Nur Mut!

Als sie nach langer Zeit beabsichtigt, nun endlich von der Schwelle zu springen und das Ängstliche und Bange hinter sich zu lassen, ist ihr seltsam zu Mute.
Innerlich vergleicht sie sich mit einem Schmetterling, der aus dem Kokon geschlüpft beginnt, seine feuchten Flügel zu öffnen und sie dem Wind und der Sonne auszusetzen.
Nicht ungefährlich, denkt sie, denn der Wind kann bisweilen stürmisch werden, zu Orkanstärken aufbrausen und so die zarten Flügel zerfetzen.
Die Sonne wird manchmal so heiß, dass alles Zarte und Zerbrechliche unter ihr versengt und vertrocknet.
Aber das ist dem Schmetterling egal. Was sind schon diese Gefahren gegen das unbändige Gefühl des Fliegens?

Warum zögert sie also noch?  Die Zeit ist reif. Nichts hat sie zu verlieren außer dem Mut, sich einzulassen.

Sie war in einer Höhle damals…

…daran erinnert sich Marie noch.

Viele Stufen steigt sie hinab in die dichter werdende Dunkelheit. Sie folgt dem Rhythmus der Trommeln, der dem Pulsschlag der Erde gleicht. Bedrängend schraubt er sich in ihre Ohren, legt sich auf die Haut, bis sie im Gleichklang vibriert. Irgendwann kann sie nicht mehr unterscheiden zwischen ihrem eigenen Puls und dem der Erde.
Innen und Außen sind beinahe gleich. Wo hört sie auf, wo fängt sie an? Sie weiß, dass sie eine Aufgabe zu erfüllen hat. Kein anderer Gedanke hat Platz in ihrem Kopf.

„Was war das noch?“
fragt sich Marie, während sie die Dunkelheit der Erinnerung zu lichten versucht.

Die Feuergnome warten. Weiter steigt sie hinab in das Innere der Erde. Gewölbe aus Stein schwitzen einen erdigen und mineralischen Geruch aus.

„Komisch“ denkt Marie, „ich erinnere mich, dass ich zwischendurch an Kohle und Kartoffeln dachte und Hunger bekam.“
Damals hielt sie nur ein Gedanke aufrecht:

„Ich gebe nicht auf.“
In der Hand hält sie den Smaragd, das Lichtgeschenk des grünen Delphins, der ihr Freund ist.

So allein ist die junge Frau, die zarte Feingliedrige in den roten Gewändern der heiligen Tänzerinnen.

Als Außenstehende frage ich mich:
Wo nahm Marie diesen Mut her?
Warum hat sie ausgerechnet diesen Weg gewählt?
Wohin führt er sie?

Wohin er führt, der Weg?
Marie würde es so beschreiben:
„Ich ging zu den Klippen der Zeit und folgte dem Rand des raumlosen Kraters. Mein Ziel war das Feuerportal mit dem janusköpfigen Aufsatz. Dieses hatte ich zu durchschreiten. Ein bezwingender Traum gebot es mir.“
Aber als es soweit ist, reißt die Zeit ihr Maul auf, wie ein gefährliches Raubtier. Es zeigt spitze Reißzähne, doppelreihig und kommt daher wie ein Drache – scheppernd, rasselnd, ratternd. Der Lärm zingelt Marie ein. Gefangen!

„Nein,“ ruft Marie, “ ich habe mich an einem großen Stein festgehalten, mich dahinter versteckt, und dann war es plötzlich vorbei. Ich bin einem sandigen Weg gefolgt und sah Tageslicht. Es blendete mich.“
Und dann war da nichts mehr, Blackout!

Marie weiß bis heute nicht, ob sie ihre Aufgabe erfüllt hat. Aber sie weiß, warum sie die Reise getan hat.
Um ihn zu finden, den Geflügelten, den Gefiederten, ihren Gefährten. Eine lange, gefährliche Reise würde sie unternehmen müssen, hat jemand ihr prophezeit, um ihn zu finden am anderen Ende der Welt.

Während Marie das erinnert, schlagen die Gefühle über ihr zusammen. Es ist wieder Flut – Sehnsuchtsflut! Schon so lange, immer wieder.
„Wird sich das jemals ändern.“ fragt sie sich, „Ebbe, Flut,die Gezeiten!“
„Vielleicht!“ spricht von fern eine tiefe Stimme.

Ein nagendes Gefühl bleibt zurück, wie Hunger. Sie hat ihn nicht gefunden.