Traumsequenzen 2

Eine Art von Seligkeit

Schon wieder Umzug in ein neues Haus
schlicht diesmal: Kiefer, klare Räume, weiße Wände
nichts, was ablenkt von den Bäumen hinter der Glasfassade
und doch fremd, unbewohnt, ohne Gebrauchsspuren
das andere, das nie fertig wurde, ich nie bewohnt habe, wird verkauft

Ich radle durch Pfützen und Schlamm
es regnet ohne Unterlass, Weltuntergangsstimmung seit Wochen
dabei hat die Sonne schon geschienen, der Apfelbaum geblüht und der Flieder geduftet
ich radle weg von Dränglern, Draufgängern und wortgewaltigen Despoten
weg von Hektik, Krieg und den Bildern der Gewalt
finde einen Ort, die neue zweistöckige Buchhandlung zwischen Wiesen und Feldern
ziehe ein kleines Bändchen mit Gedichten aus dem Bücherstapel am Eingang
packe mein Notizheft aus, ebenso klein
finde einen Platz oben zwischen den Regalen, gut gepolstert mit Ablagetischchen
ziehe die Knie an und schreibe ab
Zeile für Zeile, Wort für Wort
rote Tinte fließt aus meinem Füllfederhalter aufs Papier
ich sehe, wie es fließt, so als sei ich nicht beteiligt, so als schreibe es sich selbst
ich trinke Tee, eine freundliche Frau gießt mir Kaffee hinein, ich trinke
dann kommt das Kind zu mir her geflogen,
der kleine Sonnenschein kuschelt sich in meinen Schoß
und alles wird hell
alles macht Sinn
So kann es bleiben für einen langen Augenblick

Storrytelling und der magische Begleiter(2)

Die Wieselmaus liegt auf meiner Fensterbank zum Trocknen. Im Morgenlicht sieht sie aber eher aus wie eine uralte Echse. Ich fand sie ja bei den Bäumen, zu denen ich gerade eine Beziehung aufzubauen versuche. Es ist sogar schon eine Geschichte entstanden. Um die vier Bäume darin zu unterscheiden gab ich ihnen Namen, denn die Geschichte, die ich noch überarbeiten muss, ist ein Gespräch zwischen ihnen. Ich taufte sie Leo, Liz, Louis und Lou. Leo und Liz stehen nah beieinander. Sie gehören zusammen und deshalb sind jetzt beide meine magische Begleitung. Dieser Eingebung folgte ein Aha-Erlebniss: plötzlich sah ich Leos Gesicht, ein schmunzelndes Gesicht, etwas schief mit einem Geweih über dem großen Auge. War da der Schalk in seinem Auge? Louis, der mindestens genauso hoch gewachsen ist wie Leo, steht weiter entfernt in der Böschung zwischen Haselnuss, Holunder und Brombeere. Lou steht auch etwas entfernt, aber auf dem gleichen Wiesenflecken wie Leo und Liz. Gestern sah ich, dass besonders lange Zweige von Leo und Liz sich kreuzen und berühren. Weil Liz jetzt auch zu meiner magischen Begleitung gehört, hat sie gestern einen Brief von mir bekommen. Aus einem roten Kalenderblatt mit einem goldenen Buddah darauf, sieht sehr edel aus, wurde der Briefumschlag gefaltet und mit einem Gedicht von Elisabeth Borchers bestückt: „Nerudas Blau“. Wie gut, dass ich meine schönen alten Kalender nicht wegschmeißen mag und deshalb nun gutes Material für besondere Anlässe habe. Ich stelle mir gerade zwei Dinge besonders gerne vor:
1. wäre jeder Mensch Pate von einem kleinen Stück Erde mit Pflanzen darauf zum Hegen und Pflegen, unsere Welt würde anders aussehen. Ich gehe am nächsten trockenen Tag Müll sammel bei meinen vier Bäumen.
2. Bäume, mit vielen bunten Umschlägen geschmückt, die wie eine Wundertüte mit Wundertütenzeilen gefüllt sind und die jeder einfach mitnehmen darf. Also ich würde mich freuen, einen solchen Umschlag zu finden.