die alle anderen aussperrte und das Rätsel für mich, wer sich wohl hinter deinem Nick verstecke. Genossen habe ich in vollen Zügen, hatte da doch jemand meine ganz und gar empfängliche und weiche Stelle entdeckt, das Schlupfloch durch die Mauer mitten ins Herz, zur Seele und zum Geist. Das Spiel dauerte lange, ich hätte es gerne ausgedehnt, aber leider gewann meine angeborene Neugier Überhand und ließ mir keine Ruhe mehr. Was für eine Verblüffung meinerseits, als mir klar wurde, dass du dich hinter dem Nick versteckst, jemand, den ich nur zu gut kenne, besser gesagt zu kennen glaubte. Und dann war das Geheimnis gelüftet und der Zauber futsch. Bis vorgestern fragte ich mich, wo er geblieben ist, der Abenteurer in dir. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Er steckt in dir und kann nicht raus. Ein Fiesling hat ihn eingekerkert. Warum? Vielleicht, ich kann nur spekulieren,  um dir die Chance zu geben, über die eigentlichen Beweggründe damals nachzudenken. Ein Konkurrent war am Horizont aufgetaucht, der begann, mein Königreich einzunehmen. Das konntest du nicht zulassen. Da bist du in die Schlacht gezogen und hast den Abenteurer gewagt.
Kurz und gut, es wird Zeit, den Gefangenen frei zu lassen. Er hat nichts Schlimmes verbrochen. Der Abenteurer soll leben. Keine Frau der Welt möchte einen dressierten Affen in ihrem Leben haben, dem die Worte fehlen und der sich nicht traut. Nein, du musst für mich in keine neue Schlacht gehen, um mir ein Heldentum vorzugaukeln, aber kämpfen für dich selbst, für dein eigenes Leben, das eigene Ding, deinen eigenen Sinn das wäre großartig. Und wenn du mir dann wieder Geschichten von „Hinter den Silbermeeren“ mitbringst, dann hast du auf jeden Fall ein Königreich gewonnen.
Es grüßt der Findevogel

Erwacht

marie war von etwas erwacht. wo war sie nur? etwas hatte sie gerufen. es dauerte eine weile, bis sie wieder wusste, wo sie war: in der höhle -auf der steinernen bank musste sie eingeschlafen sein – seltsam. ach da waren ja auch die lebendig tanzenden Pferde an der Höhlenwand. Wie lange sie wohl geschlafen hatte?
augenblicklich dachte sie an IHN, den sie suchte, und die sehnsucht wuchs vom bauchraum in den ganzen körper hinein – eine mischung aus freude, sehnen und schmerz. das herz klopfte ihr in den ohren und ein schluchzer entströmte ihrer kehle. diese verbundenheit – er hatte im traum zu ihr gesprochen. sie konnte sich an jedes wort erinnern und an seine stimme. wo war er nur. jenseits der zeit an einem fremden ort?

wie sollte sie ihn finden. erst einmal musste sie durch diese höhle. die feuergnome trommelten.

ein gedanke kamm ihr in den sinn:

„menschen hinterlassen spuren – lesbar für jene, die sie finden wollen und verstehen. schon oft folgte ich einer blassen spur in worten, zeilen, gedichten, im miteinander. je intensiver ich folgte, umso klare wurden die zeichen – puzzleteile, auf dem weg zum du. ich wurde zum spurensucher und hinterließ selbst spuren auf meinem weg, die fand, wer mich versteht. ein geheimer code, nur zu entschlüsseln von menschen, die ähnlich ticken. immer hinterlasse ich etwas, ohne, dass ich es absichtlich plane, und du tust es genauso. wie hätte ich dich sonst finden können?“

wer hatte ihn nur gedacht? stand er in einem buch oder sprach ihn jemand zu ihr? plötzlich hörte sie ein geräusch! (Ausschnitt)
Marie, eine von mir erschaffene Figur hat mich durch schwierige und beglückende Zeiten begleitet. Alles begann mit dem Logbuch, dass ich 2005 begann. Über die Jahre und mit großen Unterbrechungen, sammelte sich allerhand Schreibstoff zusammen. Es gibt Textfäden, die noch nicht zuende gedacht und geschrieben sind und Geschichten, die ihr Geheimnis noch nicht veraten haben.
In den letzten Jahren war MARIE für mich  nicht mehr so präsent. Nun drängt sie sich wieder in meine Gedanken. Da ist noch etwas, was zu tun bleibt.
Immerhin der Titel über all diesen Fragmenten, Erzählfetzen, Gedanken und Geschichten bekommt jetzt einen Namen: „Der Weg ist das Ziel“.
Wenn ihr von MARIE mehr  lesen möchtet, lasse ich sie hier noch einmal aufleben und ihren Weg weiter gehen.

 

Sprachteppiche

Dies schrieb ich für A. es könnte aber auch an Gertrud Trenkelbach geschrieben sein.

Geschichten, Schwester, wir sind Geschichtenerzählerinnen. Unser Thron ist ein Schaukelstuhl vor dem Kamin, manchmal auch der Poller am Kai oder die grüne Tonne vor dem Haus.
Märchen erzählen wir nicht, nur manchmal, wenn es Nacht wird und draußen um das Haus herum die Winde schleichen.
Das Leben hat Sprachteppiche in uns gewebt. Der Faden mal fein, mal grob gesponnen, weich  aufgebauscht, fest verzwirnt oder genoppt – Sackleinen, Kartoffelsäcke, Samt und Seide oder roter Tüll – wir sehen die Muster, erkennen Zusammenhänge, entschlüsseln, finden in uns selbst ein zuhause.
Die Teppiche sind noch nicht fertig gewebt. Ob die Muster sich noch ändern werden?

In einem großen, leeren Raum mit weißen Wänden hängen wir die Sprachteppiche nebeneinander:
Kontraste, Ergänzung, Dialog!
Ein Lied entsteht und füllt mit seinem Klang den Raum, der zum Leben erwacht und Geschichten preis gibt, die sich einweben in andere Teppiche.

Frohe Ostern

Das Bloghaus hat sich gerüstet. Mögen die Gäste willkommen sein. Im blauen Salon ist die Tafel gerichtet. Grüne Zweige schmücken den Raum.
Schon immer wollte ich Geschichten hören, echte Geschichten oder erfundene, Hauptsache erzählt.

Kommt also herein und nehmt Platz. Seit meine Gäste.
Lasst uns erzählen von alten und neuen Geschichten, von erlebten und fast vergessenen, von Glück und Pech und wundersamen Geschicken, von plötzlichen Wendungen und erstaunlichen Fügungen, von Zukunftsträumen.
Wer sich kennen lernen möchte, der muss ins Erzählen kommen, zum Beispiel über  ganz besonderen Ostererinnerungen. Die Häschenschule, bunte Eier, über die Glocken, die aus Rom zurück gekommen sind, über Lichter, die in der Finsternis entzündet werden und über Hoffnung, die als Grün in kahlen Winternäumen wächst. Auch über den Hasen, der Fruchtbarkeit verspricht, über das Eierköppen und feiertäglichen Lieblingsspeisen, über bunte Finger vom Ostereierfärben und vom Osterfeuer, das Funken stiebt.

Fröhliche und/oder besinnliche Feiertage wünscht der Findevogel