Meine Hauptfiguren und ich 2

Seltsam ist es, bin doch wohl eine sehr eingefleischte Mutter, die bereits drei von vier Kindern ins Leben entlassen hat.
Es fiel mir leicht, sie los zu lassen. Klar einen Augenblick lang war da die Sorge, wie das Leben sich jetzt weiter entwickeln wird, welche Veränderungen entstehen würden, aber – und da bin ich ganz ehrlich – es hatte immer auch etwas Erleichterndes, ein Gefühl von Entlastung und Befreiung. Schließlich war plötzlich mehr Zeit da, die für anderes genutzt werden konnte.
Was hat das mit meinen Hauptfiguren zu tun?
Es ist ein bisschen wie Kinderkriegen. Plötzlich sind sie da, ich sehe ihnen dabei zu, wie sie sich aus mir entwickeln und entfalten. Ich freue mich mit ihnen, leide mit, gebe Anstöße, näh ihnen ein neues Kleid, schicke sie weg oder sperre sie ein. Manchmal lasse ich sie auch irgendwo warten, wie die Frau Mai, die in einem Bild ausharrt und leicht mit einer grünen Raupe verwechselt werden kann. Irgendwann sind sie ausgewachsen und wollen gehen, nicht mehr in einem Buch gefangen sein, nicht mehr Teil nur einer Geschichte sein, die anderen Hauptpersonen kennen lernen. Sie wollen von den Seiten herunter spazieren und selbst Erfahrungen machen.. Und was mir bei meinen Kindern ganz gut gelingt, fällt mir bei den erdachten Figuren viel schwerer. Aber ihnen fällt das Loslassen wohl auch schwer, denn immer wieder klopfen sie an, erheben mit Nachdruck ihre Stimme, wollen weiter geschrieben oder zumindest beachtet werden.
Neben MARIE, gibt es noch die JULE VAN MAAREN, AURORA, die Seiltänzerin und ADAM WINTERBILL. Natürlich sind diese Hauptpersonen meiner Geschichten mit anderen Figuren verbunden. Sie sind keine Einzelwesen, die ohne Zusammenhänge leben.

Ich habe ja einen Verdacht:
Eben las ich bei ULLI:
„Die eigene kleine Geschichte in der großen zu schreiben, dazu rät Ulla Hahn in dem Band „Spiel der Zeit“.
Wie immer ich sie schreibe, ob in Worten oder Bildern oder nur in mir, ich schreibe sie, meine Geschichte. Und schreibe sie immer wieder anders, je nachdem welchem Faden ich folge, aus welcher Perspektive ich auf meine Erlebnisse schaue, je nachdem an welchem Punkt ich beginne. Ich schenke meiner eigenen Geschichte Raum und ich lausche auf die Geschichten des jeweiligen Augenblicks. Dafür braucht es Gewahrsein. Wahr-sein im Jetzt. Ein Weg, ein Ziel und manchmal auch ein Ist.!

Die Figuren sind  Teile von mir und enthalten Aspekte, Wunschträume, Ungelebtes, Konzepte, wie Leben – meines – auch anders hätte sein können, Erfahrenes von mir selbst. Wie kann ich sie da los lassen? Meine Geschichte ist ja noch gar nicht zuende erzählt.
Und die Muetzenfalterin, deren Textschnipsel ich sehr schätze, schrieb, ich zitiere aus dem Text 41 (vielleicht ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen, aber es passt so gut)

„Was ich damit sagen will; ich wurde immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen.

Wir alle, alle anderen, aber vor allem all die anderen, die wir gewesen sind, leben fort in uns. Die Bilder, die Trauer, die Glücksmomente, das Suchen und wie es auf einmal aufgehört hat. Die Aufgaben, die uns dazu eingeladen haben, uns aufzugeben, endlich unser Ego loszuwerden und uns stattdessen zu verbinden, mit einer Tätigkeit, mit anderen Menschen, mit einer Idee.“

Ja, wir tragen all das in uns, und es schreibt sich auch in die Texte und Geschichten hinein.
Also lasse ich jetzt das Grübeln für heute sein und freue mich darüber, dass meine Geschichte(n) – sowohl die wahren, wie die ge(er)fundenen (aber was ist schon wahr) Teil der großen allumfassenden Geschichte sind und sein dürfen.

Ich habe gerade ein Bild vor mir. Darauf sehe ich einen wunderschönen bunten Teppich. Seine Schönheit bezieht er aus den ganz unterschiedlich gestalteten Flicken, die in ihm ganz groß  zusammen genäht sind. Und er kann und darf weiter wachsen. Denn ein vorgegebenes Maß gibt es nicht.

So zwischendurch…ein neues Rätsel!

Gerade sind wir mit dem Umzug meines dritten Kindes beschäftigt. Das Haus leert sich. Nur noch der Jüngste wohnt jetzt bei den Eltern, aber gerade brauche ich eine Verschnaufpause vom Kistenpacken.

Was seht ihr auf diesem Foto?

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und – an alle Schreiblustigen- welche Geschichte verbirgt sich dahinter?

Meine Hauptfiguren und ich (1)

Seit Tagen möchte ich etwas über meine Beziehung zu den von mir erfundenen Hauptpersonen erzählen, und immer kommt mir was dazwischen, z.B. das wundervolle Wetter, ein Brot, das noch gebacken werden möchte, ein Telefonat, die nun fertige Blütentasche, der Haushalt und meine berufliche Arbeit natürlich.
Ich schreibe seit 2003. Zunächst schrieb ich wie besessen Gedichte, dann bekam ich plötzlich Spaß am Erzählen und Fabulieren. 2005 erhielt ich die Diagnose BRUSTKREBS. und von jetzt auf gleich war nichts mehr wie vorher. Wie umgehen mit dieser Krankheit? Wie sich selbst helfen, wenn die Chemo so wirkt, als sei gleich alles zuende? Wie umgehen mit der ganzen Zeit, die ich plötzlich hatte?  Körperlich schwanden nicht nur meine Haare sondern auch meine Kräfte. So schrieb ich um mein Leben. Zunächst entstand eine Art Briefroman- Die Hauptfiguren Jule van Maaren aus Wien und Konrad Blauregen aus Berlin. Ich fand es sehr spannend, beim Schreiben zu erleben, wie erdachte Personen plötzlich Konturen, Persönlichkeit und Ausstrahlung erhalten und zu leben beginnen. Etwas später, in der schwierigsten Phase meiner Erkrankung, fand mich MARIE. Damals vermisste ich festen Boden unter den Füßen. Alles war ungewiss und schwankte. Ich fühlte mich, wie jemand, der eine einsame Reise über den großen Ozean antritt. Natürlich, da waren meine Familie, liebe Freunde und Bekannte, die mich emotional und mental  unterstützten, aber letztlich, durch eine solche  Krankheit geht jeder auch ein Stück weit ganz allein.
Auch MARIE ist nicht wirklich allein, als sie beschließt, in ein Boot zu steigen, sich auf den Ozean zu trauen, ihrem Gefühl zu folgen und der Stimme der Vernunft den Mund verbietet. Wie ich ist sie auf einer Reise ins Ungewisse. Der Ausgang ist zu diesem Zeitpunkt offen. MARIE hat nur ihre Sinne, die Intuition und ihre innere Stimme(n) dabei und ein paar Gegenstände, die sich im Verlauf der Reise als äußerst wertvoll entpuppen werden. Es gibt keine Verkehrsschilder, keine Wegweiser und nichts Offensichtliches, an dem man sich festhalten kann.
Es entsteht das Logbuch. Jeden Tag wird darin vermerkt, was gerade passiert oder auch nicht, wie die Stimmung ist, was das Wetter sagt, ein grüner Delphin taucht auf.
Mit MARIE fand ich während dieser Zeit eine Menge hilfreiche Schätze in meinem Inneren, die für die Bewältigung meiner Erkrankung  äußerst wertvoll waren.
Teilweise schrieb ich wie im Rausch. Gerade wenn körperlich gar nichts mehr ging, beamte ich mich mit dem Schreiben einfach aus meinem Körper weg. Die Geschichte entwickelte sich ganz ohne  vorgefertigten Plan während des Schreibens – rein intuitiv.  Mit MARIE´S Logbuch schrieb ich mir selbst eine heilsame Geschichte.
I

Warum ich so gerne erzähle

Erzählen hält die Welt zusammen. Wenn ich erzähle erinnere ich mich. Wenn ich mich erinnere wird aus den Augenblicken des Lebens meine Geschichte. Erzählend bin ich selbst mit meiner Geschichte Teil der großen Geschichte. Erzählend nehme ich meinen Platz ein und teile das Wissen um diesen Platz mit dir. Wenn du meinen Platz orten kannst, erhält auch dein Platz immer kräftigere Konturen.

ES WAR ANFANG MÄRZ

(Nachklang zu „Kein Blues am Montag“)

 

 

Schneeduft liegt in der Luft
feine Flocken hier und da
schweben über Asphalt
winzige Elfen, die sich in Luft auflösen
bevor der Blick sie fängt

Und ich erinnere mich an jenen Tag
an dem erste Zeilen in mein Herz fielen
und ein besonderer Duft darin hing
der eine Saite in mir zupfte
deren Klang Resonanz auslöste
und ein nachhaltendes Beben

Schnee hüllte deine Stadt ein
an jenem Tag
die Welt ein weißes Blatt Papier
neu, unschuldig und bereit
für den Anfang einer Geschichte

von Ana, Fragment 1

Ana steht vor der verschlossenen Tür. Sie hat sie selbst zugeschlagen, fassungslos vor dem, was sie gesehen und gehört hatte. Schon lange war sie nicht mehr klein, hatte viele Namen ausprobiert und sich nun einen zugelegt, mit dem sie sich wohlfühlte.
Wenn nur jemand sie beim Namen gerufen hätte, damals, sie wäre schneller ans Ziel gekommen.
Mühsam hatte sie den Abgrund zwischen SEIN und SCHEIN irgendwie überbrückt. Die Brücke, schon mehrmals eingestürzt, wieder geflickt und aufgebaut, war inzwischen aus massiven Steinen errichtet, die standfest blieben, auch wenn zwischen ihnen Löcher blinzelten und nicht alle Steine gerade standen.
Eigentlich hätte sie zufrieden sein können. Doch es nagte noch immer, und fraß sich zeitweise durch ihre Haut nach außen. Da waren immer noch Reste. Fragen über Fragen, die nach Antworten verlangten.
Was sie an diesem Morgen in den Abgrund schauen ließ, war die Einsicht, wie einfach es war, Geschichten aus der Erinnerung zu verfälschen. Sie war doch auch dabei gewesen. Ihre subjektive Sicht auf die Geschehnisse war eine andere. Es war ihr bewusst, dass Menschen Erinnerungen beschönigen und verändern, um sich selbst gerade zu rücken oder um vor sich selbst bestehen zu können. Verdrängungsmechanismen funktionierten perfekt. Nur jetzt, war sie zutiefst selbst betroffen. Es ging nicht darum, Recht zu haben, eher darum mit der eigenen subjektiven Empfindung gehört und akzeptiert zu werden. So weit, wie in diesem Fall an einem besonderen Morgen von jemand anderem erzählt, hatte sich eine Geschichte noch nie von ihr selbst entfernt. Das nahm ihr die Fassung.

Sehr geehrte Frau Trenkelbach,

es ist mir eine große Ehre, Sie hier als Mitautorin neben mir zu wissen. Ihren ganz eigenen Schreibstil und den damit verbundenen besonderen Humor weiß ich sehr zu schätzen. Ja ich liebe ihn geradezu.  Wir kennen uns ja schon eine Weile und auch das, was wir so zusammen schreiben. Heute habe ich ein besonderes Anliegen an Sie.
Gerade gestern baute ich endlich im Bloghaus meinen Schreibtisch auf. Stellen sie sich vor, er steht in einem frühlingsgrünen Raum, dessen Fenster das Morgenlicht aufs Vortrefflichste einzufangen verstehen. Der Schreibtisch steht vor den Fenstern. Beim Schreiben geht mein Blick hinaus ins Grüne, jedenfalls, wenn es dann demnächst mit dem Frühling ernst wird. Umgeben bin ich dabei von meinem ureigenen Dschungel aus Zimmerpflanzen. Die Wand hinter mir ist von Büchern besetzt, die in himmelblauen Regalen wohnen. Rechts ist eine Tür zum Wintergarten und links steht ein gemütlicher Ohrensessel im Blumengewand. Ich liebe diesen Raum, bietet er mir doch den richtigen Rahmen für konzentriertes und ergiebiges  Arbeiten. Wenn der Raum fertig gestaltet ist, hängen auch Bilder an den Wänden. Mit der Auswahl will ich mir noch Zeit lassen.

Stopp, ich schweife ab!
Nun in der Schublade des Schreibtisches fand ich ein Fragment. Ich hatte es schon vergessen. Die Wiederlesensfreude war groß. Nun sehen Sie selbst und sagen Sie mir, ob wir wohl gemeinsam eine Geschichte daraus spindeln können. Sie kennen ja meine besondere Vorliebe für Seefrauengarn und Seemannsgeschichten, für Fantastisches und Irrwitziges:

„Der Winter ist hart für Aurora, besonders, wenn die Temperaturen so tief sind, wie im Augenblick. Wo soll sie nur ihr Seil aufhängen? Doch ich habe taggeträumt und dabei erfahren, dass sie etwas Märchenhaftes erleben wird.
An einem besonderen Montag wird sie durch Schnee spazieren und sehnsüchtig in den blauen Himmel schauen. Sie übersieht, dass jemand den Knaldeckel über den Gulli entfernt hat und fällt in ein tiefes Loch. Sie landet in einem Müllberg am Rande des Abwasserkanals. Auf der anderen Seite dümpelt ein kleines Boot. Dank ihres Zauberseils schafft sie es, hinüber auf die andere Seite zu gelangen. Mit ihrem Balancierschirm rudert sie – mal recht, mal links paddelnd, durch den Kanal. Der Kanal ist ein Labyrinth . Wie soll sie hier jemals wirder heraus finden? Da begegnet ihr die Kanalratte Jack The Ripper.“
Über eine Antwort von Ihnen würde ich mich sehr freuen.

Herzlichst grüßt Sie Ihr Findevogel

Suzsa Bank: Die hellen Tage

Wenn ein Buch schon so beginnt:

„Ich kenne Aja, seit ich denken kann. Ich habe kaum eine Erinnerung an eine Zeit vor ihr, an ein Leben in dem es sie nicht gegeben hat, keine Vorstellung, wie sie ausgesehen haben könnten, Tage ohne Aja. Aja gefiel mir sofort. Sie sprach laut und deutlich und kannte Wörter wie Wanderzirkus und Schellenkranz. Zwischen anderen sah sie winzig aus, mit ihren kleinen Händen und Füßen, und als müsse sie dem etwas entgegensetzen, sprach sie in langen Sätzen, denen kaum jemand folgte, als wolle sie beweisen, dass sie laut reden konnte, ohne Pause und ohne Fehler. Sie zog in dem Jahr zu uns, in dem für uns Kinder nichts lustiger war, als unsere Namen rückwärts aufzusagen und uns laut Retep oder Itteb zu rufen. Aja hieß immer nur Aja.“

dann falle ich sofort hinein in eine Geschichte, die aus der Perspektive des Mädchens Seri erzählt wird.
Die Autorin zeichnet sensibel feine Charaktere und entwickelt die einzelnen Schicksale, der Hauptpersonen langsam. Feinfühlig und liebevoll nähert sie sich ihnen an. Wir erleben die Kindheit und das Erwachsenwerden von drei Kinder, die sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, in einer süddeutschen Kleinstadt, begegnen und Freunde fürs Leben zu werden. Mit ihnen erlebt der Leser die unendlich scheinenden Tage der Kindheit, in denen die Zeit noch keine Bedeutung hat und jeder Tag einer neuer herrlicher Anfang ist ebenso, wie die Irritationen des Erwachsenwerdens und das Hineinwachsen in die Verantwortung eines erwachsenen Lebens.
So wie die drei Kinder größer werden, genauer schauen, mehr Fragen stellen, sich entwickeln, tauchen die Geschichten ihrer Mütter zunehmend differenzierter aus der Vergangenheit hervor.
Der Roman nimmt sich Zeit, seine Geschichten zu erzählen.

„Zsuzsa Bank erzählt die Geschichte dreier Familien und begleitet ihre jungen Helden durch ein halbes Leben: Als Seri, Karl und Aja zum Studium nach Rom gehen, wird die Stadt zum Wendepunkt ihrer Biographien- und zur Zerreißprobe für eine Freundschaft zwischen Liebe, Verrat, Schuld und Vergebung.“(aus dem Klappentext)

Und auch die letzten Sätze des Buches – und es gibt viele Sätze, die klingen, nachwirken und die ich am liebsten herausschreiben möchte, um sie immer wieder zu lesen, zu erfühlen und zu kosten –  berühren mich noch sehr:

„Zigi hat das schiefhängende Tor gerichtet. Damit es getan ist, wenn der Winter kommen und Kirschblüt zudecken wird. Es schleift nicht mehr am Boden, es schiebt keine Steinchen mehr durch den Staub. Aber es ist ein Klang, der mich nie verlassen wird, ich kann ihn immer hören, jedes Mal, wenn ich das Tor öffne, um die wenigen Schritte über die losen Platten zu Evis Haus zu gehen, kann ich es hören, das Schleifen der Steinchen im Staub, und ich bin sicher, Aja und Karl, sie hören es auch.“

So lege ich das Buch nun zur Seite mit einem Gefühl, großer Dankbarkeit für diesen intensiven Lesegenuss.